Alzheimer

Mehr Verständnis für demenziell erkrankte Senioren

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Martina Petersen
Gerontopsychiatrische Fachkraft Julija Boos hat ursprünglich Haus- und Familienpflegerin gelernt.

Gerontopsychiatrische Fachkraft Julija Boos hat ursprünglich Haus- und Familienpflegerin gelernt.

Foto: Kursana

Gerontopsychiatrische Fachkräfte wie Julija Boos können gut auf herausforderndes Verhalten von Bewohnern eingehen – durch Weiterbildung.

Ob Pflegeartikel, Desinfektionsmittel oder Essbares aus dem Gemeinschaftsraum – Britta Schneider (Name geändert) zog bald nach ihrem Einzug auf dem geschützten Demenzwohnbereich im Kursana Domizil Billstedt im Sommer 2021 den Zorn der Mitbewohner auf sich, weil sie alles mitnahm und in ihrem Zimmer hortete. Die mit 61 Jahren mit Abstand jüngste Bewohnerin des „Sonnenlands“ leidet infolge einer Entzündung des Gehirns durch Herpesviren und dadurch bedingte Durchblutungsstörungen an einer rasch fortschreitenden vaskulären Demenz. Früher war Britta Schneider selbst Direktorin einer Senioreneinrichtung. Gut ein Jahr später sorgte sie als Bewohnerin durch ihr herausforderndes Verhalten für zahlreiche Konflikte, sodass sogar die Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung zur Diskussion stand.

„Es ist für mich wichtig, Menschen wie Frau Schneider nicht aufzugeben, sondern die Gründe für ihr Verhalten zu verstehen“, sagt Julija Boos, die Ende vergangenen Jahres die Weiterbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft abgeschlossen hat. Ursprünglich hatte die heute 24-Jährige eine dreijährige Ausbildung zur Haus- und Familienpflegerin absolviert. Doch bei einem Praktikum in einer Senioreneinrichtung wurde ihr Interesse am Thema „Demenz“ geweckt. „Wenn man einen Zugang zu den demenziell erkrankten Menschen findet und ihnen Sicherheit und Geborgenheit schenken kann, ist es eine sehr erfüllende Arbeit“, sagt sie. „In der Praxis wurde mir aber schnell klar, dass man viel Fachwissen braucht, um den betroffenen Senioren gerecht werden zu können.“

Menschen in ihrer eigenen Welt

Bei der einjährigen berufsbegleitenden Weiterbildung lernte Julija Boos die unterschiedlichen Formen von Demenz und verschiedene Therapieansätze kennen, mit denen sich die Lebensqualität der Erkrankten positiv beeinflussen lässt. Vor allem interessierten sie die Validationsmodelle, die eine konstruktive Kommunikation mit Menschen möglich machen, die sich längst in ihrer eigenen Welt befinden.

Im Kursana Domizil Billstedt unterstützt sie heute die Mitarbeiter bei Fragen zum Thema „Demenz“ und entwickelt bei regelmäßigen Fallbesprechungen mit Kollegen aus Pflege und sozialer Betreuung individuelle Konzepte für die Bewohner, um ihre Ressourcen zu erhalten und Stressfaktoren zu minimieren, damit sich herausforderndes Verhalten wie Aggression oder Ruhelosigkeit bessern kann.

Lebensgeschichte der Demenzkranken erforschen

„Das gelingt nur, wenn die Persönlichkeit mit ihrer Biografie im Mittelpunkt steht und nicht die Krankheit“, erläutert sie. Im Fall von Britta Schneider führten Julija Boos und Antonio Tabatabai von der sozialen Betreuung mehrere Gespräche mit den Angehörigen, um ihrem Charakter und der Lebensgeschichte auf die Spur zu kommen und so ihre heutige Motivation zu verstehen. Sie übertrugen der ehemals so engagierten Direktorin Stück für Stück kleine Aufgaben, bei denen sie wie früher Verantwortung übernehmen kann.

Heute unterstützt Britta Schneider das Team beim Decken der Tische und bei der Ausgabe des Essens. Sie richtet kein eigenes „Pflegelager“ im Zimmer mehr ein, seit sie beim Verteilen des Inkontinenzmaterials aus dem hauseigenen Lager mitwirken darf. Auch bei der Inte­gration in den Kreis der Bewohner gibt es Fortschritte. „Am meisten freut mich, dass mir Frau Schneider mittlerweile sogar ab und zu ein Lächeln schenkt“, sagt ihre Bezugspflegerin Julija Boos.