Buchtipp

Hungerleider, Superschmecker oder Stressgetriebener?

Lesedauer: 3 Minuten
Buchcover "Das Ernährungsgefühl" von Melanie Mühl

Buchcover "Das Ernährungsgefühl" von Melanie Mühl

Foto: Hanserblau

Autorin Melanie Mühl hat ein Ernährungsbuch geschrieben, das hilft, das eigene Essverhalten kennenzulernen und achtsamer zu genießen

Du musst nicht mehr gut aussehen, kannst dich gehen lassen zu Hause, das Theater hat geschlossen ebenso wie das Fitnessstudio, Anzug und Kostüm fürs Büro bleiben im Kleiderschrank. Ausreichend Bewegung, frische Luft? Fehlanzeige – da ist der Griff zur Chipstüte, zum Schokoriegel vor dem Fernseher oder Computer fast programmiert. So erleben viele die Corona-Zeit, Kinder und Erwachsene haben viel häufiger Gewichtsprobleme als vorher.

Melanie Mühl, Redakteurin bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, zeigt in ihrem neuen Buch „Das Ernährungsgefühl“, wie man die eigene Beziehung zum Essen kennenlernt und verändern kann. „Es geht vor allem darum, sich selbst besser zu verstehen, die eigenen Gefühle, Gelüste, Bedürfnisse einordnen zu können“, sagt Mühl. Coronabedingt sei das Gefühl von Kontrollverlust enorm und das zeige sich auch bei der Ernährung. „Wir sind häufiger Getriebene, als wir denken, aber es gibt Auswege.“

Die meisten sind emotionale Esser

Ob „Superschmecker, Normalschmecker, Nichtschmecker“ – die meisten Menschen seien „emotionale Esser“, ohne sich dessen bewusst zu sein, schreibt sie. Mühl vermittelt Basiswissen über Ernährung, befasst sich mit körperlichen Vorgängen und chemischen Reaktionen auf Speisen, entlarvt Ernährungsirrtümer. Sie erklärt, wie Psyche, Gedanken oder Erfahrungen unsere körperlichen Bedürfnisse austricksen, und beantwortet die Fragen: „Wann habe ich Hunger, wann bin ich satt“?

So habe eine von der Universität Michigan durchgeführte Studie herausgefunden, dass schon vierjährige Kinder bei Stress vermehrt essen, ohne Hunger zu haben. Für Eltern bedeute diese Erkenntnis, „dass sie die kulinarische Sozialisation ihres Nachwuchses gar nicht aufmerksam genug beobachten können, denn im Kindesalter werden die Weichen gestellt, zu welchem Typ Esser wir uns entwickeln“. Themen sind auch gemeinsames Essen, ob mit oder ohne laufenden Fernseher, Essen als Familien-Hobby, als Austragungsort von Konflikten. Eine Mahlzeit mit mehreren Personen am Tisch führt in der Regel dazu, dass jeder Einzelne mehr isst als allein.

Es gibt Gedanken- und Augenhunger

Nahrungsaufnahme ist eng verbunden mit Gefühlen. Welches Gefühl geht einem Essensimpuls voraus?, fragt die Autorin. Essen Sie bei Stress, aus Langeweile oder als Belohnung? Auch zu wenig Schlaf macht hungrig. Hunger wirkt auf Menschen unterschiedlich, manche verlieren dabei schnell die Kontrolle über sich und werden aggressiv. Die Ärztin Jan Chozen Bays klassifiziert sogar sieben verschiedene Hunger: Magen-, Zell-, Nasen-, Mund-, Herz-, Gedanken-, Augenhunger. So könnten Liebeskummer oder Traumata zu „Herzhunger“ führen, viele Menschen stürzen sich dann aufs scheinbar tröstliche Essen.

Mühl gibt viele einfach zu befolgende Tipps, sich gesund zu ernähren, u. a. vorwiegend pflanzliche unverarbeitete Nahrung sowie nur Lebensmittel zu essen, die verderben können, auf Zusatzstoffe zu achten, Mahlzeiten zu genießen – mindestens so lange, wie deren Zubereitung gedauert hat, und wer nicht hungrig genug sei, um ein Stück Obst zu essen, habe keinen Hunger. Die Autorin plädiert zudem für Achtsamkeit beim Essen, was mehr bringe als technische Messinstrumente und Apps. Achtsamkeit führe aus der „(digitalen) Überforderungs- und Stressschleife“ heraus zu innerer Gelassenheit.

Das Buch ist informativ und überzeugend. Wer das Wissenswerte verinnerlicht, Ratschläge und Übungen ausprobiert, kann vielleicht künftig auf Diäten verzichten und sicherer das Essen auswählen, was dem im Grunde sehr „klugen“ Körper guttut.

Melanie Mühl: „Das Ernährungsgefühl – wie Emotionen unser Essverhalten beeinflussen“, hanserblau, 176 S., 14 Euro