Trauerbegleitung

Trost durch das „Familienhörbuch“

Lesedauer: 7 Minuten
Martina Petersen
Jonna und Enna hören das Familienhörbuch, das ihnen ihre an Krebs gestorbene Mutter hinterlassen hat

Jonna und Enna hören das Familienhörbuch, das ihnen ihre an Krebs gestorbene Mutter hinterlassen hat

Foto: Privat

Das gemeinnützige Projekt ermöglicht sterbenskranken jungen Eltern, ihren Kindern kostenfrei die eigene Lebensgeschichte zu hinterlassen

Die letzte WhatsApp von Karin Klickermann an ihre Mutter Christa Ende Februar 2020 besteht aus nur zwei Sätzen: „Mama, ich bin total glücklich. Das wird richtig gut!“ Gerade hatte Karin Klickermann ihre letzte Kraft zusammengenommen, um einen Tag lang mit einer Audiobiografin ihre Lebensgeschichte und Mut machende Botschaften an ihre drei kleinen Kinder aufzunehmen.

Zwei Tage später starb die unheilbar an Krebs erkrankte 41 Jahre alte Hamburgerin. „Die Möglichkeit, ihren Kindern ein Familienhörbuch zu hinterlassen, hat Karin bei aller Schwere des Abschieds zuversichtlicher aus dem Leben gehen lassen“, davon ist ihre Mutter Christa Klickermann (63) überzeugt. „Und jetzt gibt das liebevoll gestaltete Tondokument jedem aus der Familie die Möglichkeit, es so individuell zu nutzen, wie es jeder von uns in seiner Trauer gerade braucht.“

Ein echtes Klangkunstwerk ist das Hörbuch

Fünfzig gesprochene Kapitel und besondere Musikstücke umfasst das dreistündige Hörbuch, das professionelle Sound-Designer zu einem echten Klangkunstwerk gestaltet haben. Karin Klickermann redet über ihre Kindheit, das Studium, das Kennenlernen von Ehemann Michael, die Krankheit, mit der sie viereinhalb Jahre gelebt hat, und über Meilensteine im Leben der Kinder. In solch persönlichen Kapiteln spricht sie den heute zehnjährigen Emil, die achtjährige Jonna und die sechsjährige Enna im Hörbuch direkt an.

Weiterhin bringt sie im Kapitel „Ein Wort zum Klimawandel“ ihre ökologische Überzeugung zum Ausdruck und appelliert in „Offenheit der Herzen“ an die Kinder, sich mit ihren Sorgen anderen Menschen anzuvertrauen. „Mit diesem Hörbuch könnt ihr euch auch noch in ein paar Jahren an meine Stimme erinnern. Es ist immer da, wenn ihr Trost braucht. Und vielleicht kann es auch ein Wegweiser sein, wenn ihr einmal in Not seid“, formuliert sie liebevoll im Vorwort.

Zukunftsgeschenk für die Kinder

„Die Stimme ist ein Spiegel der Seele. Sie ist das Erste, was ein Kind im Mutterleib von seinen Eltern hört. Und sie ist das Erste, was man nach dem Tod eines Menschen vergisst. Deshalb ist es wichtig, dass die Erinnerungen erzählt werden und die Heranwachsenden die Stimme ihres verstorbenen Elternteils mit in ihr Leben nehmen können“, sagt Judith Grümmer (62), die das Projekt „Familienhörbuch“ 2014 ins Leben gerufen hat.

Die Kölner Hörfunkjournalistin, die viele Jahre beim Deutschlandfunk gearbeitet hat, beschäftigt sich schon lange mit Themen der Palliativmedizin und begann 2004 als Audiobiografin, Familienhörbücher mit Senioren aufzunehmen. „Als ich die Not von palliativ erkrankten jungen Eltern erlebt habe, die ihre kleinen Kinder nicht ins Leben begleiten können, wollte ich sie gern mit einem Hörbuch als Zukunftsgeschenk an ihre Kinder unterstützen“, sagt die dreifache Mutter, die für das Projekt eine Fortbildung zur Palliativ-Care-Begleiterin absolviert hat.

Mehr als 60 Hörbücher hat Judith Grümmer mit ihrem Team aus speziell ausgebildeten Audiobiografen, Sound-Designern und Profimusikern mittlerweile produziert und bereits im Entstehungsprozess die heilsame Wirkung ihrer Arbeit erlebt. Teilnehmer, die sich über ihre schwere Erkrankung als vorwiegend defizitär erleben, entdecken mit ihr wieder den Reichtum an Erlebtem.

Leichtigkeit im Alltag

In Familien, in denen sich alles nur noch um die Krankheit drehte, wird wieder miteinander gesprochen. Manches Mal kann so ein wenig Leichtigkeit in den Alltag zurückkehren. „Bei der Produktion blicken wir gemeinsam in die volle Scheune statt auf das abgeerntete Feld. Wir feiern das Leben, und es wird dabei auch viel gelacht“, erzählt sie.

Von 2017 bis Anfang 2020 wurde das Familienhörbuch-Projekt von der RheinEnergie-Stiftung aus Nordrhein-Westfalen gefördert und vom Universitätsklinikum Bonn wissenschaftlich begleitet. „In Fragebögen und Interviews haben alle am Projekt beteiligten Patientinnen und Patienten betont, dass ihnen das Erstellen des Hörbuchs gutgetan hat“, sagt Psychoonkologin Michaela Hesse, die das Projekt an der dortigen Klinik für Palliativmedizin betreut. „Alle sagten, sie seien dadurch ruhiger geworden, und manche wirkten im Anschluss geradezu beseelt.“ Eine künftige Studie soll zeigen, ob und wie die Nutzung des Familienhörbuchs präventiv wirken und den Trauerprozess jung verwaister Kinder positiv beeinflussen kann.

Am Anfang hatten die Kinder Berührungsängste

„Karin war keine Traumtänzerin. Sie hat nach ihrer Diagnose nur noch wenig in ihrem Beruf als Mediendesignerin gearbeitet und alles darangesetzt, ihre Kinder zu selbstbewussten und selbstständigen Menschen heranwachsen zu lassen“, sagt ihre Mutter Christa Klickermann. Die Kinder wussten, dass ihre Mutter schwer erkrankt ist, und erfuhren kurz vor ihrem Tod, dass sie bald sterben wird und auch, dass ein Hörbuch über ihr Leben entsteht. Als das digitale Tondokument vier Wochen nach der Beisetzung für die Hinterbliebenen zum Download bereitgestellt wurde, hörte es sich Karin Klickermanns Ehemann Michael gleich neunmal hintereinander an und dann immer beim Joggen, nur um die Stimme seiner Frau im Ohr zu haben.

Bei Christa Klickermann und den Kindern löste es anfangs Berührungsängste aus. „Michael hörte dann einzelne Kapitel zusammen mit den dreien und spielte es nach einiger Zeit jedem Kind auf das eigene Tablet, damit es allein entscheiden kann, wann und woran es sich erinnern möchte“, erzählt Christa Klickermann. „Ich habe es beim ersten Mal gleich durchgehört und nur geweint. Weil es mich so aufgewühlt hat, musste ich es ein paar Wochen beiseitelegen. Mittlerweile beruhigt es mich.“ Sie schalte einzelne Lieblingskapitel vorm Einschlafen ein und fühle sich ihrer Tochter dann so nah, als würde sie neben ihr liegen. Emil hört es öfter allein in seinem Zimmer und spricht nur dosiert mit seiner engsten Familie darüber.

„Da wir Karin im Ohr haben, fließen oft Sätze von ihr in unseren Familienalltag ein“, sagt Christa Klickermann. „Wenn Jonna traurig ist, erinnern wir uns daran, dass ihre Mutter gesagt hat: ,Es ist absolut o.k., traurig zu sein. Da gibt es kein richtig oder falsch.‘ Oder wenn wir über die Umwelt reden, sage ich: ,Das Thema war der Mama wichtig.‘ So ist Karin in unserem Leben immer noch sehr präsent.“

Das Projekt benötigt dringend Spenden und hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Infos unter: www.familienhoerbuch.de