Buchrezension

Wenn der Tag zur Hölle wird

Lesedauer: 2 Minuten
Heike Wander
Buchautor Till Raether

Buchautor Till Raether

Foto: Manuel Krug

Autor Till Raether schreibt schonungslos über seine Depressionen und wie er den Weg hinaus gefunden hat. Er bestickt Plattencover

Vielen ist Till Raether bekannt durch seine Artikel in Zeitschriften oder seine Kriminalromane. Kaum jemand würde hinter dem humorvollen, versierten Schreiber einen Mann vermuten, der sich oft „zusammenreißen“ muss, um überhaupt etwas hervorbringen zu können. „Bin ich schon depressiv, oder ist es noch das Leben?“, fragt er in seinem neusten Buch mit dem gleichnamigen Titel. Er outet sich als Mensch, der seit Jahrzehnten im Alltag immer wieder mit Stimmungsschwankungen und Antriebslosigkeit kämpft und trotzdem versucht, mit dem normalen Leben Schritt zu halten, also weiterhin zu funktionieren: „Wenn man depressiv ins Büro muss, weil man den Anspruch hat, niemanden im Stich zu lassen, oder weil man nicht auffallen will oder sich schämt, dann wird einem der Tag zur Hölle.“

Gerade dieses Zusammenreißen, damit der Alltag weitergehen kann, hat er im Hinterkopf seit Kindestagen abgespeichert. Im Buch geht er seinen Verhaltensweisen auf den Grund ebenso wie den herausfordernden depressiven Zeiten. Mithilfe von Medikamenten und einer Therapie findet er schließlich neue Wege und befreit sich teilweise von eingefahrenen Denk- und Verhaltensmustern – so stickt er gerne Plattencover, das mache Spaß, sei gleichzeitig aber für ihn noch etwas absurd, zum Beispiel wenn er sich über den Kreuzstich unterhalte, wie er in einem Interview im Rbb-Fernsehen sagte.

Ein sehr persönliches Outing

Über Depressionen gibt es etliche Ratgeber, dieses Buch ist eine Art persönliches Outing des Autors. Parallelen zum eigenen Leben könnten insbesondere Leser ziehen, die in den 1970er-/1980er-Jahren aufgewachsen sind. Es geht um familiären Hintergrund, gesellschaftliche sowie berufliche Anforderungen. Bei dem 1969 geborenen Raether herrscht die Leistungsgesellschaft, die wegen ihres ständigen Drucks nicht alle Menschen auf Dauer ertragen können.

Jede Generation hat ihre Lebensweise. Wenn man diese – wie der Autor – hinterfragt und vielleicht sogar verändert, kann eine Art Befreiung stattfinden. Was das Buch so lesenswert macht, ist die Beschreibung einer anstrengenden Normalität. Auch Raether lebte sie scheinbar, versteckte jedoch seine wahren Gefühle möglichst, bis er sie erkannte und nun besser klarkommt – in der Familie, mit Freunden und im Beruf. Er schreibt schonungslos über sein Leben mit unsichtbaren Belastungen. Diese können eine Depression hervorrufen, aber auch etwas Vorübergehendes sein, was wahrscheinlich jeder in irgendeiner Form immer mal wieder an sich selbst beobachtet oder spürt.