Jugendhilfe

Halt und Geborgenheit für gestresste Hamburger Kinder

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Misha Leuschen
Petra Stanislawski und ihre Tochter Sonja (l.) betreuen Kinder zur Entlastung der Eltern.

Petra Stanislawski und ihre Tochter Sonja (l.) betreuen Kinder zur Entlastung der Eltern.

Foto: Mark Sandten / FUNKE FOTO SERVICES / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

In Hamburg-Mitte ermöglichen Entlastungsfamilien überforderten Eltern eine Auszeit. Weitere Betreuer sind erwünscht.

Langeweile ist bei den Stanislawskis in Wilhelmsburg ein Fremdwort. Zwei Enkel sorgen schon für genug Trubel, doch regelmäßig toben noch drei weitere Kinder durch den großen Garten: Petra und Joachim Stanislawski betreuen seit rund acht Jahren als Entlastungsfamilie ein Geschwisterpaar aus einer belasteten Familie. Damit nicht genug: Tochter Sonja und ihr Mann Mike Bielfeldt sind ihrem Vorbild gefolgt. Sie sind Entlastungsfamilie für ein Schulkind geworden.

Petra Stanislawski arbeitet in einer Kita. Dort lernte sie die Geschwister Tom und Jessica (Namen geändert) kennen. Die Kleinkinder waren in ihrer Entwicklung verzögert, ihre Eltern waren überfordert, und im chaotischen Zuhause mit weiteren Geschwistern kamen sie nicht zur Ruhe. „Die beiden brauchen mehr“, dachte Petra Stanislawski. Von einer Kollegin hörte sie da zum ersten Mal von der Idee der Entlastungsfamilie. Die Stanislawskis bewarben sich beim Pflegekinderdienst um Tom und Jessica, der vermittelte zwischen ihnen und den leiblichen Eltern. Nun läuft die Betreuung der Kinder schon seit fast acht Jahren.

Die Eltern der Kinder sind oft belastet und erschöpft

Kinder wie Tom und Jessica kommen häufig aus Familien, die beim Jugendamt bereits bekannt sind: „Es sind Eltern oder Alleinerziehende, die physisch oder psychisch belastet, überfordert und erschöpft sind“, erläutert Heike Müller, Leiterin des Pflegekinderdienstes des Rauhen Hauses im Bezirk Hamburg-Mitte. „Aber auch Familien, die ihre Kinder gut versorgen können, geraten an Grenzen, wenn sie kein Netzwerk haben, das sie auffängt.“

Da können Entlastungsfamilien wie die Stanislawskis ein Segen sein – für Kinder und Eltern. „Das ist etwas für Menschen, die gut mit Kindern umgehen können, genügend Zeit für die Betreuung aufbringen und die Verständnis für die oft schwierige Situation der Familien haben“, erklärt Heike Müller. „Es können auch kinderlose Paare oder Singles sein.“ Die Entlastungsfamilien arbeiten ehrenamtlich, eine Aufwandsentschädigung deckt die Kosten für die Versorgung des Kindes und gemeinsame Unternehmungen. In enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt bringt der Pflegekinderdienst die Familien zusammen. Der Hilfebedarf der Familie muss mit dem zusammenpassen, was Entlastungsfamilien individuell leisten können und wollen.

Es gibt Hilfe vom Pflegekinderdienst

Tom und Jessica sind regelmäßig bei den Stanislawskis, einmal pro Woche, davon einmal für ein langes Wochenende. Wenn es mal nicht gut läuft, bekommen die Familien professionelle Hilfe beim Pflegekinderdienst. Am Runden Tisch werden Probleme besprochen und gute Lösungen für alle Beteiligten gesucht. Das nutzen auch die Stanislaws­kis. „Natürlich gibt es immer wieder Situationen, die herausfordernd sind, aber die Kinder sind plietsch und ich bin megastolz, wie es bisher läuft“, sagt Pe­tra Stanislawski.

Vor zehn Jahren sind die Stanislaws­kis mit der Familie ihrer Tochter Sonja zusammengezogen. Der große Garten ist vor allem im Sommer Lebensmittelpunkt. „Mein Traum war es, dass meine Eltern mit eigenem Garten alt werden können“, sagt Tochter Sonja Bielfeldt. Noch immer vertragen sich alle gut, sagen Mutter und Tochter unisono. Mit Sonjas Tochter Mina (4) verstehen sich Tom und Jessica prima.

Auch die Tochter hat ein Schulkind in Betreuung

Das zweite Kind der Familie, der 15 Monate alte Mick, ist durch Sauerstoffmangel bei der Geburt beeinträchtigt. Für die Kinder ist das kein Problem, sie fühlen sich als große Geschwister des Kleinen. Weil es in der Großfamilie so gut läuft, fragte die Pflegekinderstelle auch bei Sonja Bielfeldt und ihrem Mann Mike an, ob sie sich vorstellen könnten, Entlastungsfamilie zu werden. Nach kurzem Überlegen sagten die Lehrerin und der Berufsschullehrer zu, allerdings wollten sie kein Kleinkind, sondern ein Schulkind.

Seit 2015 gehört die heutige Achtklässlerin Nicole (Name geändert) zum Familienverband. Einmal im Monat verbringt der Teenager die Zeit von Freitag bis Sonntag bei den Bielfeldts. „Nicole war entwicklungsverzögert, ihre Mutter ist alleinerziehend und arbeitet viel. Deshalb ist Nicole oft allein.“ Im Gegensatz zu den quirligen Geschwistern braucht Nicole mehr Ruhe, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten.

Ohne die Männer geht es nicht

Die Arbeit als Entlastungsfamilie ist oft herausfordernd. „Wir haben alle gesagt, wir wollen das machen. Jeder von uns hat etwas mit eingebracht, auch unsere Männer sind Bezugspersonen für die Kinder.“ Der Zugang der Familien zu den Kindern ist unterschiedlich. Petra Stanislawski ist eher „die Obermama“, wie sie selbstkritisch anmerkt, die gern betüdelt. Sonja Bielfeldt sind klare Strukturen wichtig, die den Kindern Halt geben – eine ideale Kombination.

Ob sie jemals darüber nachgedacht hat, Nicole abzugeben, weil ihr Sohn aufgrund seiner Beeinträchtigung intensive Betreuung benötigt? „Nie“, sagt die 37-Jährige bestimmt. Was wünschen sich die Familien für die Zukunft? „Ich möchte die Kinder gern begleiten, solange ich darf“, sagt Petra Stanislawski. Ihre Tochter nickt: „Nicole soll immer eine Anlaufstelle haben.“ In einem sind Mutter und Tochter sich einig: „Wir geben nicht nur, wir bekommen auch ganz viel zurück.“

„Vier Entlastungsfamilien gibt es zurzeit in Hamburg, doch es könnten gern mehr werden“, sagt Heike Müller vom Pflegekinderdienst. Eines ist ihr besonders wichtig: „Wer sich dafür entscheidet, der sollte sich auf eine längerfristige Begleitung einlassen – und Respekt vor der Bindung der Kinder an die Eltern haben.“

Hier kann man sich als Entlastungsfamilie bewerben

Wer sich als Entlastungsfamilie engagieren möchte, kann sich beim Pflegekinderdienst des Rauhen Hauses bewerben, wenn der eigene Wohnsitz im Bezirk Mitte liegt – in den anderen Bezirken gibt es das Angebot noch nicht. Es können sich neben Familien auch Singles und Paare melden.

Bewerber werden auf ihre Eignung überprüft: Ein Drogentest, ein erweitertes Führungszeugnis und eine Vorstellung beim Gesundheitsamt gehören ebenso dazu wie ausreichende Deutschkenntnisse und eine gute körperliche und seelische Stabilität. Es gibt eine Aufwandsentschädigung.

Kontakt über Heike Müller, Pflegekinderdienst Mitte, Tel. 040/ 235 15 99 10, E-Mail: pflegekinderdienst-mitte@rauheshaus.de