Psychotherapeuten sind eben auch nur Menschen

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Lori Gottlieb: "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden"

Lori Gottlieb: "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden"

Foto: Hanserblau

Autorin Lori Gottlieb erzählt humorvoll und mit Fachwissen Geschichten aus ihrer Therapiepraxis und von Erfahrungen als Patientin

Julie wird mit Mitte dreißig sterben, John ist Workaholic, Rita hat keinen Kontakt zu ihren vier Kindern und Lori – die Autorin des Buches – leidet unter der Trennung von ihrem Freund, den sie eigentlich heiraten wollte. Lori Gottlieb ist Psychotherapeutin und hat unter dem Titelt „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ auf fast 500 Seiten sehr aufschlussreich darüber geschrieben, wie Psychotherapie funktioniert und welche Fortschritte ihre Patienten machen, die sie in ihrer Praxis in Los Angeles behandelt.

Ein weiterer Erzählstrang ist ihre eigene Geschichte. Auch die alleinerziehende Mutter eines Sohnes beginnt eine Therapie bei einem Kollegen, denn das Ende ihrer Beziehung stürzt sie in eine schwere emotionale Krise. So wird sie selbst zur Patientin und nimmt den Leser mit auf ihre innere Reise. Sie schildert die Vorgänge in einer Psychotherapie aus beiden Perspektiven, interpretiert ihre eigenen Verhaltensweisen genauso wie die ihrer Patienten und ihres Therapeuten und streut Wissenshäppchen ein über Erforscher der menschlichen Psyche – wie Freud, Jung, Rogers oder Erickson. Mit kurzen, verständlichen Erklärungen überfordert Gottlieb auch psychologische Laien nicht.

Flotter Erzählstil, bis zum Schluss spannend

Die medienerfahrene Autorin mehrerer Bestseller ist auch bekannt als Kolumnistin, was ihren flotten Erzählstil erklärt. Bis zum Schluss bleibt es spannend, ob die Hilfesuchenden es schaffen, aus ihren Krisen zu lernen und etwas von dem zu erreichen, was sie sich von der Therapie erhofften. Nebenbei bekommt der Leser ordentlich Stoff zum Nachdenken, denn jeder muss sich mit Themen wie Ungewissheit, Tod, elterliche Anerkennung, Selbstwertgefühl oder Zurückweisung im Laufe seines Lebens irgendwann auseinandersetzen. Gottlieb schreibt auch offen über Schwächen von Therapeuten, über ihre Tricks und dass sie eben auch nur Menschen sind.

Wichtigster Schritt bei einer Psychotherapie sei, dass Menschen die Verantwortung für ihre Schwierigkeiten selbst übernehmen. „Denn warum sollte ich mich ändern, wenn die Probleme doch von ,da draußen‘ kommen?“, fragt Lori Gottlieb.

Kleiner Befreiungsschlag für ein Tabuthema

Die von ihr zitierte Gedichtzeile des amerikanischen Poeten Robert Frost lässt ahnen, dass intensive Arbeit auf Therapeut und Patient wartet: „Der einzige Ausweg führt mitten hinein.“ Sie führt den Leser wirklich mitten hinein in großes psychisches Leid, aber immer mit einem Hoffnungsschimmer, weil sie die Zusammenhänge hilfreich aufschlüsselt. Psychotherapie-Patienten seien „Menschen, die ihr Bestes tun, um sich nicht mehr im Weg zu stehen“, und zwar mit einem Einsatz wie die besten Spitzensportler. Gottlieb klärt auf über Vorurteile, mit denen Therapeuten und Patienten auch heute noch zu kämpfen haben – ein kleiner Befreiungsschlag für das Tabuthema Psychotherapie. Selten gibt es Bücher, die so verständlich, lehrreich und doch kurzweilig darlegen, wie diese geheimnisvollen Sitzungen zweier Menschen funktionieren.

Lori Gottlieb: "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden", Hanserblau, 432 Seiten, 25 Euro.