Chronische Erkrankung

Ein Vorbild beim Kampf gegen Parkinson – mit großem Ziel

Lesedauer: 8 Minuten
Sabine Tesche
Der Hamburger Maik Gühmann hat Parkinson und spielt begeistert Tischtennis

Der Hamburger Maik Gühmann hat Parkinson und spielt begeistert Tischtennis

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Maik Gühmann ist seit 15 Jahren krank. Ein Hirnschrittmacher und sein Ehrgeiz verhalfen ihm zu einem neuen Leben.

Auf den ersten Blick wirkt Maik Gühmann wie ein drahtiger, sportlicher und sehr dynamischer Mann. Auf den zweiten Blick fällt ein Zucken der Hände auf, der leicht verschobene Gang. Doch wer schaut schon so genau hin? „Dass ich Parkinson habe, sieht man nicht sofort. Manchmal meinen Leute sogar, ich sei betrunken, wenn ich mich vor einem Fahrstuhl nicht vorwärts bewegen kann. Dann sage ich was los ist, dass diese Blockade, das sogenannte Freezing, zur Erkrankung gehört“, erzählt der 54-Jährige im Podcast „Von Mensch zu Mensch“.

Er geht sehr offen mit seiner Krankheit um, auch deswegen, weil er trotz allen so eine so positive Geschichte erzählen kann. Wenn er davon sprich, dass er 40 Kilometer am Tag Fahrrad fährt und jeden Tag Tischtennis für die Parkinson-Weltmeisterschaft trainiert, mag man kaum glauben, dass er vor wenigen Jahren noch im Rollstuhl saß. Das war, bevor einen sogenannten Hirnschrittmacher bekommen hat, dessen Elektroden tief in seinem Gehirn verankert sind „und ohne den ich kein Leben mehr hätte“, sagt Gühmann schlicht.

Parkinson: Am Anfang war ein schmerzhaftes Ziehen im Arm

Er war erst 39 Jahre alt, als Parkinson bei ihm diagnostiziert wurde. So jung ist das ungewöhnlich, nur fünf Prozent der unter 50-Jährigen erkranken an dieser unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung des Gehirns. „Zittern in einer Hand oder einem Bein, das vor allem in Ruheposition auftritt, gehört zu den typischen Symptomen“, erklärt Prof. Georg Ebersbach, Chefarzt des Neurologischen Fachkrankenhauses für Bewegungsstörung/Parkinson in Beelitz-Heilstätten. Außerdem seien ein Kleinerwerden der Schrift, verlangsamtes Gehen, starre Mimik oder ein vermindertes Mitpendeln eines Armes während des Gehens Beschwerden, die Anlass für einen Arztbesuch sein sollten. Bei Maik Gühmann war es ein schmerzhaftes Ziehen im rechten Arm und ein verändertes Gangbild.

Die ersten sechs Jahre mit der Krankheit waren relativ unbeschwert, der leidenschaftliche Fußballer und Tennisspieler konnte noch als Malermeister arbeiten, sprach gut auf die Medikamente an, heiratete eine jüngere Frau.

Nur noch krabbeln, kaum noch schlafen

Doch dann ging es rapide abwärts, 2014 musste er seinen Beruf aufgeben. Immer öfter hatte er diese Momente des Freezings, in denen er sich einfach nicht vorwärts bewegen konnte. Seine Sprache wurde immer verschliffener. „Man verstand mich kaum noch. Ich konnte von einem Tag auf den anderen keine Schleife mehr binden, keine Tasse mehr halten“. Nachts konnte er kaum schlafen, sich nicht alleine umdrehen, nur noch krabbeln. „Auch die Persönlichkeit verändert sich. Ich bin viel feinfühliger geworden, fange einfach mal an zu weinen.“ Für seine Frau war es schwer, mit den Veränderungen umzugehen. Die beiden trennten sich. „Meine Tochter und meine Eltern haben mir in dieser sehr schweren Zeit ganz viel Halt gegeben“, sagt Maik Gühmann.

Schließlich konnte er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. „Ich sagte mir, das kann nicht so weiter gehen. Ich war immer ein Sportler, also habe ich angefangen, zu schwimmen. Und im Wasser war ich frei, da habe ich die Erkrankung nicht gemerkt. Am Schluss bin ich 1000 Meter geschwommen.“ Gühmann nahm 40 Tabletten am Tag, doch die wirkten nicht mehr ausreichend. Sein Arzt erklärte ihm, dass es nur noch die Möglichkeit einer Tiefen Hirnstimulation gäbe. Bei der Operation werden bei wachem Zustand des Patienten ein oder zwei Elektroden ins Gehirn implantiert, die elektrische Impulse an Nervenzellen senden, die dann bestimmte Bewegungen beeinflussen.

Hirnschrittmacher kann Beweglichkeit zurückbringen

„Ein Gehirnschrittmacher ist dann sinnvoll, wenn die Symptome einerseits gut auf Medikamente ansprechen, die Medikamentenwirkung aber immer nur für kurze Zeit anhält. Man spricht dann von sogenannten On-Off-Schwankungen. Diese können durch den Gehirnschrittmacher meist beseitigt oder zumindest gebessert werden. Der Gehirnschrittmacher wirkt nicht besser sondern gleichmäßiger als die Medikamente. In manchen Fällen kann dies zur einer annähernd vollständigen Unterdrückung der Symptome und normaler Beweglichkeit führen“, erklärt Prof. Ebersbach, der pro Jahr rund 1300 Parkinsonpatienten aus ganz Deutschland behandelt, etwa 20 Prozent haben ein Hirnschrittmacher.

„Die Ärzte sagten mir, sie müssten bei mir in tiefe Regionen, wo sie vorher noch nicht waren. Ich musste dennoch nicht lange überlegen, dass ich diese OP machen lasse“, sagt Gühmann. Die Kabel zu seinem Schrittmacher unterhalb des Schlüsselbeins wurden dann in Vollnarkose unter der Haut verlegt.

2020 wird trotz Corona zum Glücksjahr

Als er nach der Operation aufwachte, konnte er seine Finger und Füße bewegen. „Ich war wieder am Leben.“ Sein erster Gang war mit seinem Arzt durch den Park. „Da habe ich nur noch vor Glück geweint“. Ab da ging es aufwärts mit ihm - körperlich und seelisch. Vier Jahre später, 2020, wurde dann trotz Corona zu seinem Glücksjahr - er lernte im Krankenhaus, in das er zum Austausch seiner Kabel musste, eine Frau kennen, die an einer Muskelschwäche leidet. „Auch sie hat einen Hirnschrittmacher, wir haben Verständnis für einander, es ist absolut wundervoll“, sagt Maik Gühmann glücklich.

Sie zogen zusammen und sie ermutigte ihn, sich einer Hobby-Einsteigergruppe bei der Tischtennis Gemeinschaft Hamburg-Nord anzuschließen. Dieser Sport ist wie genauso Tanzen gut geeignet für Parkinsonkranke. „Tischtennis kann eine sogenannte paradoxe Beweglichkeit auslösen. Durch den sensorischen Reiz des sich auf den Patienten zubewegenden Ball wird eine reflexartige Reaktion ausgelöst, so dass sich viele Patienten beim Tischtennis viel besser bewegen, als es bei alltäglichen Bewegungen der Fall ist“ , sagt Prof. Georg Ebersbach.

Ziel: Parkinson-Tischtennis Weltmeisterschaft

Maik Gühmann bemerkte schon kurze Zeit nach dem regelmäßigen Training eine Verbesserung seiner Kondition, Hand-Augen-Koordination und eine bessere Orientierung im Raum. Wenn er an der Tischtennisplatte stehe, vergesse er seine Krankheit, sagt der ehrgeizige Sportler.

„Maik kam energiegeladen bei uns an und ist gleich offen mit seiner Erkrankung umgegangen. Er sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen, wenn er ab und zu hinfallen würde. Mit seiner positiven Art ist er eine echte Bereicherung für uns“, sagt Maximilian Merse, der bei der Tischtennis Gemeinschaft für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Maik Gühmann hat seither viel in dem Verein bewegt. „Wir wollen ab Herbst eine Rehasport-Tischtennisgruppe für Parkinson- und Alzheimerkranke starten“, so Merse. Gühmann soll sie gemeinsam mit einem dafür ausgebildeten Trainer anleiten.

Die Ausbildung und zwei weitere Tischtennisplatten dafür finanziert der Verein „Hamburger Abendblatt hilft“. Gleichzeitig begleitet der Tischtennis-Verein den Sportler bei seinen ehrgeizigen Ziel: Die Teilnahme an der Parkinson-Tischtennis-Weltmeisterschaft im September in Berlin. „Damit möchte ich mich selber noch mal beweisen und gleichzeitig Menschen in meiner Situation sagen: Das Leben ist noch nicht zu Ende, rafft euch auf, bewegt euch. Und wenn es nur Kartenspielen ist. Hauptsache raus aus dem Haus und wieder Teil dieser wunderbaren Gesellschaft sein.“

Der Podcast „Von Mensch zu Mensch“ unter www.abendblatt.de/podcast/von-mensch-zu-mensch

Über Maik Gühmann und seinen Weg gibt es auch ein Video. Dieses und Infos zu der Tischtennis Gemeinschaft Hamburg-Nord unter: www.ttghamburgnord.de