Poppenbüttel

Senioren in Angst vor weiterem Überfall

Der Messerangriff auf eine 93-Jährige beunruhigt andere Heimbewohner. Auch nach Foto-Fahndung keine konkreten Hinweise.

Poppenbüttel.  Nach dem Messerangriff auf die 93 Jahre alte Irene B. in ihrer Wohnung in einer Seniorenwohnanlage in Poppenbüttel, geht unter vielen der rund 1200 Bewohner und in vergleichbaren Wohnanlagen die Angst um. Die Täterin läuft weiter frei herum. Auf die Frau, die auf den veröffentlichten Bildern einer Überwachungskamera zu sehen ist, gibt es bislang lediglich vereinzelte Hinweise. Die Mordkommission hat demnach noch keine heiße Spur. Unklar ist weiter das Motiv für die Tat. Der Zustand der 93-Jährigen, so hieß es am Montag, sei auch nach einer Operation weiterhin „kritisch“.

„Seien Sie achtsam und lassen Sie keine Fremden ins Haus“, mahnte Frank Schubert vom Vorstand des Hospitals zum Heiligen Geist die schockierten und verunsicherten Altenheimbewohner am Tag nach dem blutigen Überfall. Auf einer kurzfristig am Montag einberufenen Hausversammlung riet er, den Notrufknopf immer nah am Körper zu tragen, um sofort Hilfe herbeirufen zu können. „Auch die Überfallene trug einen solchen Knopf, der ihr wahrscheinlich das Leben rettete“, sagte Schubert. „Am wichtigsten sei die Achtsamkeit untereinander und Fremden gegenüber. „Wir werden mit unseren Mietern Auffrischungen im Umgang mit dem Hausnotruf durchführen“, kündigte Schubert an.

Brutale Tat verunsichert Bewohner

Bewohnerin Ursula K. trägt immer einen Pieper bei sich. Die brutale Tat hat sie verunsichert. Jetzt ist sie am liebsten nur in Gesellschaft unterwegs. „Es passiert so viel mit älteren Menschen, man muss immer vorsichtig sein“, sagte die Frau. Das habe sie immer im Hinterkopf und plane ihre Wege so, dass sie möglichst kurze Strecken zu Fuß gehen muss.

Eine Bewohnerin, die seit vier Jahren im Altenheim lebt, habe sich, so sagt sie, bisher sicher gefühlt. Sie besucht ihren Mann, der in einem anderen Haus lebt, jeden Tag, und befürchtet nun, jemand könne ihr wegen ihrer Routine auflauern. Aufgrund ihres Rollators fürchtet sie, sich nicht verteidigen zu können, weshalb Ursula K. sie abends begleitet. „Dorothea ist sehr ängstlich und redet seit der Tat ständig darüber“, sagte Ursula K. über die Mitbewohnerin.

Heinz Arnecke erfuhr aus der Zeitung von dem Überfall

Bärbel K. hingegen hält den Überfall für eine Ausnahme und fühlt sich nach wie vor sicher. „Im Moment erzählt jeder etwas anderes, und viele lassen sich davon verunsichern oder steigern sich in etwas rein“, sagte die 80-Jährige. Sie wolle sich davon nicht beeinflussen lassen. In ihrem Haus gebe es eine Sicherheitsanlage im Flur, und das Licht würde automatisch angehen.

Bewohner Heinz Arnecke erfuhr aus der Zeitung von dem Überfall. „Ich war total überrascht. Wie unwahrscheinlich ist es denn, dass das ausgerechnet hier passiert?“, sagte der 89-Jährige. Er selbst, so sagt er, lasse sich davon nicht einschüchtern. Gerade viele Ältere seien jedoch beunruhigt – vor allem, weil noch nichts über den Tathergang oder das Motiv bekannt ist.

Diakonie betreibt 30 weitere Anlagen für betreutes Wohnen

Im Laufe der Woche soll eine weitere Informationsveranstaltung für alle Bewohner des Altenheims stattfinden. Dabei sollen Experten der Polizei Fragen der Mieter beantworten und weitere Sicherheitshinweise geben. „Uns ist es wichtig, dass die Mieter mit ihren Ängsten nicht alleine gelassen werden“, so Schubert. In anderen Wohnanlagen für Senioren geht man sensibel mit dem Thema um.

Einen Raubüberfall wie in Poppenbüttel habe es noch in keiner anderen Einrichtung gegeben, sagte Steffen Becker, Sprecher der Diakonie, die neben dem Hospital zum Heiligen Geist etwa 30 weitere Anlagen für betreutes Wohnen betreibt. „Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Überfall in Poppenbüttel um einen Einzelfall handelt.“ Auch in den etwa 350 Wohnungen, die die Dienstleistungs- und Vermietungsgesellschaft MSD an vier Standorten in Hamburg für betreutes Wohnen anbietet, kam es noch nie zu einem Überfall. „Das, was in Poppenbüttel geschehen ist, hat man zwar im Kopf“, sagte eine Mitarbeiterin. Pförtner gebe es in den Einrichtungen nicht, aber die Bewohner wären „nicht besorgt“.

Weitere Info-Veranstaltung für alle Bewohner geplant

Im Cora Seniorenpflegeheim in Volksdorf gebe es mehrere Sicherheitsmaßnahmen, sagte Leiterin Sabine Becker. So seien die Haustüren von außen ohne Schlüssel nicht zu öffnen, tagsüber sei die Rezeption besetzt, nachts gebe es einen Nachtdienst. „Unsere Bewohner legen Wert auf das Gefühl von Sicherheit“, so die Leiterin. Die Genossenschaft vhw, die in drei Seniorenresidenzen betreutes Wohnen anbietet, sagt über die dort geltenden Sicherheitskonzepte: „Die Empfangsbereiche unserer Einrichtungen sind während der Öffnungszeiten besetzt“, so Sprecherin Annika Kleine. Außerhalb der Öffnungszeiten seien die Türen verschlossen.