Beratung

Familienkonflikt: Bei Streit eine gesunde Distanz finden

| Lesedauer: 6 Minuten
Heike Wander
 Familientherapeutin Susanne von Gönner leitet in Harburg die Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Erzbistum Hamburg.

Familientherapeutin Susanne von Gönner leitet in Harburg die Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Erzbistum Hamburg.

Foto: Roland Magunia

Die Hamburger Familientherapeutin Susanne von Gönner gibt Tipps, wie man mit extremen Meinungsverschiedenheiten umgehen kann.

Der Bedarf an Beratung in der Coronazeit mit den zusätzlichen Krisen wie Ukrainekrieg und Klimaproblemen hat zugenommen. Susanne von Gönner, Leiterin der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen des Erzbistums Hamburg, sagt, bei diesen stark veränderten äußeren Bedingungen verhielten sich bei Meinungsverschiedenheiten nicht nur Familienmitglieder, sondern auch Freunde und Bekannte plötzlich anders als gewohnt. Sie erklärt, worum es bei harten konfrontativen Auseinandersetzungen geht und wie Streit beigelegt werden kann.

Welche Ursachen führen zu scheinbar unlösbaren Konflikten?

Es geht dabei immer um unser Grundbedürfnis, von anderen anerkannt und verstanden zu werden. Wenn wir nicht ausreichend respektiert werden, führt das zu dem Versuch, uns diesen Respekt zu verschaffen. Unsere Strategien dabei sind dann manchmal kontraproduktiv. Wir verhalten uns vielleicht ähnlich wie ein Kind, das schreit, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und tun etwas, was eher Ablehnung als Zuwendung hervorruft.

Inwiefern unterscheidet sich Streit über Impfen, Krieg, Rassismus oder Klimakrise von anderen Themen?

Bei existenziellen Themen erleben wir starke Verunsicherung, da kann man oft eine andere Haltung nicht gelten lassen. Beim Impfen ist es zum Beispiel so, dass ein Impfgegner sich nicht in seiner Meinung akzeptiert sieht, umgekehrt fühlt sich der Geimpfte von Ungeimpften auch nicht gesehen mit seiner Meinung und seinen Ängsten. Beide erfahren vom anderen keine Toleranz, sondern oft krasse Ablehnung.

Warum halten Menschen häufig so stark an ihren Meinungen fest?

Es ist oft schwer auszuhalten, nicht zu wissen, was richtig ist, dauernd verunsichert zu sein und sich so bedroht zu fühlen. Wenn die anderen nicht meinen Weg mitgehen, wird die Bedrohung gefühlt größer und deswegen manche Reaktion radikal. Wenn jeder in eine entgegengesetzte Richtung geht, ist ein Zusammenkommen nicht mehr möglich.

Worin liegt der Unterschied bei Konflikten zwischen Familien und Freunden oder Bekannten?

Von Freunden und Bekannten kann man sich im Zweifelsfall distanzieren. Bei Eltern und erwachsenen Kindern sollte man in eine gesunde Distanz kommen, das ist das große Ablösethema, was sowieso jede Familie bewältigen muss. Bei wichtigen Themen wird das auf eine besondere Probe gestellt. Vor Corona konnte man sich mit vielem arrangieren, doch existenzielle Themen kehren Grundsätzliches nach oben, was vorher nicht offensichtlich war.

Was kann man sagen, wenn jemand immer wieder die Diskussion sucht, man das Streitthema aber auslassen möchte?

Idealerweise freundlich sagen: „Ich möchte mit dir über dieses Thema nicht mehr sprechen. Wir haben das so oft getan, kennen unsere unterschiedlichen Positionen und können das jetzt nicht auflösen. Vielleicht sollten wir damit einfach leben lernen, dass wir unterschiedlicher Meinung sind.“ Wenn es mir gelingt, meinem Gegenüber nicht mehr eine „bekloppte Meinung“ zu unterstellen, steigen die Chancen, dass der andere ebenfalls Meinungsverschiedenheiten stehen lässt. Dazu gehört Geduld.

Wie geht man damit um, wenn ein Streit, zum Beispiel über Corona, Russland, Rassismus, eskaliert ist – wie findet man wieder zusammen?

Eine Eskalation sollte immer erst mal unterbrochen werden, man sollte sich zunächst beruhigen. Man muss sich Zeit nehmen, um wieder innere Gelassenheit und Sicherheit zu erlangen. Denn ich muss ja auch erst so weit sein, dass ich dem anderen nicht meine Meinung aufzwingen will und sagen kann: „Lass uns das mal so stehen lassen, wir kommen da jetzt nicht auf einen Nenner.“

Wann ist ein Abbruch einer Beziehung tatsächlich sinnvoll?

Ein Abbruch ist angezeigt, wenn es quasi bei jeder Begegnung Situationen gibt, in denen ich mich angegriffen fühle, mich verteidige, Worte als Waffen nutzen muss. Wenn wir uns nicht mehr friedlich und freundlich begegnen können, ist es angezeigt, den Kontakt erst mal einzustellen. Mein Job ist es zuerst, für ausreichend Sicherheit für mich selbst zu sorgen.

Kann man in einer Familie so ein Thema einfach beiseiteschieben, wenn zum Beispiel ein Mitglied rechtsradikal ist und ich mich immer schlecht fühle in dessen Nähe?

Im besten Fall spreche ich mit demjenigen und sage: „Das ist für mich unerträglich, wie du über das Thema denkst, und ich möchte, dass du diese Bemerkungen nicht mehr machst, sonst müssen wir unseren Kontakt abbrechen – was mir leid täte.“ Wenn ich jedes Mal, wenn ich den Menschen wiedersehe, Wut oder Schmerz fühle, dass derjenige so etwas denkt, dann kann ich solche Begegnung im Moment nicht ertragen.

Wenn es eine lange Pause gegeben hat, in der man sich wegen eines Streitthemas nicht gesehen oder gesprochen hat: Wie kann man wieder Schritte aufeinander zugehen?

In mir muss sich eine Bereitschaft entwickeln, mich dem Menschen wieder zu öffnen. Im Idealfall fühle ich mich sicher in meiner eigenen Position. Dabei ist genau zu gucken, was ich mir an Kontakten vorstellen kann. Dann kommt es darauf an, wie der andere reagiert. So etwas erleben wir hier bei Beratungen immer wieder, dass getrennte Familienteile sich unterstützen lassen bei der Wiederannäherung. Wir übernehmen dann zwischen ihnen eine Mittlerrolle.

Sind das dann eher erst einmal kleine Schritte?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kann auch der große Geburtstag einer Tante sein, wo sehr viele Leute sind, da kann ich mir vorstellen, dem ehemaligen Streitpartner das erste Mal wieder die Hand zu geben oder zu sagen „Hallo, wie geht’s?“, und auf angemessenem Abstand zu bleiben. Ein erster Schritt kann auch sein, keine Bemerkungen mehr zum Thema zu machen. So ein Schritt ist sehr individuell. Es ist eine anstrengende Aufgabe, die viel Mut erfordert. Toleranz und Empathie sind nur möglich, wenn ich mir über meine eigenen Bedürfnisse klar bin.