Hamburg

„Ich bin Hermaphrodit, Diversling und Zwitter“

Lesedauer: 7 Minuten
Sabine Tesche
Dazwischen: Anjo Kumst ist ein intergeschlechtlicher Mensch.

Dazwischen: Anjo Kumst ist ein intergeschlechtlicher Mensch.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Anjo Kumst wurde mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren. Die Geschichte eines intergeschlechtlichen Menschen.

Wer sich mit Anjo Kumst unterhält, muss ganz schön auf die eigene Sprache achten. Denn Kumst möchte weder mit Herr noch Frau angesprochen werden, bevorzugt das Personalpronomen „es“ und bezeichnet sich selber als Diversling und Zwitter. „Und zudem bin ich linkshändig, ernähre mich vegan und fahre nur noch Fahrrad. Ich bin wirklich ein recht seltenes Exemplar“, sagt Kumst. Man könnte noch einen großartigen, etwas bissigen Humor, Warmherzigkeit und Kampfbereitschaft als Charaktereigenschaften hinzufügen. Würde Kumst sich als gelernter Speditionskaufmann – so steht es in der Prüfungsurkunde – um eine freie Stelle bewerben, gälte für Kumst das „d“, für divers, das seit Dezember 2018 offiziell als Geschlechtszugehörigkeit im Geburtsregister eingetragen werden kann.

Gemeinsam mit dem Verein Intergeschlechtliche Menschen hat Kumst politisch darum gekämpft, mit dieser Identität anerkannt zu werden. So können nun auch Erwachsene vor dem Standesamt eine ärztliche Bescheinigung vorlegen oder eine eidesstattliche Erklärung abgeben, um ihren Geschlechtseintrag ändern zu lassen. „Bevor es diese Regelung gab, war ich zwischendurch ein Nichts, weil ich die Eintragung weiblich schon vorher habe löschen lassen. Das hatte auch was, sorgte für ein paar Lacher im Freundeskreis, aber es hat sich auf die Dauer nicht gut angefühlt“, sagt Kumst im Podcast „Von Mensch zu Mensch“. Bis Kumst sagen konnte, dass es ein Diversling ist, brauchte es rund 35 Jahre – und das war ein langer, schwieriger Weg.

Die Kindheit als Mädchen - dann kam die Pubertät

Kumst kam im August 1969 in Hamburg-Hamm zur Welt. Es ist Hermaphrodit, hat sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Davon sah man zunächst nichts. Die Eltern nannten das Baby Anja – bis zur Pubertät wuchs es als Mädchen auf, auch wenn es am liebten Pullis und Hosen trug und oft für einen Jungen gehalten wurde. „Doch ich war fest davon überzeugt, ein Mädchen zu sein“ – auch wenn die Pubertät nicht einsetzte, der Körper sich nicht entsprechend entwickelte. „Mit 17 sagte meine Mutter: ,Es reicht!‘ und ging mit mir zum Frauenarzt. Der sagte, alles sei normal bei mir.“

Doch eine Chromosomenanalyse ergab, dass Anjo Kumst neben einem weiblichen auch einen männlichen Chromosomensatz hat und zudem Gonaden, also nicht entwickelte Hoden, die nach Meinung des Arztes in einer sogenannten Gonadektomie dringend entfernt werden müssten, weil sie ein erhöhtes Krebsrisiko darstellten. „Ich kann trotz Gebärmutter zudem keine Kinder bekommen.

Der Arzt wollte, dass Anjo sich weiblich entwickelt

Der Arzt gab mir dann Ös­trogene, damit ich mich seiner Meinung nach richtig, also weiblich, entwickle“, sagt es. Kumst erzählte damals freimütig von der Diagnose, ohne sie tiefer zu durchdringen. Mit 21 Jahren heiratete Kumst einen Mann, machte eine Kfz-Lehre, orientierte sich an dem Verhalten von Freundinnen. „Ich habe versucht, mich im Alltag als Frau zu verbergen, in der Gesellschaft nicht aufzufallen“, sagt es.

Heute sieht Anjo Kumst die Behandlung durch den Arzt sehr kritisch, die Östrogene hat es längst abgesetzt. „Ich finde es schlimm, dass ich von der Medizin so standardisiert in das weibliche Geschlecht sortiert wurde. So habe ich mehr als zwölf Jahre verzweifelt versucht, diese Geschlechtszuweisung zu leben, es hat nur nie geklappt“, schrieb Kumst 2013 in einem autobiografischen Text.

Der Körper wurde durch Östrogene verändert

„Dafür wurde mein Körper dermaßen durch die Hormonbehandlung verändert, und das ist nicht mehr umkehrbar. Wenigstens der Stoffwechsel funktioniert durch Testosteron jetzt besser, mit den anderen ,körperlichen Auffälligkeiten‘ muss ich nun wohl leben.“ Durch das Testosteron sieht Kumst im Gesicht männlicher aus, die Schultern sind breit, die Brust jedoch eindeutig weiblich.

Auch der Bundestag hat eingesehen, dass sich hier etwas ändern muss: Am 25. März 2021 hat er einen Gesetzentwurf der Bundesregierung „zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“ angenommen. Mit dem Gesetz soll das Recht von Kindern auf geschlechtliche Selbstbestimmung geschützt werden. Zugleich sollen sie vor unnötigen Behandlungen an den Geschlechtsmerkmalen bewahrt werden. Und ein operativer Eingriff muss nun grundsätzlich vom Familiengericht genehmigt werden – es sei denn, es besteht Lebensgefahr für das Kind.

„XY-Frauen“: Endlich eine Selbsthilfegruppe

Durch das Internet öffnete sich für Anjo Kumst eine neue Welt und kurz danach ein neues Leben. Jahrelang hatte Kumst verzweifelt nach einer Selbsthilfegruppe gesucht. 2002 entdeckte es die Gruppe der XY-Frauen. „Ein Jahr später habe ich mich mit 24 Frauen aus ganz Deutschland getroffen und zum ersten Mal erlebt, dass ich mich nicht mehr erklären muss, die wussten alle, wovon ich rede. Da habe ich auch da erste Mal den Begriff Intersexualität gehört. Dass es das gibt, hat mir kein behandelnder Arzt vorher erzählt.“

Im nächsten Jahr kam die Vereinsgründung, zunächst unter dem Namen „Intersexuelle Menschen“, inzwischen heißt er „Intergeschlechtliche Menschen e. V.“. „Nun gab es uns ganz offiziell, sogar bei Gericht. Das war für uns ein großer Schritt, der auch ein neues Bewusstsein möglich machte“, schrieb Anjo Kumst im autobiografischen Text. „Zu dieser Zeit konnte ich auch dieses ,Frau sein müssen‘ loslassen und mein Leben als intersexueller Mensch führen. Das war ein Geschenk aus dem Zusammensein.“

Gibt es eine Hermaphroditen-Abteilung?

Aber es gibt immer noch mal wieder Zweifel. „Ich habe auch heute noch Anwandlungen, mich doch anzupassen, um in der breiten Masse zu verschwinden“, sagt Kumst im Podcast. Denn Anjo Kumst ist auch realistisch. Die Gruppe der intergeschlechtlichen Menschen ist sehr klein. „Wir sind vielleicht ein Prozent, das weiß keiner so genau, denn bisher hat das keiner statistisch erfasst. Wir sind also nur sehr wenige im Vergleich zu den riesigen Gruppen von Männern und Frauen, und indem ich sage, ich bin divers, stelle ich mich an den Rand. Das ist nicht immer leicht auszuhalten.“

Dennoch geht Kumst meist offensiv als Diversling durch den Alltag. „Ich provoziere gern. Einmal habe ich in einem Kaufhaus nach einer Hermaphroditen-Abteilung gefragt. Das war etwas gemein.“ Auf dem Damenklo reagierten die Frauen zum Teil panisch auf Kumst. Mittlerweile geht Kumst auf die Toilette für Menschen mit Behinderung. „Ich habe auch einen Schlüssel dafür.“ Auf dem Campingplatz, den Kumst und sein zweiter Ehemann regelmäßig besuchen, gibt es seit dieser Saison ein Diversschild. „Dafür habe ich drei Jahre gekämpft und wahrscheinlich kann sich keiner vorstellen, wie unbeschreiblich gut das tut.“

Die Geschichte von Anjo Kumst im neuen Podcast „Von Mensch zu Mensch“: abendblatt.de/podcast/von-mensch-zu-mensch