Podcast Von Mensch zu Mensch

Luft zum Schneiden dick vor Liebe und Trauer

| Lesedauer: 6 Minuten
Iris Mydlach
Die Eltern nehmen Abschied von ihrem toten Kind - fotografiert von Kai Gebel von der Stiftung Dein Sternenkind

Die Eltern nehmen Abschied von ihrem toten Kind - fotografiert von Kai Gebel von der Stiftung Dein Sternenkind

Foto: KAIGebel

Oliver Wendlandt macht Bilder von Kindern, die tot zur Welt gekommen sind, als Erinnerung für die Eltern. Fotografen in Hamburg gesucht!

Wie kann man Worte finden für einen Moment, den man sich als Nicht-Betroffener nicht ausmalen kann, nicht ausmalen möchte? Weil es vielleicht wirklich der größte vorstellbare Schmerz ist, die Geburt eines Kindes zu erleben, das in diesem Moment schon nicht mehr lebt. Sternenkinder werden diese Babys genannt, was ein schönes Wort ist für ein Thema, über das noch immer lieber geschwiegen als gesprochen wird.

Wenn man Oliver Wendlandt zuhört, fragt man sich schnell, warum das eigentlich so ist. Er ist Sprecher der Stiftung „Dein Sternenkind“, die Fotografen und Fotografinnen deutschlandweit in Geburtskliniken schickt, um dort das erste und letzte Bild eines Kindes aufzunehmen. Dafür gibt es eine zentrale Rufnummer, die rund um die Uhr betreut wird. Geht hier ein Anruf ein, greift ein flächendeckend organisiertes Bereitschaftssystem, zu dem Wendlandt als Fotograf auch selbst gehört.

Ein Gespräch voller Gänsehautmomente

An seinen ersten Einsatz kann er sich noch so gut erinnern, als wäre es gestern gewesen. Viel Nervosität und Aufgeregtheit sei da in ihm gewesen, die schlagartig weg war, als er die Türklinke des Krankenzimmers heruntergedrückt hatte. „Viele sind der Meinung, man kann es emotional nicht schaffen, ein still geborenes Kind zu fotografieren“, erzählt Wendlandt in der aktuellen Folge des Abendblatt-Podcasts „Von Mensch zu Mensch“.

Es ist ein Gespräch voller Gänsehautmomente. „Aber was man in diesen Situationen erlebt, ist nicht Erschrecken und Entsetzen, in diesen Zimmern ist die Luft zum Schneiden dick vor lauter Liebe und Stolz und Trauer“, sagt Wendlandt mit ruhiger, warmer Stimme. „Und wir Fotografen haben einen großen Vorteil, wir haben ein Werkzeug, das ist die Kamera, und wenn wir da hinten durch den Sucher schauen, dann sind wir am Arbeiten.“ Es gehe immer darum, das beste Bild seines Lebens zu machen, „weil es ja keine zweite Chance geben wird, und dieser Gedanke trägt einen da durch“. Zehn Minuten dauerten manche Einsätze, andere acht Stunden – oder auch Tage.

Aktuell rund 600 Fotografinnen und Fotografen haben sich dem Sternenkinder-Netzwerk in Deutschland angeschlossen. Trotzdem ist die Stiftung weiterhin auf der Suche. „Wir haben heute mehr Einsätze in einem Monat als 2016 im ganzen Jahr“, sagt Oliver Wendlandt. „Deshalb suchen wir auch im Norden derzeit dringend Fotografinnen und Fotografen. Wir haben in Hamburg in den vergangenen fünf Jahren mehr als 500 Einsätze gefahren, das muss auf mehrere Schultern verteilt werden.“

Eine empathische Gruppe von Kollegen

Was kommt auf Kollegen zu, die sich dazu bereiterklären? „Eine unglaublich empathische Gruppe an Menschen“, sagt Oliver Wendlandt. Weil ja jeder Einzelne immer noch weiß, wie sich der erste Einsatz angefühlt hat, „das ist schon ein großer Zusammenhalt“, erzählt der 55-Jährige, „ich habe so was in anderen Communitys so noch nie erlebt.“

Auch eine Kriseninterventionskraft arbeitet inzwischen für die Stiftung. Denn meist setzt die Verarbeitung des im Krankenhaus Erlebten auch bei den Fotografierenden erst nach dem Einsatz ein. Manche machen sich sofort an die Bearbeitung der Bilder, andere müssen erst einmal stundenlang allein durch den Wald laufen. „Wir hören auch immer wieder, wir seien die ersten Trauerbegleiter. Wir sind natürlich auch oft sprachlos im Einsatz, weil man merkt, hier sind Worte jetzt einfach unangebracht. Trotzdem haben wir überhaupt keine Berührungsängste“, sagt Wendlandt. „Wir schauen uns diese Kinder an wie Mütter, die ihr Kind zum ersten Mal sehen, schauen auf jedes Detail, die winzigen Füßchen, die Fingernägelchen. Und dann entstehen oft diese sehr berührenden Bilder.“

Fotos sind ein Trost für die Eltern

Für Eltern sind die Fotos oft eine Erinnerung von unschätzbarem Wert – und oft ein Schlüssel zur Verarbeitung des erlittenen Traumas. Eine Familie hat die Foto- und Videoaufnahmen in einem Banksafe untergebracht. Eine andere hat sich eine kleine Ecke im Wohnzimmer eingerichtet, um das verstorbene Geschwisterchen weiter in das Familienleben mit einzubeziehen. Schließlich ist die Trauer um ein Sternenkind nichts, was irgendwann endet. Trotzdem können Fotos dabei helfen, aus einem belastenden Gefühl irgendwann ein bereicherndes zu machen.

„Ein Foto ist für viele einfach Trost, Hilfe bei der Trauer, sicher auch ein Stück weit Erinnerung. Man sieht diesen kleinen Menschen ja nur ein paar Stunden“, sagt Wendlandt. „Aber diese visuellen Erinnerungen gehen irgendwann wieder weg, andere bleiben. Eine Mutter hat mir erzählt, dass sie ihr Kind wieder riechen könne, wenn sie die Bilder anschaut.“

Das Thema ist ein gesellschaftliches Tabu

Die Bilder, die von der Stiftung verschickt werden, sind stets sorgfältig verpackt, niemand muss Angst haben vor Fotos, die einem gleich nach dem Öffnen des Briefs entgegenfallen. Wann und wo der Moment gekommen ist, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen, können die Sternenkind-Eltern selbst entscheiden. Fotos, die mit dem eigenen Mobiltelefon aufgenommen wurden, können von den Bildbearbeitern der Stiftung nachträglich optimiert werden – auch dieser Service ist kostenfrei.

Noch immer ist das Thema „still geborene Kinder“ ein gesellschaftliches Tabu, auch das möchte die „Dein-Sternenkind“-Stiftung ändern. Niemand hört gern die Geschichte über ein Kind, das seine eigene Geburt nicht erlebt hat. „Wie oft bekommen wir erzählt, wie einer trauernden Mutter auf die Schulter geklopft wird mit dem Hinweis, sie könne ja noch ein Kind bekommen“, erzählt Wendlandt ernst. „Weil für viele so eine Totgeburt natürlich etwas komplett Abstraktes ist. Aber wenn sie ein Foto sehen, dann kommt plötzlich dieses Verständnis, dass diese Menschen ja auch Eltern geworden sind. Auch wenn ihr Kind still zur Welt gebracht wurde.“

Der Bereitschaftsdienst der „Dein Sternenkind“-Stiftung ist unter Tel. 06257-918 50 09 rund um die Uhr erreichbar. Weitere Infos im Internet unter dein-sternenkind.eu

Der ganze Podcast dazu unter: www.abendblatt.de/podcast/Von-Mensch-zu-Mensch