Palliativmedizin

Eine besondere Biografie am Lebensende

Lesedauer: 7 Minuten
Martina Petersen
„Geschichtenpflegerin“ Sabrina Görlitz arbeitet auf der Palliativstation der Asklepios Klinik St.-Georg und Dr. Markus Faust leitet die Station.

„Geschichtenpflegerin“ Sabrina Görlitz arbeitet auf der Palliativstation der Asklepios Klinik St.-Georg und Dr. Markus Faust leitet die Station.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Geschichtenpflegerin Sabrina Görlitz unterstützt Patienten in der Asklepios Klinik St. Georg mit „Würdezentrierter Therapie“.

Werner Becker (Name geändert) kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken: Der Ingenieur hat beruflich viel im Ausland gearbeitet und lange Reisen unternommen. Dass er durch seine Krebserkrankung mittlerweile fast vollständig gelähmt ist, konnte der 80-Jährige nicht akzeptieren. Mit den Ärzten auf der Palliativstation der Asklepios Klinik St. Georg führte der Patient langwierige Diskussionen über die Möglichkeit einer letzten, wenig Erfolg versprechenden Operation, die ein hohes Risiko in sich trug, dass er noch auf dem OP-Tisch sterben würde.

In dieser angespannten Situation bekam Werner Becker Besuch von Geschichtenpflegerin Sabrina Görlitz, die seit 2020 als therapeutische Honorarkraft auf der Station arbeitet. In wenigen Begegnungen konnte ihn die unter anderem in Palliativbegleitung und „Würdezentrierter Therapie“ ausgebildete Mitarbeiterin dabei unterstützen, den Weg zum Kern seiner Persönlichkeit, zu seinen Kraftquellen und Bedürfnissen zu finden. Werner Becker entschied sich gegen die OP und für einen Umzug in ein Hospiz, um dort – wenn auch im Rollstuhl – ein „letztes Nest zu bauen“. Das zehnseitige Schriftstück, das im Anschluss an das Gespräch entstand und in seinen eigenen Worten die Essenz seines reichen Lebens dokumentiert, möchte er seiner Enkeltochter hinterlassen.

Die schwerst kranken Patienten vielschichtig wahrnehmen

„Wir konnten bereits mehrfach erleben, dass die Würdezentrierte Therapie unseren Patienten bei der Krankheitsakzeptanz und -verarbeitung wesentlich geholfen hat“, sagt Chefarzt Dr. Markus Faust, der auf der Palliativstation mit einem speziell ausgebildeten Team aus Ärzten, Pflegern und Therapeuten Menschen mit fortgeschrittener, lebensbegrenzender Erkrankung behandelt. Zum ganzheitlichen Ansatz der Palliativmedizin gehört es, neben den körperlichen Beschwerden auch die psychologischen, sozialen und spirituellen Probleme zu berücksichtigen.

Voraussetzung dafür ist, den Patienten als vielschichtige Persönlichkeit wahrzunehmen. „Sabrina Görlitz konnte uns in unseren Teamsitzungen aus ihrer Arbeit bereits zahlreiche wichtige Hinweise darauf geben, was den Menschen hinter der Erkrankung ausmacht. Denn Lebensqualität und Würde am Lebensende bedeuten für jeden etwas anderes: Während sich ein Patient vor allem Ruhe wünscht, brauchen andere viel Kontakt und ein hohes Maß an Umsorgung“, erläutert Dr. Faust.

Auf Erkrankung reduziert

Auch angesichts der aktuellen Debatte über die Neuregelung des assistierten Suizids sind die Ergebnisse von Studien mit unheilbar Kranken interessant: Aus ihnen geht hervor, dass das subjektiv empfundene Würdegefühl den Ausschlag geben kann, ob jemand leben oder sterben möchte. Mit der Würdezentrierten Therapie schuf der kanadische Palliativpsychologe Harvey M. Chochinov eine Kurzintervention, die auf die Stärkung des eigenen Würdeempfindens abzielt.

„Er fand heraus, dass sich viele schwer erkrankte Menschen zunehmend abhängig und auf ihre Erkrankung reduziert fühlen“, erklärt Sabrina Görlitz. „Mit dieser besonderen Form der Biografiearbeit bekommen sie die kostbare Gelegenheit, sich noch einmal mit den Momenten zu verbinden, die das eigene Leben besonders geprägt haben oder in denen sie sich besonders lebendig gefühlt haben. Auch die Möglichkeit, ein geistiges Vermächtnis hinterlassen zu können, spielt eine große Rolle.“

Sabrina Görlitz, die ursprünglich Journalismus und Medienkommunikation in Hamburg studierte und sich in den vergangenen Jahren im psychosozialen Zweig der Palliativmedizin weitergebildet hat, bringt nicht nur eine „große Lust auf Geschichten“ in die Treffen ein. Die 40-Jährige begegnet den Patienten wertfrei mit Empathie und großer Herzlichkeit.

Tiefes Eintauchen in die Lebensgeschichte

Anhand eines flexiblen Interviewleitfadens dringt sie in der Regel schnell zu dem vor, was ihren Gesprächspartner im Innersten ausmacht, und unterstützt ihn im Rahmen eines rund einstündigen Gesprächs dabei, sich zu fokussieren und einen sinnstiftenden roten Faden durch sein Leben zu finden. „Dabei tauche ich tief ein und wertschätze und bezeuge als Gegenüber das Leben des Erzählenden“, sagt sie. „Für mich sind diese wahrhaftigen Begegnungen heilige Momente, wie ich sie im Alltag nur selten erlebe: Ich habe das Gefühl, den anderen so wahrzunehmen, wie er wirklich ist. Und er mich auch.“

Ein persönliches Titelbild für die Biografiearbeit

Anschließend verschriftlicht sie das aufgezeichnete Gespräch und liest dem Patienten den entstandenen Text vor. Gibt es keine Änderungswünsche mehr, gestaltet sie noch ein persönliches Titelblatt und übergibt die Mappe beim nächsten Besuch. In den meisten Fällen haben die Patienten beim Gespräch über besondere Aspekte der Lebensgeschichte bereits einen bestimmten Empfänger im Auge: Für eine alte Dame war es wichtig, ihren Enkelkindern einen Rucksack mit Erinnerungen zu packen, damit sie ihre Wurzeln nicht vergessen. „Sie hat vom Zusammenhalt der Familie in schweren Zeiten berichtet und vom gemeinsamen Genuss der ersten Apfelsine nach dem Krieg geschwärmt“, erzählt Sabrina Görlitz.

Einem Mann lag am Herzen, seinem Sohn von seiner großen Leidenschaft für Hawaii zu erzählen und ihm die Gründe dafür zu erklären, dass er sich früher nicht genug um ihn kümmern konnte. „Das Dokument brachte eine große Liebe für den Sohn zum Ausdruck“, erinnert sich Sabrina Görlitz. „Der Patient betonte am Ende, dass er sich durch unser Gespräch viel leichter fühle, und verabschiedete sich strahlend mit einem ,Aloha‘ von mir. Er ist für uns alle unerwartet bereits am nächsten Tag ganz friedlich gestorben.“

Eine alte Dame hinterließ Buchtipps

Eine hochbetagte Dame ohne Angehörige, die ihr Leben lang kulturinteressiert war, bat Sabrina Görlitz darum, ihr den Bericht widmen zu dürfen. Sie gab der Therapeutin nicht nur zahlreiche Buchtipps, sondern berichtete im Gespräch auch davon, dass sie die traumatische Flucht aus Tschechien nur verkraftet habe, indem sie immer wieder in die Parallelwelt der Märchen eingetaucht sei. Sabrina Görlitz besuchte sie am Tag ihres Todes im Hospiz und konnte ihr mit den geliebten Geschichten den Abschied erleichtern.

Manchmal geht es bei der Arbeit von Sabrina Görlitz auch darum, ein Leben zu ehren, indem man im Rückblick gemeinsam Erlebnisse betrauert. „Oft lassen sich in einem traurigen Kapitel neben dem Schmerz auch Gefühle der Verbundenheit, Dankbarkeit oder der Zuversicht entdecken“, sagt sie. „Manchmal wandelt sich angesichts des nahenden Lebensendes auch der Blickwinkel von allein und Menschen können den Fokus auf Lebensbereiche lenken, die vor allem von Liebe und Zuneigung geprägt waren.“ Einmal wurde die Würdezentrierte Therapie sogar zur Vorlage für eine Trauerrede, die Sabrina Görlitz für eine Verstorbene hielt. Die Familie fand in den liebevollen Gedanken der Mutter am Lebensende großen Trost.

Weitere Informationen zur Würdezentrierten Therapie auf https://sabrinagoerlitz.de, www.as­klepios.com/sanktgeorg/wuerdezentrierte-therapie und der Webseite der Gesellschaft für Patientenwürde: https://www.patientenwuerde.de