Wandsbek

Der Stadtteil Rahlstedt fühlt sich abgehängt

Das Freibad am Wiesenredder, einer Art Naherholungsgebiet für die Anwohner, steht vor dem Aus

Das Freibad am Wiesenredder, einer Art Naherholungsgebiet für die Anwohner, steht vor dem Aus

Foto: Andreas Laible / HA

Das Ortszentrum darbt, die Straßen sind verstopft. Der Stadtteil am Stadtrand kommt sich alleingelassen vor. Eine Analyse.

Hamburg.  Rahlstedt gilt als verträumter Vorort an der Landesgrenze zum Kreis Stormarn, der seinerseits eine größere Ansammlung von Vororten zu sein scheint. Sauber gefegt, überzogen mit ordentlichen kleinen oder noch ordentlicheren großen Einfamilienhäusern wie mit einer unkaputtbaren Schicht Zuckerguss gegen Störungen der bürgerlichen Behaglichkeit. Bis heute halten viele Rahlstedter am Selbstverständnis vom schönen Leben im heilen Vorort fest. Auch gegen die immer offensichtlicher werdenden äußeren Anzeichen.

Gegen das Faktum des sozialen Brennpunktes im Rahlstedter Ortsteil Großlohe. Gegen den jahrzehntelangen Abwärtstrend der Einkaufsmeile im Ortszentrum am Bahnhof. Gegen den Bedeutungsverlust Rahlstedts für die Gesamtstadt.

Mittlerweile dreht sich die Stimmung. Das Bröckeln der Fassade wird wahrgenommen. Immer mehr Rahlstedter fühlen sich abgehängt. Von der Zeit, der Entwicklung, von anderen Stadtteilen, von der Politik. Rahlstedter Wirtschaftsleute wollen jetzt einen Verein gründen, der den Standort besser präsentiert und vernetzt. Protestler aus Großlohe haben eine Bürgerinitiative gegen die schwindende Lebensqualität in ihrem schwierigem Umfeld gegründet. Sichtbar wird eine Gemengelage, die so keiner gewollt, aber auch niemand verhindert hat. Oder verhindern konnte.

Zum einen gibt es immer mehr Wohnungsbau – Rahlstedt hat durch die Schließung und Neunutzung der Kasernen nach dem Fall der Mauer viel Zuzug erfahren. Und der Bauboom hält an. Aber die Neubürger kaufen nicht in Rahlstedt ein, und sie arbeiten auch nicht in Rahlstedt. Sie wohnen bloß und fahren hin und her.

Identifikationspunkte und Grünflächen verschwinden

Zum andern macht der ständig wachsende Autoverkehr die in ihren Kapazitäten weitgehend unveränderten Straßen immer langsamer. Hinzu kommt die umstrittene rot-grüne Radwegepolitik: In monatelanger Arbeit wurde die Rahlstedter Straße, eine Hauptverkehrsader durch den 87.000-Einwohner-Ort, „umgestaltet“. Jetzt liegt der Radweg auf der vorher schon schmalen Straße und entschleunigt den ohnehin stockenden Verkehr. Der weicht in die noch schmaleren Wohnstraßen aus und verbreitet City- statt Vorort-Feeling. Stau allüberall.

Rahlstedt nimmt zudem sehr viele Flüchtlinge auf – es gab keine Bürgerinitiative, die den Senat per Bürgervertrag zur Reduzierung der anvisierten Zahlen zwang. Die Willkommenskultur hielt sich zwar in Grenzen, der Drang zum öffentlichen Protest aber eben auch. Die Folge: Es wurde nicht reduziert. Es gibt die neue Zentrale Erstaufnahme am Bargkoppelweg, in der bis zu 2200 Flüchtlinge aufgenommen werden können, außerdem sieben weitere, größtenteils schon fertige Unterkünfte mit noch einmal rund 3000 Plätzen.

Ein weiterer Punkt: Immer mehr Grünflächen verschwinden – zum Wohnungsbau kommen zwei neue Gewerbeparks an der Landesgrenze hinzu, die für viele darüber hinaus ungeklärte Verkehrsprobleme mit sich bringen. Vor allem Transitverkehr, der sich durch die Rahlstedter Straße quälen soll oder über den Höltigbaum in Richtung Berne, wo die Straße ebenfalls schmal und zweispurig wird. Die Großloher Bürgerinitiative organisiert Protest, unterstützt jetzt auch von der CDU. Die aber hat in der Wahrnehmung der Betroffenen ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil sie das Gewerbegebiet vor Jahren selbst mit angeschoben hat.

Außerdem verschwinden die Identifikationspunkte. Das Ortszentrum biete kein „Flair“, heißt es. Am frühen Abend schon erstirbt das Leben da, dann beherrschen kleine Gruppen Bier trinkender Jugendlicher die Szene. Das mag im Schanzenviertel okay sein, Rahlstedt aber sieht sie als Ärgernis. Und das Gastro-Angebot liegt allenfalls im Segment untere Mittelklasse. Da bleiben die Rahlstedter aus den teuren Wohnstraßen lieber zu Hause. Oder sie setzen sich ins Auto.

Und jetzt ist auch noch das Freibad in Gefahr. Die stadteigene Bäderland GmbH dementiert zwar, denkt aber nach eigenem Bekunden „auf der Idee eines beheizten Außenbeckens am Hallenbad Scharbeutzer Straße herum“. Würde die Idee realisiert, so erklärte die SPD im Regionalausschuss, verlöre das alte Freibad am Wiesenredder seine Funktion.

Den CDU-Antrag zum Erhalt der um die 20.000 Quadratmeter großen grünen Ikone, die vielen armen Großlohern wegen der geringen Eintrittspreise eine Art Sommerurlaub ermöglicht, schmetterte sie zusammen mit dem Koalitionspartner Grüne ab. In Großlohe wächst Widerstand.

Engagement der Bürger wird zum Problem

Rahlstedt hat Geld. Mäzene auch. Und Bürgersinn. Aber das Engagement ist selten erwünscht von Verwaltung und Politik und treibt beide nicht zu Höchstleistungen. Siehe die hölzerne Fußgängerbrücke zum städtischen Kundenzentrum. Als sie hinfällig geworden war, ließ die Stadt sie ohne langes Fragen samt der intakten Fundamente abreißen. Erneuerung? Nein, das Geld könne sinnvoller eingesetzt werden, hieß es vonseiten der Verwaltung. Die 400 Meter Umweg für Kunden, die von der Ortsmitte ins Amt streben, seien zumutbar. Die Honoratioren schäumten. „Nicht mit uns!“, hieß es im Bürgerverein.

Er sammelte erst Unterschriften, dann rund 35.000 Euro für eine neue Brücke. Die will der Bürgerverein in Eigenregie bauen, die Baugenehmigung ist da. „Na also!“, dachten die Initiatoren und beantragten die fehlenden 34.000 Euro im Finanzausschuss der Bezirksversammlung. Ein Discountpreis.

In früheren Jahren waren schon einmal gut 60.000 Euro für die Brücke bewilligt, aber nicht abgerufen worden. Doch jetzt steht die SPD auf der Bremse und meldete „Beratungsbedarf“ an. Es sei unklar, ob der Bürgerverein ohne einen Mitgliederbeschluss so weitreichende Haftungsrisiken übernehmen könne wie von der Verwaltung verlangt. Garantierter Winterdienst, Verkehrssicherung, Übernahme der Abrisskosten bei Abgängigkeit.

Am Ende wird auch die SPD zustimmen. Denn sie weiß nicht, wie sie Nein sagen soll zu einer bürgerlichen Brücke, die sie so nicht gewollt, aber auch nicht verhindert hat. Oder nicht verhindern konnte. Schließlich will sie nicht gegen die Bürger regieren. Zumindest nicht gegen die Honoratioren.