Von Mensch zu Mensch

Mit Assistenzhund unterwegs – nicht alle haben Verständnis

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Heike Wander
Tina Janne Pallentien und Assistenzhund Jule geben sich „High five“.

Tina Janne Pallentien und Assistenzhund Jule geben sich „High five“.

Foto: Privat / Privat / Tina Janne Pallentien

Eine neue Verordnung erlaubt die Mitnahme von Assistenzhunden fast überall hin. Doch das klappt nicht immer reibungslos.

Hamburg.  „Der Hund muss aber draußen bleiben!“ Diesen Satz hört Tina Janne Pallentien fast täglich, wenn sie mit Jule in den Supermarkt geht. Die sechsjährige Hündin ist ein ausgebildeter Assistenzhund. Das Tier trägt eine entsprechende Kenndecke und darf eigentlich offiziell überall mit hinein, „wo ich mit Straßenschuhen reindarf“, sagt die 50-Jährige.

„Die Menschen wissen das aber meist nicht und ich werde häufig regelrecht angeschnauzt.“ Das setzt die ohnehin ängstliche Lokstedterin, die sich ohne ihre Hündin kaum aus dem Haus traut, noch mehr unter Druck.

Die ausgebildeten Assistenzhunde dürfen mit ins Museum und zum Friseur

Für eine sogenannte Mensch-Assistenzhund-Gemeinschaft wie die von Pallentien und Jule gibt es eine neue Assistenzhundeverordnung, die am 1. März dieses Jahres bundesweit in Kraft trat. Sie beinhaltet auch eine Duldungspflicht beim Zutritt zu öffentlich zugänglichen Anlagen und Einrichtungen. Diese Pflicht gilt für Menschen mit Behinderungen, die sich durch einen Assistenzhund begleiten lassen.

„Das bedeutet: Nach bestandener Abschlussprüfung dürfen Hund und Halter gemeinsam viele Orte betreten wie im Einzelhandel, in der Gastronomie, bei Friseuren, Freizeiteinrichtungen, Museen, Kinos, Arztpraxen und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens“, sagt Sina Rademacher, die Assistenzhunde ausbildet. Sie war Jules Trainerin.

Ein Assistenzhund ist speziell auf die Bedürfnisse eines bestimmten Menschen ausgerichtet – am bekanntesten sind Blindenhunde. Doch viele Behinderungen wie Epilepsie oder Diabetes sind nicht sichtbar. „Diese Leute kriegen wirklich eine Menge ab an Sprüchen wie zum Beispiel: ,Sie sehen ja gar nicht behindert aus, wieso haben Sie denn so einen Hund?‘“, sagt Sina Rademacher, „da wird auch direkt nachgefragt, wofür der Hund genau ist. Das ist übergriffig, so etwas erzählt man ja nicht einfach jedem.“ Sie sieht einen Assistenzhund als Hilfsmittel – ähnlich wie einen Rollstuhl, den ein behinderter Mensch ebenfalls nicht einfach vor einem Geschäft stehen lassen kann.

Jule übernimmt nicht nur verschiedene Aufgaben, sondern beruhigt ihre Halterin auch

Nun gibt es einheitliche Prüfungen und Vorgaben für die Ausbildungsstätten, die Assistenzhunde sollen künftig einheitlich gekennzeichnet werden, ihre Halter mit Behinderung bekommen einen Lichtbildausweis und können damit nachweisen, dass es sich um einen solchen Hund handelt. „Die behördlichen Strukturen dafür werden allerdings gerade erst aufgebaut, in Hamburg gibt es noch keinen direkten Ansprechpartner“, sagt Rademacher.

Jules Begleitung bedeutet für Tina Janne Pallentien mehr Normalität und Freiheit in ihren sehr eingegrenzten Möglichkeiten. Mit der Hündin kann sie sogar wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. „Überall, wo viele Menschen sind, habe ich Schwierigkeiten und bekomme Panikattacken“, sagt sie. Deshalb ist Jule immer dicht bei ihr und sorgt dafür, dass Menschen nicht zu nah herankommen.

Und die Hündin hilft, wenn sie Ängste hat. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass irgendwer in meiner Wohnung ist. Auf Kommando geht Jule dann in alle Räume und checkt diese ab. Oder sie bringt mir mein Telefon oder meine Medikamententasche auf Zuruf. Sie erkennt auch vorzeitig, wenn ich in eine Angststarre zu fallen drohe. Dann sucht sie Kontakt zu mir, stupst mich an, leckt meine Hand und verhindert, dass ich da reinfalle.“

Die Trainerin erkannte in Jule ihre Fähigkeiten als Alltagshelferin – bei einem Besuch im Tierheim

Denn so ein Zustand kann mehrere Stunden dauern. Pallentien würde dann dasitzen, ohne sich bewegen zu können – ähnlich wie in einem Alptraum gefangen. „Da hab’ ich früher oft dringehangen“, sagt sie. Die Hündin kommt aus dem Tierheim, wurde aber, so Pallentien, zum Glück von Sina Rademacher und ihr als „Rohdiamant“ gesehen. Ende April bestanden sie die Abschlussprüfung zum Assistenzhund mit einer Eins.

Was war die größte Schwierigkeit für das Tier? „Da sie ein Straßenhund ist, hat sie immer Hunger. Eine Übung ist: Der Hund muss an Futter ohne Leine ,bei Fuß‘ vorbeigehen. Das ist für Jule total unlogisch, Futter ist Beute, und wenn es auf dem Boden liegt, ist es ihrs.

Oft hat sie in der Hundeschule mit anderen Hunden die Trainer ausgetrickst: Der eine Hund hat vorne abgelenkt, der andere hintenrum das Leckerli geschnappt. Oder Jule hat eine ausgelegte Futterspur von hinten wieder eingesammelt.

In Dänemark wurde Jule als „Service Dog“ problemlos akzeptiert

Dass sie nun so toll ist, mich sogar aus Geschäften herausführt, wenn ich eine Panikattacke habe, ist ein Traum. Ich freue mich so sehr, dass der Verein Hamburger Abendblatt hilft mich bei den Kosten für Jules Ausbildung unterstützt hat!“, sagt die stolze Hundebesitzerin.

Sie wünscht sich, dass Assistenzhunde als selbstverständlich genommen werden – so, wie sie es kürzlich in Dänemark erlebte, einem Land, in dem für Hunde sehr strenge Vorschriften gelten: „Ich habe nur positive Erfahrungen dort gemacht, wenn Jule die Kenndecke anhatte.

Dann kamen wir selbstverständlich rein, ob ins Geschäft, Museum oder in eine Ausstellung. Da hieß es: ,Service Dog? Come in!‘ Wir waren nichts Besonderes. Das war schön, da habe ich mich frei gefühlt.“