Eltern der Unfalltoten

„Die Person muss sich ihrer Schuld bewusst werden“

Blumen für Kathrin David an der Poppenbütteler Hauptstraße nach dem tödlichen Unfall am 1. November

Blumen für Kathrin David an der Poppenbütteler Hauptstraße nach dem tödlichen Unfall am 1. November

Foto: Michael Arning / HA

Ein Unbekannter hat Kathrin David in Poppenbüttel mit seinem Auto totgefahren und ist geflüchtet. Jetzt sprechen die Eltern.

Sie haben das Zimmer im Obergeschoss abgeschlossen. Den Schlüssel umgedreht und versucht, die Zeit anzuhalten. Ihre Tochter Kathrin hatte schon einen Tischkalender mit „Minions“-Figuren für 2016 aufgestellt und ihre Feuerwehrmütze an einem Schrank aufgehängt. Christian und Heike David dachten, sie könnten ihre beiden Söhne so schützen. Dann nahmen sie sich in den Arm und weinten.

„Man ist irrational in dieser Situation“, sagen beide. Christian David ist ein wuchtiger Mann, seit 18 Jahren bei der Feuerwehr. Jetzt irrt sein Blick ständig umher. Heike David ist der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Es ist nun fast zwei Wochen her, dass die Davids ihre 21 Jahre alte Tochter verloren haben. Allem Anschein nach rammte ein Auto die junge Frau, der Fahrer oder die Fahrerin ließ sie sterbend auf der Poppenbütteler Hauptstraße liegen und flüchtete unerkannt vom Unfallort. Nur 82 Schritte vom Haus der Familie entfernt. Warum sie nachgezählt haben, wissen beide nicht.

Zum ersten Mal seit dem Unfall am 1. November sprechen die Eltern nun öffentlich über ihre Trauer und ihre Wut. „Wir brauchen Antworten, um den Schmerz bewältigen können. Die Person, die das gemacht hat, muss sich zu erkennen geben“, sagt Christian David. Die Familie meldete sich beim Abendblatt, um den Täter direkt anzusprechen.

Christian David: „Wir wollen keine Rache, aber Recht. Dafür muss sich die Person ihrer Schuld bewusst werden.“ Nach zwölf Tagen gibt es noch immer keine konkreten Spuren zu dem Täter oder der Täterin. „Unsere Nachbarn, aber auch alle umliegenden Stadtteile nehmen großen Anteil und helfen. Das fängt uns etwas auf, wir sind unendlich dankbar“, sagte Heike David, die Mutter von Kathrin.

Kathrin half fremden Unfallopfern und ihren behinderten Brüdern

Die 21-Jährige hatte am Sonntagmorgen gegen 5 Uhr das Lokal „Poppy“ an der Harksheider Straße verlassen, wo sie sich mit ehemaligen Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr traf. Etwa 15 Minuten später soll sich die Kollision rund 50 Meter vor Kathrins Elternhaus ereignet haben. Als ein Taxi die Unfallstelle passierte, riefen Fahrgäste die Polizei. Mit schwersten Verletzungen am Oberkörper wurde die Frau in das Krankenhaus Heidberg gebracht, wo sie wenig später starb.

Nach Angaben eines Polizeisprechers sind „etwa ein Dutzend Hinweise“ möglicher Zeugen eingegangen. Die Ermittler sind noch immer damit beschäftigt, den Unfallhergang zu rekonstruieren. „Es gibt widersprüchliche Angaben und Indizien. Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte der Sprecher. Die 21-Jährige soll am Dienstag beigesetzt werden. Kathrin, die seit mehreren Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr war und dort auch selbst Unfallopfern half, litt an Epilepsie. „Unser Leben und das des Fahrers sind für immer verbunden“, sagt Christian David. „Er oder sie wird an Kathi denken müssen, wenn er Kinder hat, eine junge Frau sieht, vielleicht einen Enkel bekommt. Uns bleiben nur viele Fragen.“ Das Ehepaar will, dass eine Tempo-30-Zone vor ihrem Haus und der nahen Kita eingerichtet wird. „Wenn zumindest ein Autofahrer den Fuß vom Gas nimmt, ist schon etwas erreicht“, sagt der Vater.

Ohne Kathrin hätte das Leben der Familie vielleicht nie funktioniert. Ihr sechs Jahre alter Bruder Vincent ist geistig behindert, der erwachsene Sohn der Familie leidet am Asperger-Syndrom. Kathrin war das Mittelkind und eine Art „Kit“ für die Familie. „Sie hat immer angepackt, geholfen, ohne Bedingung“, sagt ihre Mutter.

Als andere im Jugendalter rebellierten, trat Kathrin in die Freiwillige Feuerwehr ein. Erst Löschübungen, später Einsatzdienst, auch an Unfallstellen. Christian David war stolz, sprach mit den Kollegen über seine „Nachwuchshoffnung“.

Bevor sie am Wochenende zu Partys ging, präsentierte sie Mutter Heike ihr Outfit. „Was sagst du? Geht das? Das muss ja zusammenpassen“, habe sie immer gerufen, „wir haben das dann geregelt“, sagt ihre Mutter. Kathrin suchte eine Lehrstelle, fand sich gerade zurecht in der eigenen Freiheit.

„Kathi ist fort und kommt nicht mehr zurück“

Die ersten Stunden nach dem Tod waren ein Erdbeben, sagt Christian David. „Aufbegehren, Nicht wahr haben wollen, Leere, Tränen, Schreie. Das kommt in Schüben, sekundenschnell.“ Polizisten vermessen mit einem Spezialgerät jeden Zentimeter auf der Straße. Psychologen kommen in das Haus, sie sagen nicht viel. Das Ehepaar überbringt ihren Söhnen die Nachricht.

„Kathi ist fort und kommt nicht mehr zurück“. Dann kommen die Fragen, die bleiben werden. „Ich kann nachvollziehen, dass jemand zu schnell fährt. Ich kann nachvollziehen, dass man nach einem plötzlichen Unfall schockiert ist. Aber dieses Verhalten?“, fragt Christian David. Die Nachricht vom Tod der 21-Jährigen spricht sich schnell herum. Eine Nachbarin bringt selbstgemachte Suppe, ein weiterer holt in den nächsten Tagen die Brötchen. Die Freunde von Kathrin gründen Facebook-Gruppen und stellen Kerzen an der Straße auf. „Wir bekommen noch immer Gesten und Briefe aus Poppenbüttel, Lemsahl, Sasel, auch aus Norderstedt“, sagt Christian David. „Das hätten wir nicht erwartet.“

Der älteste Sohn hilft bei den Einladungen zur Trauerfeier – so gut es geht. Einige Tage nach dem Tod greift sich der kleine Vincent irgendwo im Haus Schminksachen von Kathrin, lackiert sich die Nägel und tritt vor die Eltern. „Er verarbeitet das auf seine Weise“, sagt Heike David. Danach schließen die Eltern das Zimmer ihrer Tochter wieder auf, Vincent soll trauern können. Nach zwei Wochen hat sich der Schmerz verändert, sagt das Ehepaar. „Die ganze Organisation hält uns im Betrieb“, sagt Heike David.

Die beiden rechnen nicht damit, dass sich der Täter zu erkennen gibt. „Aber wenn diese Person Kinder hat, wird sie es spüren. Wenn er seine Tochter zum Traualtar begleitet, wenn er eine Enkelin bekommt, dann wird sie fühlen“, sagt Christian David. Seine Frau hält sich an ihren Blusenknöpfen fest, das Thema Großeltern habe sich für sie selbst erledigt, sagt sie dann.

Mit der Trauerfeier wird für die Familie eine neue Zeit beginnen. „Dann werden wir uns mit dem Gedanken befassen müssen, dass das alles vielleicht nie endet, nie aufgeklärt wird“, sagt die Mutter. Die Davids wollen sich eine Geste einfallen lassen, ein Ritual dafür, wenn sie die Unfallstelle passieren. „Vielleicht sagen wir einfach jedes Mal: ,Hallo Kathi‘.“ Sie wird es hören, daran wollen ihre Eltern glauben.

Die Polizei sucht dringend weitere Zeugen des Unfalls vom 1. November. Telefon: 428 65 39 71.