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Flüchtlingsprojekt: Handarbeiten als Brücke zur Integration

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Im LandAtelier lernen Migrantinnen Nähen und Deutsch

Im LandAtelier lernen Migrantinnen Nähen und Deutsch

Foto: Landatelier

Im LandAtelier in Lauenbrück lernen Migrantinnen Nähen und Deutsch, die Kinder werden betreut. Vorbild ist das Projekt Made auf Veddel.

Hamburg. Als 2015/16 mehr als eine Million Menschen auf der Flucht vor Kriegen nach Deutschland kamen und über das ganze Land verteilt wurden, überlegte Katharine von Schiller im niedersächsischen Landkreis Rotenburg, wie man den Angekommenen vor Ort helfen könne. Die Antwort fand sie, indem sie einige Bausteine zusammenfügte, die plötzlich ideal zusammenzupassen schienen.

Für die Initialzündung hatte ein Vortrag der Modedesignerin Sibilla Pavenstedt über ihr Hamburger Projekt Made auf Veddel e.V. gesorgt, den Katharine von Schiller Jahre zuvor gehört hatte und der sie seither beschäftigte. Ihr imponierte, wie die Initiative auf der Elbinsel lebende Frauen mit Migrationshintergrund aus ihrer häuslichen Isolation befreit und ihnen neben sozialen Kontakten auch Chancen zum Lernen, zur Arbeit und zum Geldverdienen eröffnet hat. Gelungen ist das über ein handarbeitlich-textiles Werkstattprojekt mit begleitendem Sprachunterricht.

Werkstatträume waren schon vorhanden im LandPark

Katharine von Schiller fand, es sei der geeignete Zeitpunkt, das bewährte Hamburger Projekt auch unter anderen Bedingungen zu erproben — was dadurch erleichtert wurde, dass Werkstatträume und sogar Möglichkeiten der Kinderbetreuung sofort zur Verfügung standen. Denn die Familie von Schiller betreibt in Lauenbrück bei Scheeßel (etwa auf der Mitte zwischen Hamburg und Bremen gelegen) einen LandPark. Katharine von Schiller gewann qualifizierte Helfer und gründete 2017 das LandAtelier für Migrantinnen. „Es ist fantastisch zu sehen, wie unsere Idee hier in den ländlichen Raum transportiert wurde und wie das Projekt auch unter anderen Bedingungen funktioniert“, sagt Sibilla Pavenstedt, die mit ihrem Team das LandAtelier von Anfang an begleitet hat.

Sie selbst ist quasi Patin der gemeinnützigen Initiative und sorgte auch dafür, dass die Frauen in Lauenbrück regelmäßig von erfahrenen Made-auf-Veddel-Teilnehmerinnen Anleitungen beim Nähen, Stricken oder Häkeln bekamen. „Das ist positiv für alle: Unsere Veddeler Frauen, die nun in der Rolle der Lehrerin sind, werden bestärkt, für die anderen hat es einen Vorbild-Effekt.“

Modelabel Made auf Veddel ist eine Erfolgsgeschichte

Das 2008 von Pavenstedt und anderen gegründete Produktionslabel Made auf Veddel ist eine Erfolgsgeschichte. Es begann mit Handwerks- und Sprachunterricht und entwickelte sich zu einer Werkstatt, die Designerkleider und Accessoires fertigt, Modenschauen bestückt und auch Großaufträge für zum Beispiel Mutterland, Budnikowsky, Kampnagel, die Kunsthalle/Stiftung Kulturglück ausführt. „Wir haben Interessen und Fertigkeiten der Frauen für eine Arbeitsgemeinschaft genutzt, in der sie ein Miteinander erleben, individuelle Fähigkeiten entwickeln, Erfolgserlebnisse und ein eigenes Einkommen haben“, sagt Pavenstedt.

Das großstädtische Quartiersprojekt hat zwar Modellcharakter, musste jedoch den ganz anderen Bedingungen in Lauenbrück angepasst werden. „Auf dem Land sind die Wege weiter, das Ganze wird dadurch logistisch und zeitlich aufwendiger. Und wir mussten den Müttern Freiräume schaffen, indem wir auch ein Programm für ihre Kinder organisierten“, erzählt Katherine von Schiller.

Sozialministerium förderte das Projekt

So entstand mit finanzieller Förderung des niedersächsischen Sozialministeriums ein wöchentlicher Dreistunden-Termin im LandPark. Für An- und Rückfahrt sorgte ein Autobus-Shuttleservice mit 14 Haltestellen im Landkreis. Die Hälfte der Zeit verbrachten die Frauen mit Handarbeiten im Atelier, die andere Hälfte im Sprachunterricht eine Etage höher. Währenddessen wurden ihre Kinder von einem Pädagogen-Duo beschäftigt

„Am Anfang war es nicht einfach, weil wir lernen mussten, miteinander umzugehen. Der Schlüssel zum gegenseitigen Verstehen ist die Sprache“, sagt Katharine von Schiller. „Die Frauen müssen eine Chance bekommen, Sprachkompetenz zu erwerben, um besser am Leben teilnehmen zu können.“

Der Unterricht wird anschaulich gestaltet

Die pensionierte Berufsschullehrerin Christiane Heitmann ist eine von zwei Sprachmittlerinnen, die in Lauenbrück zunächst mit Frauen arbeiteten, die vor allem aus Afghanistan, Syrien, dem Irak und Iran stammen und sehr unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen mitbrachten. Den Unterricht gestaltete sie möglichst anschaulich, viel mit Bildern und Begriffen. „Ich war mehr als 30 Jahre im Schuldienst und hatte die ganze Zeit über nicht so dankbare Schüler wie diese Frauen. An einem so schönen Ort lernt es sich leichter“, sagt sie.

Im LandAtelier werden von den Migrantinnen Kissen, Schürzen, Handtücher, Tischdecken und Servietten gefertigt und zum Teil im LandArt-Shop des Parks verkauft – die Erlöse fließen zurück ins Projekt. Das Handarbeiten betrachtet Katharina von Schiller als sehr nützlich, doch den Erfolg des Projektes misst sie nicht nur am Lernerfolg beim Nähen. „Auch wer nicht dabei bleibt, hat vielleicht etwas Deutsch gelernt, Freundinnen gefunden und Selbstbewusstsein gewonnen. Am wichtigsten ist, dass die Frauen hier Fuß fassen und wertgeschätzt werden — dafür können wir Türen öffnen.“

Samira Abdollahi ist die Musterschülerin des Projekts in Lauenbrück. Die Afghanin war mit ihrer Familie 2015 aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Sie ist von Anfang an beim LandAtelier dabei, hat schnell Deutsch gelernt und näht so zuverlässig, dass sie Aufträge allein ausführen kann, wegen der Kinder meist in Heimarbeit. Ihre beiden älteren Töchter Hanya (11) und Ayda (8) — zwei weitere wurden in Deutschland geboren — haben sie zum wöchentlichen Treffen begeistert begleitet.

Auch die Männer der Frauen müssen mitziehen

Kürzlich habe Samira vor 30 deutschen Frauen einen Vortrag über ihre Arbeit gehalten, „mit Baby auf dem Arm“. Ihr Ehemann, so erzählt von Schiller, sei sehr stolz auf seine Frau. Auch das Vertrauen der Männer sei ein Schlüssel zur Integration. Katharine von Schiller kann sich gut vorstellen, dass das LandAtelier nach Hamburger Vorbild irgendwann zur Produktionsstätte wird und dass Samira dann als Werkstattleiterin arbeitet.

„Schade, dass Corona uns so ausbremst“, sagt sie. Das wöchentliche Treffen im LandPark musste eingestellt werden. Die Förderung vom Land wird vorerst nicht verlängert. Die LandAtelier-Gruppe hält über Zoom Kontakt. Außerdem wurde gerade ein Video mit einer Nähanleitung für Stoffhühner gefertigt, um einen 1000-Stück-Auftrag vom Lions Club vorzubereiten.

Katharine von Schiller hofft auf weitere Aufträge aus der Region bis nach Harburg, gern auch simple Arbeiten wie Stoffbeutel für Supermärkte — damit das LandAtelier als Manufaktur in der Nische überlebt und den Frauen Arbeit, Anerkennung und Geld bringt.

Produktbestellungen: www.landart.shopSpenden über: landpark.de