Menschen mit Behinderung

Die fabelhafte Kraft der Amili Targownik

Lesedauer: 6 Minuten
Iris Mydlach
Amili Targownik bei ihrer Abschlussfeier von der Highschool in den USA

Amili Targownik bei ihrer Abschlussfeier von der Highschool in den USA

Foto: Daniel Targownik

Die 25-Jährige kam mit einem Hirnschaden zur Welt und sollte auf die Förderschule gehen. Sie hat Abitur und studiert nun in Jerusalem.

Für die kleine Amili Targownik waren viele Dinge im Leben unklar, aber bei einer Sache war sie sich ziemlich sicher: dass alle Menschen – nicht nur sie selbst – behindert zur Welt kommen und mit 18 Jahren die Lizenz zum Gehen erhalten. Warum auch nicht? Was bei ihr bislang nicht so richtig geklappt hatte, würde mit Sicherheit einfach später passieren, und dann könnte sie all ihre Erfahrungen auch gleich der kleinen Schwester mitgeben, von der Amili wusste, dass sie unterwegs war. Was würde die sich bestimmt über den Rollstuhl der großen Schwester freuen, den Amili ihr eines Tages schenken würde.

Doch natürlich kam es nicht so. Die kleine Schwester kam ohne Hirnschaden zur Welt, sie brauchte Amilis alten Rollstuhl nicht, genauso wenig wie ihre Ratschläge. Sie krabbelte, brabbelte und begann zu laufen, einfach so. Sie überholte Amili und scherte sich nicht um irgendwelche Lizenzen.

Kommunikation zwischen Gehirn und Körper gestört

Infantile Zerebralparese (CP) nennt sich die Behinderung, die Kinder eine andere motorische Entwicklung nehmen lässt als gesunde: Die Kommunikation zwischen Gehirn und Bewegungsapparat ist gestört. Die Diagnose bekommen die Eltern meist kurz nach der Geburt – Prognosen kann zu diesem Zeitpunkt allerdings niemand abgeben. CP kann über eine Unterversorgung mit Sauerstoff im Mutterleib entstehen oder durch einen Geburtsstillstand.

Die große Amili Targownik lacht nicht, wenn sie von dem Moment erzählt, an dem ihre kleine Schwester die ersten Schritte machte, es ist ein wunder Punkt in ihrem Leben. Und es ist einer der Schlüsselmomente in ihrem Buch. Wahrscheinlich muss man aus Marmor sein, um an dieser Stelle nicht zumindest eine halbe Träne zu vergießen, weil in diesem kleinen Gedanken ja im Grunde alles zusammengefasst ist: die Selbstverständlichkeit, mit der Kinder mit Behinderung in die Welt starten – und die unglaublich vielen Enttäuschungen, die sie auf ihrem Weg erleben müssen.

Sie schweigt eineinhalb Jahre lang

Als Reaktion auf die erste große Enttäuschung hört Amili Targownik auf zu sprechen. Sie beschließt, so lange zu schweigen, bis ihre Eltern ihr eine Antwort auf die Fragen geben, warum ihre Schwester, aber nicht sie die Lizenz zum Gehen besitzt. Eineinhalb Jahre hält sie durch.

Amili Targownik ist heute 25 Jahre alt, sie studiert Soziale Arbeit und wird bald ihren Master beginnen, sie spricht vier Sprachen fließend und hat ein Buch über den Weg geschrieben, der sie zu der selbstbewussten jungen Frau gemacht hat, die sie heute ist.

Im Podcast „Von Mensch zu Mensch“ erzählt Amili von ihrem Weg

Im Abendblatt-Podcast „Von Mensch zu Mensch“ erzählt sie von ihrer Kindheit in München, von schönen und schlimmen Momenten ihrer Schulzeit und ihrem Leben in Jerusalem. Denn obwohl sie 1995 in Tel Aviv geboren wurde, ist Israel nicht das Land, in dem sie aufgewachsen ist: Zwei Jahre nach ihrer Geburt zieht die Familie nach München, weil die Eltern von den guten Therapiemöglichkeiten für Kinder mit spastischer Zerebralparese in Deutschland gehört hatten. In der 10. Klasse wechselt Amili an eine Privatschule in den USA, für das Studium kehrt sie dann nach Israel zurück.

Zu erzählen hat Amili Targownik deshalb eine ganze Menge. Nicht nur von ihrem Leben mit CP, sondern auch von den unzähligen Malen, die sie von ihrer Umgebung nicht für voll genommen wurde, bei denen sich ihre Eltern Urteile von Ärzten und Lehrern anhören müssen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Arzt attestiert geistige Behinderung

Mit zwei Jahren attestiert ihr ein Arzt eine geistige Behinderung – weil sie ihn bei einer Untersuchung anlächelt – der Arzt ist der Meinung, sie müsse fremdeln. An einer anderen Stelle raten die Ärzte den Eltern, nicht in mehreren Sprachen mit ihrer Tochter zu sprechen – das würde ihr Gehirn überfordern. Dafür hat Amili einen Satz gefunden, der ausdrückt, was sie immer wieder in solchen Momenten gefühlt hat: „Du kennst vielleicht meine Behinderung. Aber mich kennst du nicht.“

Je älter Amili wird, desto zahlreicher werden die Experten. Und die Zweifler: diejenigen, die sie partout auf eine Förderschule abschieben wollen. Dass Lehrer sie nicht für voll nehmen, wird zur Regel und nicht zur Ausnahme. Und obwohl sie die Versetzung in die 10. Klasse schafft, bittet die Klassenlehrerin des 9. Jahrgangs zum Gespräch und teilt der Mutter im Beisein der Tochter mit, dass man dringend rate, Amili von der Schule zu nehmen – die 10. Klasse würde sie nicht schaffen, auch nicht im zweiten Anlauf.

Sie wechselt auf eine US-Privatschule

All das sind Erfahrungen, die Amili Targwonik bis heute prägen. Und das merkt man ihr an im Podcast, im den sie nah und direkt von ihren Gefühlen erzählt, dass die 3000 Kilometer, die zwischen Hamburg und Jerusalem liegen, auf eine Winzigkeit schrumpfen.

Amilis Eltern nehmen sie nach dem Gespräch aus der Schule, wenig später aus dem deutschen System. In der 10. Klasse wechselt sie auf eine US-Privatschule, an der sie endlich Freunde findet und Lehrer, die sie als Bereicherung empfinden. Die sie nicht kleinhalten, die sie in manchen Fächern fördern, in anderen nicht. Die kein großes Ding daraus machen.

Amili Targwoniks Buch ist eine dringende Empfehlung. Weil es wundervoll erklärt, wie behinderte Kinder die Welt sehen und was Eltern erreichen können, deren Kinder ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Wer bin ich?

Ich bin mit einer Behinderung im Handgepäck zur Welt gekommen.

Mein Handgepäck heißt Zerebralparese.

Spitzname CP. Die CP betrifft meine Beine und meinen rechten Arm.

Ich brauche für manches etwas länger als andere. Es gibt so vieles, was ich kann.

Jeder hat sein Handgepäck.

Die meisten tragen ihrs mit zwei Händen. Ich trage meins mit links

und komme gerade erst in Fahrt.

Aus dem Buch: „Hat keine Flügel, kann aber fliegen“ von Amili Targownik