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Etwas Luxus für die ukrainischen Geflüchteten

| Lesedauer: 8 Minuten
Sabine Tesche
Beauty Day im Schrødingers City Kids: Mariia Rudbari manikürt die Nägel von Anna Myronchenko – sie freut sich, etwas verwöhnt zu werden.

Beauty Day im Schrødingers City Kids: Mariia Rudbari manikürt die Nägel von Anna Myronchenko – sie freut sich, etwas verwöhnt zu werden.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Das Schrødingers City Kids im Schanzenpark bietet Frauen auch einen Schönheitstag. Der Abendblatt-Verein unterstützt das Zentrum.

Hamburg. Geduldig sitzen die Frauen und Kinder im Souterrain des Schrødingers City Kids und warten, bis sie an der Reihe sind. Vor dem großen Spiegel des Tanzraums, in dem am Tag zuvor noch die kleinen ukrainischen Gäste Hip-Hop getanzt haben, stehen kleine Tische mit je zwei Stühlen. Eine Friseurin, eine Kosmetikerin und eine Nageldesignerin bieten ihre Dienste an – alle kostenfrei. Denn es geht darum, den ukrainischen Frauen eine Freude zu machen, ihnen einen Moment von Luxus zu gönnen.

Es ist der „Beauty Day“ in dem Begegnungszentrum für ukrainische Geflüchtete im Schanzenpark. „Ich hatte die Idee, dass wir regelmäßig so einen Schönheitstag machen sollten, und unsere Dolmetscherin Yelyzaveta rief ihre Freundinnen an, postete dazu einen Aufruf in den sozialen Medien und jetzt gibt es ihn alle zwei Wochen. Er wird unfassbar gut angenommen, die Frauen können sich ja sonst solche Dienste kaum leisten“, berichtet Helge Maria Hümpel, Projektkoordinatorin bei Schrødingers City Kids. Das Projekt wird vom Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ derzeit als Hauptkooperationspartner finanziell unterstützt.

Es sind vor allem Geflüchtete, die hier wieder für ein paar Stunden ihren alten Beruf ausüben können. Friseurin Julia Summiatina hatte bis zu ihrer Flucht Mitte März aus dem schwer umkämpften Mariupol einen eigenen Salon. „Ich lebte sechs Wochen mit meiner Tochter in einem Keller, während die Bomben der Russen über uns einschlugen. Sie haben alles zerstört, mein Haus, meinen Salon, mein Auto, mein ganzes früheres Leben“, sagt die 33-Jährige, während ihr Tränen über das Gesicht laufen.

Sie flüchtete nur mit einem Rucksack aus Mariupol

Nur mit einem Rucksack floh sie aus der Stadt, darin ihre Friseurutensilien. Sie kam ins Schrødingers City Kids als Gast und als Yelyzaveta sie fragte, ob sie beim Beauty-Salon mitmachen möchte, sagte sie sofort zu. „Es tut mir so gut hierherzukommen, ich kann abschalten und ich habe meine Arbeit so vermisst“, sagt Julia Summiatina.

Neben ihr arbeitet konzentriert Mariia Rudbari an den Nägeln von Anna Myronchenko. Die beiden haben sich viel zu erzählen. Rudbari wohnt bereits seit drei Jahren in Hamburg, hat einen Deutschen geheiratet. Nägel gestalten ist ihr Hobby, eigentlich ist sie Psychologin. „Doch ich wollte den Frauen hier helfen, sie etwas verwöhnen, dass sie sich wieder als Frauen fühlen“, berichtet die 30-Jährige.

Kostenfreies Mittagessen und Unterricht im Schrødingers

Ihre Kundin Anna Myronchenko nickt lächelnd. Sie ist direkt nach dem Deutschkurs gekommen, der jeden Tag im Schrødingers City Kids von der gemeinnützigen Institution Mamalies angeboten wird. Seit ihrer Ankunft Mitte April in Hamburg kommt sie jeden Tag in das Begegnungszentrum, manchmal bringt sie ihre beiden Söhne Matvii (9) und Yehor (14) mit.

„Dieses Zentrum ist einfach wundervoll. Ich bin so dankbar und finde es unglaublich, dass es hier kostenfrei Mittagessen und Unterricht gibt. Die Menschen sind sehr hilfsbereit und einige der ehrenamtlichen Berater haben mir beim Ausfüllen meiner Dokumente geholfen“, sagt die 35-Jährige. Sie arbeitete vor ihrer Flucht in der Regierungsverwaltung in Kiew, spricht fließend Englisch und nutzt jede Gelegenheit, um Deutsch zu sprechen – besonders auch freitags, wenn der Verein Sprachbrücke-Hamburg einen Konversationskurs anbietet.

Im Schrødingers City Kids gibt es nun drei Monate nach der Eröffnung ein umfangreiches Angebot an Kursen und Dienstleistungen für die bis zu 100 Frauen und Kinder, die täglich kommen. In den Sommerferien bieten jeden Mittwoch Gaby Henning und eine weitere Ehrenamtliche zwei Deutschkurse für Kinder an, einmal von vier bis neun Jahren und ab neun Jahren.

Deutschkurs für die ukrainischen Kinder

Gemeinsam mit der engagierten Dolmetscherin Yelyzaveta Kotiuk lehrt Henning an einem Smartboard Zahlen und einfache Sätze. Die rund 20 Kinder im Raum machen eifrig mit. „Es gibt einen großen Bedarf und uns ist wichtig, dass die Kinder nicht über die Ferien wieder alle Deutschkenntnisse verlieren, die sie in der Schule oder der Kita gelernt haben“, sagt die 65-Jährige, die über das Abendblatt von dem Projekt erfahren hat. „Als der Krieg ausbrach, war ich hilflos, ich wollte etwas tun – und das hier ist so sinnvoll“, sagt Henning. Zweimal die Woche ist sie im Begegnungszentrum und hilft neben dem Kinderunterricht auch mit Beratung in Alltagsfragen.

Für konkrete Unterstützung bei der Arbeitssuche kommt seit Kurzem auch eine Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit ins Schrødingers City Kids. Elena Schwab ist Teil einer Taskforce der Arbeitsagentur und des Jobcenters Hamburg, die sich kurz nach der Ankunft der ersten Ukrainer in der Stadt gebildet hat, und vor allem in Unterkünften und im Welcome Center Infoveranstaltungen durchführt. „Doch viele Ukrainerinnen sind jetzt seit Monaten hier und brauchen vor allem eine Eins-zu-eins-Beratung“, sagt Schwab, die als Aussiedlerin aus Kasachstan fließend Russisch spricht.

Mitarbeiterin der Arbeitsagentur direkt vor Ort

Sie informiert über die Einstiegsmöglichkeiten in die verschiedenen Berufsbereiche, über die Anerkennung der Schulabschlüsse, hilft bei der Suche nach geeigneten Arbeitsstellen und Sprachkursen. Viele Frauen warten vor ihrem Tisch darauf, dass Schwab sich ihrer Anliegen annimmt. „Mir gefällt hier im Schrødingers diese unkomplizierte, familiäre Atmosphäre. Es macht echt Spaß, hier zu beraten, und ich finde es großartig, dass unsere Agentur jetzt diese neuen Wege der Beratung geht“, sagt Schwab, als sie nach drei Stunden ihren Laptop zuklappt.

Für die ganz kleinen Gäste gibt es jeden Tag einen offenen Bastelbereich, der von Ehrenamtlichen betreut wird, doch montags sammeln sich die Kleinen gerne um Yuliia Marushko, die ihnen ukrainische Märchen aus verschiedenen Regionen erzählt. Sie nennt sie Geschichten für die Seele, aber es geht ihr auch darum, „die Tradition der Volksmärchen am Laufen zu halten. Es ist ein Stück Heimat und Vertrautes für die Kinder“, sagt die Ukrainerin.

Bücherspende durch den Lionsclub-Hoheneichen

Sie erzählt von einem kleinen Jungen, der mit seinen Eltern aus Mariupol gekommen ist und gern auf der Spielburg im Schrødingers City Kids klettert. „Er hat mir von den schrecklichen Erlebnissen dort erzählt“, berichtet Marushko. Er kam immer wieder zu ihr, rannte weg, bis ihn ihre Geschichten doch fesselten und er sitzen blieb.

Vielleicht liest Yuliia Marushko den Kindern auch in den nächsten Tagen das Buch „So Anders“ vor. Denn 140 Exemplare des Kinderbuches brachte gerade Günter Schiefelbein vom Lionsclub Hamburg-Hoheneichen vorbei. Durch Spenden mehrerer Lionsclubs wurde das Buch aus dem Verlag Jörg Mitzkat auf Ukrainisch übersetzt. Der Abendblatt-Verein hatte die Spende an Schrødingers vermittelt. In dem Buch geht es um ein Schaf, das seinen Platz in einer fremden Herde finden muss – eine passende Geschichte für alle Gäste im Schrødingers City Kids, in dem alle – Ehrenamtliche und Angestellte – so umfassend dabei helfen, dass die Ukrainerinnen sich hier angenommen und geborgen fühlen.

Nur mit Spenden kann das Projekt finanziert werden. Jeder Cent hilft: Spenden unter dem Stichwort City Kids an „Hamburger Abendblatt hilft“, Kto.: IBAN: DE25 2005 0550 1280 1446 66. Paypal unter: abendblatt-hilft.de Infos zum Projekt: citykids.hamburg