Serie

Bezirk Wandsbek: Jeder fünfte Flüchtling lebt hier

Preise zu hoch, Lage zu mäßig: Die Vermarktung des Projekts Jenfelder Au läuft schleppend

Preise zu hoch, Lage zu mäßig: Die Vermarktung des Projekts Jenfelder Au läuft schleppend

Foto: West 8

Das Abendblatt stellt in einer Serie vor, was die sieben Hamburger Bezirke im Jahr 2016 planen. Heute Teil 5: Wandsbek.

Wandsbek.  Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Auch 2016 wird es für die Wandsbeker in erster Linie darum gehen, Flächen für die „öffentliche Unterbringung“ zu finden, an die Landesbehörden zu melden und vor Ort den Boden zu bereiten für eine gute Nachbarschaft und motivierte Helfer. Aber für die Planer der tonangebenden SPD heißt der Auftrag dasselbe wie Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen.

Die Jugendhilfe kann durchatmen: Der Senat hat den Bezirken für soziale Einrichtungen in der Nähe der zu schaffenden Flüchtlingsgroßsiedlungen eine Million Euro versprochen. Es ist zwar noch völlig unklar, wie das Geld verteilt und eingesetzt werden soll, aber es sieht so aus, als sei das Siechtum der Jugendhilfe-Einrichtungen vorerst gestoppt. Anfang des Jahres sollen Gespräche mit Trägervereinen klären, wo zusätzliche Angebote möglich und sinnvoll sind.

1 bis 4 Flüchtlingsunterkünfte: 1100 Wohnungen im regulären Wohnungsbauprogramm und 800 Flüchtlingswohnungen im neuen, jetzt baugesetzlich zulässigen Expressverfahren soll der Bezirk 2016 schaffen. Die Grünen bestehen auf einer hohen Bauqualität im Kfw-40-Standard. Sie wollen ökologische Bauten mit Gründächern auch im beschleunigten Verfahren realisieren, auf dass die städtebauliche Qualität unter der angestrebten Geschwindigkeit nicht leide. Der SPD reicht das aber nicht. Sie will die 1100 Wohnungen aus dem „Vertrag für Hamburg“ noch aufstocken und dafür Anfang des Jahres mit dem Koalitionspartner geeignete Grundstücke suchen. Außerdem setzt sie beim beschleunigten Bauen auf Nachverhandlungen im Bund: Im Baugesetzbuch sollen demnach für das Expressbauen mit nachgereichten Bebauungsplänen und Genehmigungen noch Öffnungsklauseln zugelassen werden. Das soll eine Durchmischung der Großsiedlungen erlauben. Derzeit ist das beschleunigte Bauen nur zulässig, wenn allein Flüchtlinge einziehen.

Wie allerdings innerhalb nur eines Jahres drei Großsiedlungen in Poppen- (1) und Hummelsbüttel (2, 3) fertig und bezogen werden können, hat sich den Wandsbeker Politikern noch nicht voll erschlossen. „Die Bauherren sagen, sie schaffen das“, heißt es hoffnungsvoll. Andererseits ergaben Nachfragen im Amt, dass der Bau noch gar nicht feststehe. „Es besteht Interesse von potenziellen Bauherren“, hieß es. Dank einer großen Kraftanstrengung hat aber der mit 400.000 Einwohnern größte Hamburger Bezirk 2015 auf die Überholspur gefunden und bringt nun 22 Prozent der Hamburger Flüchtlinge unter.

An der Oktaviostraße (Marienthal) und am Fiersbarg (Lemsahl) sind dafür auch – vorübergehend, wie es heißt – Flächen aus dem Wohnungsbauprogramm für Notquartiere rekrutiert worden. Anfang 2015 war das noch ein absolutes Tabu. Aber die Ereignisse haben diese Politik überholt. Erst hinsichtlich der Flüchtlingszahlen, dann in Gestalt von Anwohnerwiderständen vor Ort. So wurde gerade die 1000 Plätze große Unterkunft Fiersbarg (4) vom Verwaltungsgericht gestoppt. Womit Vergleichsverhandlungen auf dem Programm der Politik stehen. In Poppenbüttel (1) laufen sie schon.

Die verstärkte Ansiedlung von Flüchtlingen im grünen Alstertal und den Walddörfern „urbanisiert“ derzeit den Stadtrand deutlich stärker als geplant, während die in der Mitte des Bezirks gewollten Bevölkerungszuwächse schon jetzt an die Grenzen der Infrastruktur stoßen. Die drei Großsiedlungen entstehen auf grüner Wiese, zwei davon müssen auf die Nahversorgung der sozial nicht eben starken Nachbarn am Tegelsbarg und im Norderstedter Hochhausviertel zurückgreifen.

5 Marktpassage Bramfeld: So ein Krisenmanagement lässt langfristige Entwicklungsperspektiven eher in den Hintergrund treten. Besonders in der Stadtplanung. Gemäß dem SPD-Papier „Wandsbek Impuls“ soll der Bezirk seine „Mitte“ entwickeln. Der zwischen dem grünen Alstertal und den innerstädtischen Stadtteilen Wandsbek und Eilbek liegende, etwas indifferente Gürtel von weder wirklich grünen noch richtig urbanen Stadtteilen soll städtischer werden. In Rahlstedt, Tonndorf, Farmsen-Berne, Bramfeld und den stadtnahen Teilen Hummelsbüttels soll die Bevölkerung wachsen und mit ihr die Vielfalt, das Arbeitsplatzangebot und die Kaufkraft. Das soll den Lebensstandard langfristig sichern helfen.

Farmsen-Berne und Bramfeld sind noch weitgehend im Plan geblieben. Der Bebauungsplan für die Marktpassage zwischen Dorf- und Marktplatz in Bramfeld ist beschlossen. Zwar hat der Investor gewechselt, aber realisiert werden soll die Passage trotzdem wie geplant. Im Februar sollen die Bauanträge eingereicht werden, spätestens Mitte 2016 soll der Bau des 40-Millionen-Euro-Projekts starten.

6 Kulturinsel Bramfeld: Wenn die Koalition ihre Ankündigung einer „gerechten Verteilung“ wahr macht, werden auch größere Flüchtlingsunterkünfte in Bramfeld errichtet. Derweil ist die geplante U-Bahn für Bramfeld bisher nur ein Versprechen. Ihr Fehlen wird sich bei kräftigen Zuzügen mindestens ebenso negativ bemerkbar machen wie der Verzug bei der Neugestaltung der geplanten „Kulturinsel“ rund um den Bramfelder Kulturladen (Brakula). Für die Sanierung des Brakula (läuft) und den gleichzeitigen Neubau der Insel reicht die Kraft der beiden Trägervereine nicht.

7/8 Wohnungen: In Farmsen-Berne ist Wohnungsbau entlang der August-Krogmann-Straße (7) geplant, ebenso gegenüber auf dem Gelände des Berufsförderungswerks und am Berner Heerweg (Heuorts Land). Zusätzlich will die Wandsbeker SPD am U-Bahnhof Farmsen (8) neben der Eissporthalle Wohnungen bauen lassen. Dennoch gibt es Unstimmigkeiten in Farmsen-Berne, weil die Flüchtlingshilfe vielen Nachbarn zu viel abverlangt und der Bahnhof als Anlaufstelle für Menschen mit Langeweile in Verruf gerate. Deutlich mehr als 1000 Wohneinheiten sollen noch entstehen, hinzugekommen sind Flüchtlingsunterkünfte mit knapp 1000 Plätzen im Bahnhofsumfeld.

Dem gegenüber stehen eine heute schon an der Kapazitätsgrenze fahrende U-Bahn-Linie U 1, Sportvereine mit gutem Willen, aber wenig Geld und Trainingsmöglichkeiten sowie ein Mangel an Einrichtungen der Jugendhilfe oder Versammlungsmöglichkeiten ohne Verzehrzwang.


9
Mittelachse Steilshoop: In Steilshoop mahlen die Mühlen weiterhin langsam. Der Neubau des zentralen Fußweges, der „Mittelachse“, hat begonnen, aber der Marktplatz kann erst mit einem Jahr Verspätung Anfang 2017 in Angriff genommen werden, weil das Bürgerbegehren gegen das Baumsterben Neuplanungen erforderlich macht und die Fällsaison 2015 vorbei ist.

10 Quartierszentrum: Das Quartierszentrum Steilshoop, das die im alten Bildungszentrum untergebrachten sozialen Einrichtungen des Stadtteils aufnehmen soll, wird deutlich kleiner und trotzdem teurer.

11 Campus: Auch beim auf rund 35 Millionen Euro veranschlagten Campus Steilshoop, der das Bildungszentrum ersetzen soll, will die Stadt sparen und setzt sich über den Rat des Architekten hinweg. Anfang 2016 ziehen noch Elternschule und Haus der Jugend aus, im Frühjahr 2016 soll der Abriss starten. 2019, so der Plan, wird der neue Campus samt Quartierszentrum fertig.

12 Jenfelder Au: Beim einstigen Vorzeigeprojekt Jenfelder Au (770 Wohnungen) läuft die Vermarktung der Grundstücke nur schleppend. Die Lage gilt als mäßig, der Preis als zu hoch. Investoren zögern, für Flüchtlinge soll das Gelände aber 2016 nicht genutzt werden.


13
Radverkehr: Auch dem „Bündnis für den Radverkehr“ hat die Koalition in Wandsbek Leben eingehaucht. Die Walddörferstraße zwischen Friedrichsberg und Farmsen könnte komplett zur Fahrradstraße werden und sogar noch den ersten Teil des Berner Heerwegs bis zum Farmsener Einkaufszen­trum mit einbeziehen. Anfang des Jahres sollen die Entscheidungen dazu fallen.