Barrierefrei wohnen

Hilfe, die die Selbstständigkeit zu Hause erhält

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Ann-Britt Petersen
Josef Gronski hat sich im Beratungszentrum des Vereins Barrierefrei Leben beraten lassen

Josef Gronski hat sich im Beratungszentrum des Vereins Barrierefrei Leben beraten lassen

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Das Beratungszentrum im Haus für Barrierefreiheit zeigt in einer Ausstellung viele Lösungen, um das zu Hause hindernisfrei zu gestalten.

Für Josef Gronski (77) kamen die körperlichen Einschränkungen völlig überraschend. Von heute auf morgen erkrankte der Rentner an Granulomatose mit Polyangiitis, früher als Morbus Wegener bezeichnet. „Das ist eine Autoimmunerkrankung, die zu Entzündungen in allen Organen führen kann. Bei mir kam es zu Nierenversagen, die Krankheit wurde dadurch erst entdeckt. Dank entsprechender Behandlung fangen die Nieren wieder an zu arbeiten, aber die Nervensteuerung ist gestört, ich bin nicht mehr sicher auf den Beinen“, berichtet der frühere EDV-Spezialist, der mit einem Handstock unterwegs ist.

Weil er wegen seiner Erkrankung das Bad im ersten Stock seines Hauses, in dem er mit seiner Frau lebt, nicht mehr erreichen konnte, suchte er nach einer neuen Lösung. Mit seinen Fragen zu einem Umbau wandte er sich an das Beratungszentrum für technische Hilfen und Wohnraumanpassung des Vereins Barrierefrei Leben e. V.

So kann man das Haus hindernisfrei umrüsten

Das Beratungszentrum im Haus für Barrierefreiheit am Alsterdorfer Markt informiert über Lösungen und Chancen, das eigene Zuhause hindernisfrei umzurüsten. „Unser Angebot richtet sich an Menschen, die aufgrund von Krankheit oder fortschreitendem Alter körperliche Einschränkungen haben und ihren Wohnalltag anpassen möchten. Jede Hamburgerin und jeder Hamburger kann sich kostenlos von unseren Experten beraten lassen“, sagt Heike Clauss, Geschäftsführerin des Vereins Barrierefrei Leben, des Trägers des Zentrums.

Und das Zentrum bietet noch mehr: „Ergänzend zur Beratung können die verschiedenen Produkte und Lösungen bei uns auch direkt angeschaut und ausprobiert werden“, sagt Heike Clauss. In einer Ausstellung mit einer Fläche von 600 Quadratmetern gibt es verschiedene Themenräume, in denen Hilfsmittel für Alltag und Pflege sowie diverse Beispiele etwa für barrierefreie Küchen oder Bäder demonstriert werden.

Schwellenlose Duschen, faltbare Wände

So zeigen sechs voll ausgestattete Musterbäder, was auf engster wie auf breiterer Fläche möglich ist. Die Lösungen reichen von schwellenlosen Duschen und Duschwänden, die faltbar sind, damit auch in einem kleinen Bad noch Platz für einen Rollator ist, bis zu ergonomischen Duscharmaturen, Körperföhn und horizontal geteilten Duschtüren. Bei Letzteren kann der untere Teil der Duschtür geschlossen werden und dient als Spritzschutz, während durch den geöffneten oberen Flügel der Glastür ein pflegender Angehöriger beim Duschen helfen kann.

„Weil es besonders im Bad schnell zu Sturzunfällen kommen kann, stellen wir auch diverse Hilfsmittel vor“, sagt Heike Clauss. Das können Haltegriffe in unterschiedlichen Längen sein oder an eine Duschreling angebrachte Klappsitze. „Für allein lebende Personen sind im Badezimmer sowie in anderen Räumen angebrachte Sturzsensoren eine sinnvolle Alternative zum Hausnotruf. Sie funktionieren wie ein Bewegungsmelder auf Radar- oder Kamerabasis. Wenn eine Person stürzt und auf Ansprache nicht mehr reagiert, werden zuvor eingegebene Rufnummern aktiviert, um Hilfe zu holen.“

In einer voll ausgestatteten barrierefreien Küche werden die verschiedenen Möglichkeiten absenkbarer Schränke oder Spülen vorgestellt. Die Einstellung auf individuelle Zugriffshöhen per Knopfdruck ist besonders für Rollstuhlfahrer interessant. „Wir beraten auch bei der Finanzierung. Personen mit Pflegegrad können bei wohnumfeldverbessernden Maßnahmen einen Zuschuss beantragen“, sagt Antje Voss.

Beraterin macht Hausbesuche

Sie ist Architektin im Expertenteam des Beratungszen­trums und informiert Ratsuchende beim Umbau von barrierefreien Bädern, Küchen sowie zu Fragen der Höhenüberwindung mit Rampen oder Treppenliften. Dazu macht sie Hausbesuche, um „mögliche Baumaßnahmen einzuschätzen und Tipps für den Kostenvoranschlag zu geben“, so Antje Voss.

Neben der Architektin gehören zum Beratungsteam eine Verwaltungsexpertin, die bei Kosten- und Finanzierungsfragen helfen kann, eine Pflegefachkraft, die sich mit Pflegebetten, Lagerungshilfen oder Liftern auskennt, und eine Ergotherapeutin, die für den Bereich Mobilität und Alltagshilfen zuständig ist. „Es gibt eine Vielzahl an Hilfsprodukten, oft sind sie erklärungsbedürftig, unsere Expertinnen beraten daher ganz individuell“, sagt Heike Clauss.

Pflegebetten, Alltagshilfen für Haushalt

Sie zeigen die Produkte auch in der Ausstellung, wie etwa Hilfsmittel in Bad und WC. „Wenn ein Umbau im Bad nicht bewilligt wird, gibt es Alternativen, die den Alltag erleichtern, das kann ein Schwenksitz oder ein Badewannenlifter sein“, sagt Heike Clauss.

In weiteren Themenräumen geht es um Pflegebetten oder um Alltagshilfen für Körperpflege und Haushalt. Besonders gefragt sei auch der Raum mit Mobilitätshilfen, in denen diverse Rollstühle und Rollatoren vorgestellt werden, so Heike Clauss.

Ein anderer Raum mit dem Thema „Treppenüberwindung“ zeigt verschiedene Modelle von Treppen- und Hausliften. Und im Ausstellungsbereich Smart Home wird die digitale Umfeldsteuerung präsentiert. Von einem Sessel aus können mit einem Sprachbefehl über eine Assistenz-Software per WLAN oder per Funk Heizungen hochgedreht, Fenster geöffnet oder Lichter angeschaltet werden. „Das ermöglicht geheingeschränkten Menschen selbstständiges Handeln, ohne dass sie ständig auf andere Personen angewiesen sind“, sagt Clauss.

Beratung vor Ort nur für Hamburger

Finanziell gefördert wird das Angebot des Beratungszentrums von der Stadt Hamburg und wendet sich daher nur an Hamburger. Doch auch überregional kann man sich informieren. „Auf unserem Online-Portal zur Wohnberatung haben wir all unser Wissen zusammengetragen“, sagt Clauss.

Auch für Josef Gronski und seine Frau war das Beratungszentrum ein Gewinn. Nach den Empfehlungen der Architektin ließen sie ein barrierefreies Bad im Erdgeschoss einbauen. Zuvor hatte sich das Ehepaar in den Musterbädern mögliche Lösungen zeigen lassen. „Obwohl wir vorher mit Frau Voss schon über die Veränderungen gesprochen hatten, haben wir in der Ausstellung erst gesehen, was alles möglich ist und dass es auch noch gut aussehen kann und gar nicht so steril wirkt wie in einem Krankenhaus“, sagt Josef Gronski.

Info: Barrierefrei Leben e. V. Beratungszentrum für technische Hilfen und Wohnraumanpassung, Alsterdorfer Markt 7, Tel. 29 99 56-0, empfang@barrierefrei-leben.de; www.barrierefrei-leben.de; www.online-wohn-beratung.de