Podcast Von Mensch zu Mensch

„Queerer Sportverein Hamburg“ als Schutzraum

| Lesedauer: 3 Minuten
Iris Mydlach
 Janko Zehe ist 1. Vorsitzender von Startschuss – Queerer Sportverein Hamburg

Janko Zehe ist 1. Vorsitzender von Startschuss – Queerer Sportverein Hamburg

Foto: Startschuss

Schwul, lesbisch oder nicht binär? Der Hamburger Verein Startschuss trainiert queere Sportler und ist auch Ort des Austauschs.

Ob es ihren Verein in 30 Jahren noch geben wird? Oder ob er dann einfach überflüssig geworden ist, weil niemand mehr darüber spricht, ob das Mitglied XY nun eine Frau liebt oder einen Mann und dabei selbst weder Mann noch Frau ist, sondern irgendwas dazwischen, um nur ein Beispiel zu nennen? Janko Zehe und Jan Dietrich schauen nachdenklich. „Tatsächlich ist das eine Frage, über die wir auch nachdenken“, sagt Dietrich, der 2. Vorsitzende von Startschuss e. V. – Hamburgs einzigem queeren Sportverein.

Das Adjektiv „queer“ kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt eigentlich sonderbar oder eigenartig. In diesem Zusammenhang ist die Bezeichnung allerdings selbst gewählt: von nicht heterosexuellen Menschen, die sich abgrenzen möchten von herkömmlichen Vorstellungen sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität, die vielleicht lesbisch oder schwul sind oder auch nicht oder nur manchmal, die sich selbst ihrem Geburtsgeschlecht nicht zwangsläufig zugehörig fühlen, also weder männlich noch weiblich, sind – für die Welt des Sports ein Bereich, der bislang nicht darzustellen ist.

Profisportler outen sich nur selten

Hier ist das System noch immer streng binär, es gibt Männer und es gibt Frauen. Sich als Profisportler oder Profisportlerin als queer zu outen ist noch immer die Ausnahme, nicht die Regel. Bei den Olympischen Winterspielen vergangenen Februar in Peking (China) hatten sich zuvor 35 Athletinnen und Athleten als nicht binär geoutet – aus dem deutschen Team gehörte niemand dazu. Im europäischen Profifußball hat sich bis heute noch kein aktiver Spieler zu seiner Homosexualität bekannt.

In der aktuellen Folge des Abendblatt-Podcasts „Von Mensch zu Mensch“ sprechen Janko Zehe und Jan Dietrich, zwei schwule Männer an der Spitze von Startschuss e. V., nicht nur über die (mögliche) Daseinsberechtigung ihres Vereins. 32 Jahre ist es her, dass eine Gruppe junger Hamburger den „Startschuss Schwul/Lesbischer Sportverein“ gründete – damals noch aus dem Gedanken heraus, homosexuellen Menschen einen Raum zu geben, in dem sie geschützt Sport treiben können.

Drei europäische Rekorde beim Hamburg Queer Cup

2021 erfolgte auf der Mitgliederversammlung dann die Umbenennung in „Queerer Sportverein Hamburg“. Wer sich darunter eine Ansammlung überdrehter Dragqueens mit Schulsporttrauma vorstellt, der irrt – Grundlage des Vereinslebens ist der Anspruch, gemeinsam Sport zu treiben, im Team Erfolge zu feiern und dabei einzeln oder gemeinsam zu wachsen. Beim Hamburg Queer Cup, dem einzigen internationalen Schwimmturnier der Stadt, wurden Ende Juni insgesamt drei europäische Rekorde gebrochen. Und trotzdem sieht sich Startschuss nicht „nur“ als ein Sportverein von insgesamt 818 in Hamburg. Sondern auch als ein Ort des Austauschs, der Diskussionen, der möglichen Antworten auf große Fragen dieser Zeit – der allen Menschen dieser Stadt offensteht.

„Es ist nicht so, dass wir bei uns nicht auch Diskussionen führen müssen, zum Beispiel: Ist non-binär gleich queer?“, sagt Jan Dietrich. „Aber genau diese Fragestellungen sind ja das Spannende an unserem Verein, dass wir eben auch zugeben, dass wir nicht immer Antworten geben, sondern dass wir alle einladen, einander kennenzulernen und diese Positionen, die ja völlig konträr sein können, miteinander zu diskutieren. Das ist, glaube ich, auch der Anspruch und der Auftrag unseres Vereins, uns da aktiv einzubringen.“

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