Seniorenwohnen

Mitbewohner für Pflege-WG in Hamburg gesucht

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Heike Wander
Wohn-Pflege-Gemeinschaft in der Heerlein-Zindler-Stiftung, das Ehepaar Regina und Volker Ludewig in ihrer neuen Wohnung

Wohn-Pflege-Gemeinschaft in der Heerlein-Zindler-Stiftung, das Ehepaar Regina und Volker Ludewig in ihrer neuen Wohnung

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

In St. Georg sucht ein Paar mit Unterstützungsbedarf Gleichgesinnte, die mit in der großen, barrierefreien Wohnung leben möchten.

Zweier-WG sucht Mitbewohner für schöne helle Zimmer in renoviertem Altbau in St. Georg, parkähnliche Lage nahe der Alster, Quadratmeterpreis 10,73 Euro Kaltmiete“. Nach solch einem Angebot suchen viele in Hamburg, meist sind es junge Leute wie Studenten. Doch auch die deutlich älteren WG-Bewohner Regina und Volker Ludewig wollen ihre Wohnung teilen, ihren Lebensabend gemeinsam mit Menschen verbringen, die hilfebedürftig sind wie sie auch. Sie sind die Gründer einer Wohn-Pflege-Gemeinschaft (WPG) in Kooperation der Hartwig-Hesse-Stiftung mit der Heerlein- und Zindler-Stiftung.

Die 60-Jährige und ihr 71 Jahre alter Mann möchten sieben Gleichgesinnte finden, die sich trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen viel Freude am Leben bewahrt haben. „Wir suchen positive Menschen, die über ihre Erkrankung sagen: ,Ja, das war ein harter Schlag, aber wir sind froh, jetzt zusammen in der Sonne sitzen zu können‘“, sagt Regina Ludewig. Sie hat eine fortschreitende Gehbehinderung, ihr Mann erlitt vor einigen Jahren einen Herzinfarkt, der bleibende gesundheitliche Schäden verursachte. Als ihr jüngerer Sohn wegen seines Studiums zu Hause auszog, wurde es Zeit für eine neue Wohnform.

Das Ehepaar Ludewig ließ sich in Rahlstedt im Seniorenstützpunkt beraten und zog im August 2020 in die Dachwohnung ins Haus Koppel 17. In der mehr als 300 Quadratmeter großen WPG soll künftig eine Gruppe ähnlich Betroffener ab circa 60 Jahren in einer Art familiärem Umfeld in Selbstverantwortung leben.

Pflegedienst kommt extra ins Haus

Die Pflege wird vom Pflegedienst der Heerlein- und Zindler-Stiftung übernommen. Voraussetzung für den Einzug ist ein erheblicher Unterstützungsbedarf. Geschwister, Einzelpersonen oder auch gesunde Partner dürfen ebenfalls dort mieten.

Es gibt in Hamburg zwar schon eine große Anzahl WPGs, überwiegend aber für Menschen mit Demenz. „Unsere WPG in St. Georg wendet sich an geistig möglichst fitte Ehepaare, so etwas kenne ich in Hamburg bisher nicht“, sagt Maik Greb, Geschäftsführer der Hartwig-Hesse-Stiftung. Der 35-Jährige ist begeistert von dieser Art Wohngemeinschaft, in der „das Wichtigste ist, Mitspracherecht in allen Belangen zu haben und selbst zu bestimmen. Die Lage mitten in der Stadt, modernisierter Altbau, das sind tolle Wohnungen.“

In der Außenanlage können Bewohner andere treffen

Zum Großteil sind die 125 Jahre alten roten Backsteinbauten komplett barrierefrei. In der Außenanlage können die Bewohner auch anderen Menschen aus Senioren-WGs begegnen, sie nutzen den Aktivgarten mit Senioren-Fitnessgeräten, Boulé-Bahn, Grillecke, Hochbeeten und Bänken. Jeder Bewohner der WPG schließt einen normalen Hamburger Mietvertrag ab. So hat ein Ehepaar dann zwei Zimmer mit Bad zur Verfügung und kann Gemeinschaftsräume wie Wohnzimmer und Küche nutzen. Die eigenen Zimmer werden selbst gestaltet und eingeteilt, zum Beispiel in Wohn- und Schlafzimmer. Regina und Volker Ludewig haben jeweils ein eigenes Zimmer. In ihrem ist Platz für ein Bett, einen Schreibtisch, einen Sessel mit einem kleinen Tisch, ein Regal und eine Vitrine „mit Omas altem Kaffeegeschirr“, sagt die Diplom-Sozialwirtin, die auch Ethikberaterin im Gesundheitswesen ist.

Ihr Mann ruht sich während des Gesprächs nach seiner Ergotherapie aus. Auch andere Fachkräfte wie Physiotherapeuten oder Logopäden kommen ins Haus, ebenso ist eine Reinigungskraft und eine Haushaltshilfe für die Ludewigs tätig. „Der Pflegedienst ist Gast im Haus“, sagt Maik Greb und der Tagesablauf werde individuell auf die Wünsche der Bewohner abgestimmt. „Wir beraten eher, geben nichts vor. So wird aktuell eingekauft und gekocht, was die Gruppe möchte – in klassischen Pflegeheimen hingegen stehen die Speisepläne meist schon wochenlang vorher fest.“ Auch Tiere sind erlaubt. Beratung könnte dann vielleicht vor einem Einzug nötig werden, wenn ein Hund sehr groß wäre. Das würde eventuell bei sturzgefährdeten Mitbewohnern zu Problemen führen.

Das Ehepaar musiziert sehr gerne

Die Ludewigs schätzen an der WPG insbesondere die Selbstbestimmtheit. „Wir sind sehr offene Menschen“, sagt Renate Ludewig, „und hatten schon immer ein Haus der offenen Tür.“ Deshalb ist Besuch in normalen Zeiten bei ihnen auch hochwillkommen. Renate und Volker Ludewig musizieren gerne, vom Singen bis zum afrikanischen Trommeln, sie mögen Spieleabende und gemeinsames Kochen. Im Herbst vergangenen Jahres, als die Einschränkungen wegen Corona gelockert waren, haben sie bereits Kontakte zu anderen WGs geknüpft und sich gegenseitig gerne nach Hause eingeladen.

„Ich bin froh, hier zu sein“, sagt Renate Ludewig, „ich bezeichne unsere Wohngemeinschaft als Projekt der Ermutigung.“ Weitere Projekte in dieser Art möchte Maik Greb in naher Zukunft verwirklichen, zum Beispiel in Rissen. „Dafür suchen wir noch Sponsoren“, sagt er und freut sich auf viele neue Kontakte zu künftigen Mietern: „Wir lassen uns gerne von Menschen überrennen, die Interesse haben.“

Informationen: Heerlein- und Zindler-Stiftung, Koppel 17, 20099 Hamburg, Philipp Rudolph: T. 28 00 85 90, www.heerlein-zindler-stiftung.de, E-Mail: info@heerlein-zindler-stiftung.de