Initiative MITmacher

„Wir möchten der Gesellschaft etwas zurückgeben“

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Hannah Kastendieck
Jorios Obaid, Ahed Alkhaled und Rihan Alali vor der HAW Hamburg. Die angehenden Studierenden engagieren sich auch ehrenamtlich

Jorios Obaid, Ahed Alkhaled und Rihan Alali vor der HAW Hamburg. Die angehenden Studierenden engagieren sich auch ehrenamtlich

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Die Flüchtlinge Ahed Alkhaled, Jorios Obaid und Rihan Alali sind in Hamburg gut angekommen. Nun helfen sie ehrenamtlich anderen.

Wenn Ahed Alkhaled im Jugendhaus Lemsahl Kaffee und Kuchen für Geflüchtete und Beheimatete vorbereitet, die Frauen und Mädchen in Empfang nimmt, sich mit ihnen zusammensetzt und sich Zeit nimmt für ihre Sorgen und Nöte, spürt sie, wie sehr sie in Deutschland gebraucht wird. Dass sie wichtig ist und etwas beitragen kann für ein gutes Miteinander in der Gesellschaft, in der sie seit sechs Jahren zu Hause ist. Die junge Frau aus Syrien genießt diese Momente. Sie geben ihr das Gefühl dazuzugehören. Vor sechs Jahren floh Ahed Alkhaled aus Syrien nach Deutschland. Ihre erste Tochter, Khadija, bekam sie in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft. Lange Zeit fühlte sie sich in Deutschland wie eine Fremde.

Doch die 27-Jährige hat viel dafür getan, in Deutschland wirklich anzukommen. Sie hat Deutsch gelernt, Freundschaften geschlossen, sich um einen Ausbildungsplatz als Arzthelferin bemüht – und keinen bekommen – „weil ich ein Kopftuch trage“, sagt sie. „Das mögen viele nicht.“ Also hat sie sich für ein Studium entschieden. Seit drei Monaten besucht sie das Vorbereitungsstudium für Menschen mit Fluchthintergrund an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Sie will Soziale Arbeit studieren.

Die drei kennen sich vom HAW-Vorbereitungsstudium

Darüber hinaus hat sie sich ein Ehrenamt im Frauencafé gesucht. Eine Aufgabe, bei der sie sich einbringen kann, ohne ihr Kopftuch abnehmen zu müssen. „Im Gespräch mit den Frauen spüre ich, dass ich wichtig bin“, sagt Ahed Alkhaled. „Ich kann Vertrauen schenken und helfen.“ Wie wichtig Menschen sind, die sich zuwenden, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Als ich vor sechs Jahren nach Deutschland kam, waren es die Hamburger, die mir geholfen haben – ohne zu fragen, was sie dafür bekommen. Ich wäre heute nicht hier, wenn es diese Menschen nicht gegeben hätte.“

Ahed Alkhaled streicht den langen Rock zurecht, lächelt. Jorios Obaid und Rihan Alali nicken. Die drei Studierenden aus Syrien kennen sich aus dem Vorbereitungsstudium an der HAW. Gemeinsam bereiten sie sich auf das Studium der Sozialen Arbeit vor. Was die drei außerdem verbindet, ist die Freude am Ehrenamt. Jorios Obaid engagiert sich in der Migrations- und Flüchtlingshilfe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) als Alltagsbegleiter. Rihan Alali bringt sich im Kinderkulturhaus Lohbrügge ein, liest im Kinderleseclub den kleinen Besuchern Geschichten auf Arabisch vor.

Das Projekt wird von der EU gefördert

Begleitet werden die drei Studierenden dabei vom Hamburger Sozialunternehmen MITmacher. Die Einrichtung vermittelt Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund ins Ehrenamt. Die Idee für das Projekt entstand 2016, vor drei Jahren wurde die Mitmacher gUG gegründet. Die EU fördert im Rahmen des Asyl-, Integrations- und Migrationsfonds das MITmacher-Projekt „Engagiert ankommen in Hamburg“, dessen Ziel es ist, Drittstaatenangehörige und soziale Organisationen zusammenzubringen. „Wir sprechen Menschen an, die erst ein paar Jahre in Deutschland leben, ob sie Lust auf ein Ehrenamt haben“, sagt Geschäftsführerin Regina Fröhlich. „Die meisten haben noch keine Arbeit, wollen aber unbedingt etwas tun und sich in ihrer neuen Heimat engagieren. Diesen Willen wollen wir fördern.“

Um neue Ehrenamtliche zu gewinnen, gehen die Mitarbeiter gezielt in Integrationskurse und erzählen dort, was ein Ehrenamt ist, wo man sich engagieren kann und was man selbst daraus gewinnt. Gemeinsam mit den Geflüchteten wird anschließend das richtige Projekt ausgewählt. In Kooperation mit dem Hamburger Caritasverband findet alle sechs Wochen ein Stammtisch statt, bei dem die Ehrenamtlichen zusammenkommen können. „Hier gibt es einerseits Input zu Themen, die für unsere Mitmacher und Mitmacherinnen interessant sind, zum anderen dient das Treffen dem Austausch über die gemachten Erfahrungen im Engagement“, sagt Mitarbeiterin Joelle Delvecchio. „Aufgrund der Pandemie musste der Stammtisch pausieren. Er soll aber im Spätsommer weitergehen und wird dann Mitmach-Café heißen.“

Es gibt mehrere Hundert Einsatzstellen für Migranten

Wie gut das Angebot der Vermittlung in Hamburg ankommt, zeigt das Interesse der Einrichtungen. „Inzwischen gibt es mehrere Hundert Einsatzstellen aus ganz verschiedenen Bereichen, zu denen wir Kontakt halten“, so Delvecchio. Das erste Treffen von Ehrenamtsanwärter und Einrichtung wird von einem der Mitarbeiter begleitet, der hilft, erste Hürden zu überwinden. Zu dem 13-köpfigen hauptamtlichen Team gehören sowohl migrierte als auch geflüchtete Menschen.

Seit Anfang des Jahres befanden und befinden sich auf diesem Weg 120 Menschen in den unterschiedlichen Stadien der Begleitung ins Ehrenamt. Eine von ihnen ist Rihan Alali. Die 25 Jahre alte Syrerin engagiert sich beim Kinderkulturhaus Lohbrügge, um den Kindern vorzulesen oder mit ihnen zu basteln. Es sind Geschichten, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennt und die den Kindern ein Stück Geborgenheit vermitteln sollen.

Die Möglichkeit, Spuren zu hinterlassen

Die Mutter eines sechs Jahre alten Sohnes kam 2015 von Syrien nach Deutschland. Ihren Zwillingsbruder verlor sie bei einem Angriff der Terrormiliz IS. Das war 2014. „Da wusste ich, ich muss weg – und zwar so schnell wie möglich“, sagt sie. Acht Monate verbrachte sie in einer Flüchtlingsunterkunft an der Holstenstraße. Ihr Sohn war damals eineinhalb Jahre alt, jetzt kommt er in die Schule. „Deutschland hat uns mehr geholfen als unser eigenes Land“, sagt sie. „Ich bin froh, dass ich über mein Ehrenamt etwas zurückgeben kann. Hier habe ich die Möglichkeit, Spuren zu hinterlassen. Helfen ist eine edle Sache.“

Das findet auch Jorios Obaid. Er floh 2015 von Syrien nach Deutschland, hat inzwischen eine eigene Wohnung und absolviert aktuell das Vorbereitungssemester an der HAW. „Ich hatte von Anfang an das Bedürfnis, ehrenamtlich zu arbeiten“, sagt er. „Nur so kann schließlich Integration funktionieren, nur so können Parallelgesellschaften vermieden werden.“

Auch der Berufswunsch liegt im sozialen Bereich

Seit circa drei Monaten ist der 30-Jährige als Alltagsbegleiter für das DRK unterwegs und hilft, Sprachbarrieren zu überwinden. Er begleitet zu Arztbesuchen, Familien zur Schulanmeldung, klärt Behördenfragen, gibt eigene Erfahrungen weiter. „Ich sehe in ihnen oft mein eigenes Spiegelbild“, sagt er. „Da sitzen Männer und Frauen, denen es genauso geht wie mir, als ich 2015 nach Deutschland gekommen bin. Sie sind unsicher, allein und haben Fragen und Ängste. Diese zu nehmen, ihnen zu erklären, wie das Leben hier funktioniert, und für sie da zu sein, macht mir Freude.“

Mit dem Studium der Sozialen Arbeit wollen Jorios Obaid, Ahed Alkhaled und Rihan Alali ihr Wissen weiter vertiefen, um anschließend in einer sozialen Einrichtung auch beruflich Fuß zu fassen. Solange das Studium es zeitlich zulässt, wollen sie weiterhin ihr Ehrenamt ausüben. An der HAW sieht man das Engagement mit Wohlwollen. „Ehrenamtliches Engagement ist ungeheuer wertvoll. Es lehrt, dass jeder etwas machen kann und dass jeder wichtig ist“, sagt Yvonne Fitz, Geschäftsführerin Arbeitsstelle Migration bei der HAW. Dieses Erfahrungsfeld könne man gar nicht genug stärken.

Kollegin Janina Hertel, die eng in Kontakt mit den Studierenden steht, ergänzt: „Im Ehrenamt sehen sich unsere Studierenden mit Fluchthintergrund nicht mehr als Bittsteller, sondern als Agierende, die ihre Stärken sich und anderen zur Verfügung stellen. Das ist vom Gefühl etwas ganz anderes, als Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Durch ihr Ehrenamt gehören die Studierenden mit Fluchtgeschichte dazu, sie kommen an und – das ist das Wichtigste – sie gestalten selbst.“

Weitere Infos: MITmacher: www.mitmacher.org;

HAW: Janina Hertel, Tel. 0151 10378007, E-Mail: vorbereitungsstudium@haw-hamburg.de