Gastbeitrag

Stotternder Journalist: „Traut euch in die Öffentlichkeit!“

Lesedauer: 6 Minuten
Sebastian Koch
Sebastian Koch, Redakteur bei der Tageszeitung "Mannheimer Morgen" und Moderator des Stotterer-Podcast "P-P-P-Podcast - Der Podcast von Stotternden für Stotternde", spricht im Podcast-Aufnahmestudio während eines Interviews. (zu dpa: "Vom Kampf mit der Sprache - 800 000 Stotternde in Deutschland")

Sebastian Koch, Redakteur bei der Tageszeitung "Mannheimer Morgen" und Moderator des Stotterer-Podcast "P-P-P-Podcast - Der Podcast von Stotternden für Stotternde", spricht im Podcast-Aufnahmestudio während eines Interviews. (zu dpa: "Vom Kampf mit der Sprache - 800 000 Stotternde in Deutschland")

Foto: Uwe Anspach / picture alliance/dpa

Sebastian Koch stottert seit seiner Kindheit – was ihn nicht daran gehindert hat, seinen Traum zu verwirklichen.

Hamburg. Wwwwwir mm ... ma ... mmmm ... Wir haben aaaaaa ... na ... aauf ... der rrrrreeegional ... gional ... gionalen Kkkkultttturrrrsss ... na ... na ... Seite ein In ... Inntt ... Interview mit dem Inn ... ddden ... Innt ... na ... Intenddant vvvvvv .... vvommm ... Nnaaational ... Naaationaltheater. Das Intervvview ist ssscchon autorrrisiert und und und kkkaannn ... kann ... ammmm Mittag online ggggehen.

Liebe Leserinnen und Leser des Hamburger Abendblatts,
nein, meine Tastatur in der Redaktion ist nicht kaputt. Der Autor dieser Zeilen ist auch nicht betrunken oder hat diesen Text unter der Wirkung sonstiger bewusstseinserweiternder Substanzen geschrieben. Sie müssen sich auch sonst keinerlei Sorgen machen: Die Kolleginnen und Kollegen sind der deutschen Sprache nach wie vor mächtig. So wie ich auch. So wie alle meine Kolleginnen und Kollegen beim „Mannheimer Morgen“.

Die ersten Zeilen dieses Gastbeitrags sollen veranschaulichen, wie eine Morgenkonferenz in unserer Redaktion ablaufen kann, wenn ich teilnehme: Ich stottere. 800.000 andere Menschen in Deutschland auch.

Der „Ppppodcast“ trifft einen Nerv

Als Blattmacher ist es meine Aufgabe, das Kulturressort in Redaktionskonferenzen zu vertreten. Das mache ich. Dass ich stottere, war dabei nie ein großes Thema – bis wir es dazu gemacht haben: Ich spreche im „Ppppodcast“ des „Mannheimer Morgens“ über das Stottern. Die Caritas hat das Projekt im Januar dieses Jahres ausgezeichnet, im Juni kam ein Axel-Springer-Preis für „Digitale Umsetzung“ dazu. Der „Ppppodcast“ scheint also einen Nerv getroffen zu haben. Denn: hörbares Stottern in der Öffentlichkeit, das ist auch im Jahr 2021 noch immer eine Ausnahme.

Natürlich gibt es sie, die Stotterer. Die, die immer als Beispiel herangezogen und auch von vielen Stotternden als Idole angesehen werden: die Schauspieler Bruce Willis, Samuel L. Jackson, Marilyn Monroe oder Rowan Atkinson alias Mr. Bean, um nur einige zu nennen. Und die USA haben mit Joe Biden sogar einen Präsidenten, der stottert. Oder nicht?

Genau das ist das Problem. Die Genannten stehen als Stotternde in der Öffentlichkeit – ohne aber eine wirkliche Symptomatik zu zeigen. Stottern ist nicht heilbar. Mit bestimmten Sprechtechniken können die Symptome in den Griff bekommen werden. Es kann gelingen. Oder es gelingt eben nicht.

Eignen sich genannte Personen also dafür, um über das Stottern aufzuklären? Werden Klischees beseitigt, weil es nun einen stotternden US-Präsidenten gibt? Kaum. Die Genannten sind zwar Vorbilder für stotternde Kinder und Jugendliche. Sie zeigen, dass man das Stottern in den Griff bekommen und dann, weitgehend symptomfrei, Träume verwirklichen kann.

Stotternde können reden, es braucht nur etwas länger

Aber was passiert, wenn weiter Silben gedehnt, Wörter wiederholt, die Lippen, ohne Laute zu erzeugen, bewegt werden? Was passiert, wenn man beim Sprechen Grimassen schneidet, weil die Verkrampfung über die Ästhetik siegt?

Auch dann lässt es sich leben! Sehr gut sogar. Was wie eine abgedroschene, vielleicht pathetische Phrase klingt, steht aber in diesem Text an genau der richtigen Stelle. Denn nach wie vor sind es Vorurteile, die zwischen „Flüssigsprechenden“ auf der einen und „Stotterern“ auf der anderen Seite stehen.

Nein, Stottern ist, in der ganz großen Mehrheit, keine psychische Erkrankung. Nein, stotternd Sprechende können nichts dafür, dass sie stottern. Sie sind im Übrigen auch nicht blöder als andere. Und ja, Stottern ist auch 2021 noch ein Grund dafür, dass vor allem Jüngere in der Schule, der Clique, im sozialen Leben benachteiligt werden – gewollt oder ungewollt.

Lassen Sie dem oder der Stotternden die Zeit, die er oder sie braucht

Mit meinem „Ppppodcast“, über den ich diese Woche mit Iris Mydlach im Abendblatt-Podcast spreche, möchten die Redaktion des „Mannheimer Morgens“ und ich diese Aufklärung unterstützen. Denn auch wir Medien machen Fehler. Zwar leisten Verbände, etwa die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe, eine gute, sehr engagierte Öffentlichkeitsarbeit – doch kommt diese gegen verzerrende Berichte und Darstellungen in Massenmedien nur schwer an, wenn etwa wieder Betroffene bei einer Sprechtherapie gezeigt werden, an deren Ende sie wie durch ein Wunder völlig symptomfrei sprechen.

Wie lange aber hält dieser Sprech­erfolg an? Ist eine Therapie auch erfolgreich, wenn der Betroffene am Ende immer noch stottert? Und was passiert bei einem – sehr wahrscheinlichen – Rückfall, wie auch ich ihn erlebt habe? Das bleibt in Reportagen (zu) oft offen, stattdessen wird suggeriert, jahrelanges Stottern sei in 14 Tagen „heilbar“.

Sprechen Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit einem Stotternden, beachten Sie bitte eine Faustregel: Lassen Sie dem oder der Stotternden die Zeit, die er oder sie braucht. Lassen Sie ihn und sie ausreden, ohne, dass Sie die Wörter oder gar Sätze beenden. Stotternde können reden. Es braucht unter Umständen nur etwas länger. Hören Sie zu.

Und an die Stotternden: Traut euch in die Öffentlichkeit – auch und gerade wenn eine Symptomatik hörbar ist. Ihr könnt das!

Podcast zum Thema unter: www.abendblatt.de/podcast/von-mensch-zu-mensch

Wer Sebastian Koch selbst als Moderator am Mikrofon erleben möchte, kann dies auf allen gängigen Plattformen tun – den „Ppppodcast“ gibt es bei Apple Podcast, Spotify, Deezer oder kostenlos auf mannheimer-morgen.de/stottern. Die zweite Staffel ist gerade in Planung und erscheint im Herbst.