Bildungsprojekt

Schülerinnen forschen im Kunstbereich

| Lesedauer: 6 Minuten
Sabine Tesche
Die Kunstpioniere-Teilnehmer (v.l. sitzend) Sanam, Vanessa, Lena, (v.l. stehend) Samantha, Kalyani, Anna mit der Lehrerin Britta Fuchs der Stadtteilschule Am Heidberg in der Emil Nolde Ausstellung im Bucerius Kunstforum. Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Die Kunstpioniere-Teilnehmer (v.l. sitzend) Sanam, Vanessa, Lena, (v.l. stehend) Samantha, Kalyani, Anna mit der Lehrerin Britta Fuchs der Stadtteilschule Am Heidberg in der Emil Nolde Ausstellung im Bucerius Kunstforum. Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Beim Projekt Kunstpioniere beschäftigen Hamburger Schülerinnen und Schüler sich ein Jahr lang kreativ mit einer Ausstellung.

Ganz vertieft sitzt Sanam auf einem Klappstuhl vor dem Bild der „Kauernden“ von Emil Nolde im Bucerius Kunst Forum (BKF) und zeichnet die nackte Frau ab, die zusammengekrümmt zwischen Gräsern sitzt. „Ich finde das Bild wunderschön, es zeigt so viel Verletzlichkeit“, sagt 16-Jährige, die 2015 aus Afghanistan nach Hamburg gekommen ist. Gemeinsam mit ihrer Schulklasse aus der Stadtteilschule am Heidberg in Langenhorn macht die Zehntklässlerin mit beim Projekt Kunstpioniere. Hierbei beschäftigen sich jedes Jahr rund 25 Klassen aus allen Schulformen über ein Schuljahr hinweg mit einer Kunstausstellung in Hamburg. 15 Galerien, Ausstellungshäuser und Museen machen mit und öffnen ihre Räume, damit Schülerinnen und Schüler darin entdecken und forschen können.

Denn darum geht es bei dieser besonderen Form der Kunstvermittlung: Kinder und Jugendliche sollen nach der Besichtigung einer Kunstausstellung und der Beschäftigung mit den Objekten und Künstlern eine eigene Fragestellung entwickeln, dazu recherchieren, schreiben, basteln, malen, zeichnen oder fotografieren. „Es geht darum, dass die Schülerinnen und Schüler ganz frei arbeiten, ihre Kreativität ausleben und wir sie auf dem Weg nur begleiten, Impulse geben, aber keine Vorgaben machen“, erklärt Kunstlehrerin Britta Fuchs, die das Projekt mit ihrer Schulklasse bereits zum zweiten Mal durchführt.

Blitzausstellung zum Projektabschluss

Vergangenes Jahr waren sie in den Deichtorhallen und haben rund um die Fotografen Jerry Berndt und Matt Black geforscht und ihre Ergebnisse dann auf dem Langenhorner Markt an einem Stand präsentiert und verkauft. Das war wegen Corona – denn eigentlich sieht der Abschluss des Projekts in jedem Kunsthaus immer eine Blitzausstellung für einen Tag oder ein paar Tage vor, in der die Schüler die Ergebnisse ihrer Familie und den Freunden zeigen können. „Das ist für mich immer der schönste und berührendste Moment, wenn die Kinder oder Jugendlichen ihrer oft großen Familie stolz ihre Werke präsentieren und dann alle noch gemeinsam durch die aktuelle Ausstellung gehen“, sagt Initiatorin Julia Schwalfenberg. Die Fachreferentin für Bildende Kunst bei der Hamburger Schulbehörde hat das Projekt 2015 ins Leben gerufen – damals waren nur vier Schulen dabei. Inzwischen übersteigt die Zahl der Bewerber die der Plätze im Projekt.

Hemmschwellen und Ängste vor Museen abbauen, Kindern aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien Kunst nahebringen und ihnen somit eine kulturelle Teilhabe ermöglichen, das ist eines der wichtigsten Anliegen der teilnehmenden Lehrer und Förderer des Projekts. Neben der Schulbehörde unterstützt auch die Claussen Simon Stiftung die Kunstpioniere finanziell.

Schüler nehmen an Pressekonferenz teil

Sanam liebt das freie Forschen. „Das ist so anders als sonst in der Schule, wo einem alles vorgegeben ist“, sagt die Schülerin. Sie überlegt sich gerade, ob sie über die Lebensgeschichte von Emil Nolde forscht. „Er war ein Genie, ein toller Künstler, aber als Nazi und Antisemit auch ein schlechter Mensch“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrer Mitschülerin Kalyani hat sie genau diesen vermeintlichen Widerspruch bei der Presseführung mit der BKF-Direktorin Kathrin Baumstark vor einigen Wochen angesprochen.

Denn zum Programm gehört, dass ausgewählte Schülerinnen und Schüler bei den Pressekonferenzen zur Ausstellung teilnehmen und auch Fragen stellen können. Kalyani überlegt, in Richtung Politik und Nationalsozialismus zu forschen und freut sich schon jetzt auf die Ausstellung im Januar. „Ich finde es total cool, meinen Eltern und Verwandten zu zeigen, was ich so im Unterricht mache“, berichtet die 15-Jährige, die sagt, dass sie mit ihren Eltern sonst nicht ins Museum geht. Ihre Freundin Samantha beschäftigt sich mit der Darstellung des Himmels und der Landschaft des Nordens, die Nolde und auch die anderen Künstler, die im Bucerius Kunst Forum aktuell ausgestellt werden, so beeindruckend gemalt haben.

Belüftungskasten als Forschungsobjekt

„Das Wunderbare ist, dass das individuelle Forschungsprojekt sich nicht unbedingt auf den Künstler und sein Werk beziehen muss, es kann auch etwas mit dem Raum zu tun haben“, sagt die Theaterpädagogin Meike Klapprodt, die die Schülerinnen und Schüler aus Langenhorn aktuell als Künstlerin begleitet. Sie erzählt von einem Grundschüler, der sich vor zwei Jahren im Jenisch Haus nicht für die Bilder der Ausstellung interessiert, sondern sich den Belüftungskasten des Raums ausgesucht hat. „Er hat anschließend einen Trickfilm produziert, in dem lauter kleine Monster aus dem Belüftungsschaft kommen“, erzählt Klapprodt lachend. Als Choreografin hat sie dann bei der Ausstellung „Tanz des Lebens“ mit den Erstklässlern der Louise Schroeder Schule eine Bewegungsperformance passend zum Thema im Jenisch Haus aufgeführt.

Auch das ist ein wichtiger Teil des Projekts, dass jede teilnehmende Klasse einen Künstler oder eine Künstlerin beratend und begleitend für das Schuljahr an der Seite hat. „Für mich ist es spannend, mit Künstlern zusammenzuarbeiten. Sie zeigen den Kindern ein neues Berufsfeld und wir schauen über den Tellerrand der Schule hinaus ins richtige Leben“, sagt Lehrerin Britta Fuchs, die seit Mai 2021 zu den vier Mitorganisatorinnen des Projekts gehört und auch die Auftaktveranstaltung dazu mit koordiniert, bei der alle beteiligten Lehrer, Künstler und Museumsverantwortlichen zusammentreffen und in das Kunstpioniere-Projekt eingeführt werden.

Bereits mehrfach fand dieses Treffen im Bucerius Kunst Forum statt. Deren Geschäftsführer Prof. Andreas Hoffmann bezeichnet die Kunstpioniere als „visionäres Zukunftsprojekt im Bereich der kulturellen Bildung, weil es Kultur für alle ein Stück weit Realität werden lässt“. Sein Haus ist seit 2018 dabei, organisiert Führungen für die Schüler, bietet ihnen Kataloge und Unterstützung von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen an. Ihm gefällt, dass die Schüler bei diesem Projekt so viele Rollen einnehmen: „Sie sind Kunstschaffende, Reporter, Kunstvermittler, Forscher und Ausstellungsmacher.“

Mehr Infos zum Projekt Kunstpioniere und Termine für die Blitzausstellungen unter kunstpioniere.de