Mutmacher

Knallige Körperbilder – mit dem Mund gemalt

Die Malerin Louisa Band (l.) und Christiane Dienhold, Geschäftsführerin des Altonaer Kinderkrankenhauses vor einem Bild der Künstlerin, die nur den Kopf bewegen kann

Die Malerin Louisa Band (l.) und Christiane Dienhold, Geschäftsführerin des Altonaer Kinderkrankenhauses vor einem Bild der Künstlerin, die nur den Kopf bewegen kann

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Das Altonaer Kinderkrankenhaus und der Klinikbereich Lufthafen zeigen eine Ausstellung mit Werken von Louisa Band.

Ein Bild mit schwarz-weißem Untergrund, auf dem in poppigen Farben zwei kopfüber platzierte Profilgesichter leuchten. Ein Glasbild mit ineinander verwobenen Blütenranken, welche die Form der menschlichen Lungen mit ihren beiden Flügeln bilden. Daneben fotografisch anmutende Zeichnungen von Gesichtern in Bleistiftoptik – insgesamt 27 Bilder sind seit Kurzem in den Fluren der Zentralambulanz der Altonaer Kinderklinik ausgestellt. Sie stammen von der ehemaligen Patientin Louisa Band, Künstlername LouBa.

Die farbigen, vielfältigen Motive wirken ermunternd, wenn man in einer der Wartezonen sitzt und auf sie schaut. Man kann in ihnen auch eine optische Bereicherung für den nüchternen Klinikflur sehen. Wie sie entstanden sind, sieht man den Bildern nicht an, kann es aber im ausgehängten Künstlerprofil nachlesen. Die junge Frau malt nicht mit den Händen, sondern mit dem Mund.

Die 20-Jährige hat eine angeborene Nervenerkrankung

Louisa Band, 20 Jahre alt, lange braune Haare, helles Hemd mit figürlichem Design zur schwarzen Jeans, sitzt im Rollstuhl. Aufgrund einer angeborenen Nervenerkrankung kann sie ihre Muskeln nicht bewegen, mit Ausnahme ihres Kopfes. Ursache für diese Erkrankung namens Charcot-Marie-Tooth Typ 1b ist eine Gendefekt. „Der sorgt dafür, dass meine peripheren Nervenbahnen geschädigt sind, ihre Ummantelung ist unterbrochen, das zieht den gesamten Muskelapparat in Mitleidenschaft“, sagt Louisa.

Ihr Kopf ist minimal beweglich. Auch ihre sensorischen Nervenbahnen funktionieren. „Das bedeutet, dass ich alles spüren kann, zum Beispiel meine Füße, aber loslaufen kann ich nicht.“ Sie ist dauerhaft auf den Rollstuhl und die Hilfe anderer angewiesen. Louisa erklärt das ohne Bedauern in der Stimme. Trotz ihrer körperlichen Einschränkung zählen für sie noch andere Dinge im Leben, dazu gehören das Schreiben und Malen.

Sie malt digital mit einem Grafikprogramm

„Ich habe schon als Kind gern gemalt“, erzählt Louisa, die derzeit Politikwissenschaft an der Universität Hamburg studiert. Die ersten Bilder malte sie mit Filzstift im Mund auf Papier, dann wechselte sie zu Pinsel und Acrylfarben, heute malt sie digital mit einem Grafikprogramm. Sie bewegt den Stift im Mund über ein Tablet, kann die Ansicht ganz nah heranzoomen und im Programm eigenständig die Farben wählen, die sie braucht. „Das ist eine enorme Hilfe für ihre Selbstständigkeit, früher musste sie um jede Farbe bitten, damit man sie ihr reicht“, sagt Mutter Sabine Band. Doch auch das hat Louisa nie daran gehindert, zu malen.

Im Altonaer Kinderkrankenhaus (AKK) hängt schon seit Jahren ein Bild vor ihr. Es zeigt einen Schwarm gelbbunter Fische auf blauem Untergrund. Gemalt hat sie es mit elf Jahren, sie verschenkte es zur Einweihung des Lufthafens, wo es seitdem hängt. „Der Lufthafen ist eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche, die aufgrund verschiedener Erkrankungen auf Langzeitbeatmung angewiesen sind“, sagt Christiane Dienhold, Geschäftsführerin des Altonaer Kinderkrankenhauses. Seit 2011 besteht das Zentrum am AKK, es umfasst einen Wohnbereich für sechs Kinder und Jugendliche und eine klinische Station.

Louisa war eine der ersten Patientinnen im Lufthafen

Louisa, die aufgrund ihrer Erkrankung ebenfalls auf eine vorwiegend nächtliche Beatmung angewiesen ist, war eine der ersten Patienten des Lufthafens. Bis zur Volljährigkeit kam sie regelmäßig zur Beatmungskontrolle auf die Station. „Sie hat sich von Anfang an für den Lufthafen eingesetzt und uns unermüdlich beim Sammeln von Spendengeldern unterstützt“, sagt Dienhold.

Aus Spenden wird beispielsweise Musik- oder Kunsttherapie finanziert. Diese therapeutischen Angebote helfen den auf der Wohnstation lebenden Kindern, den Tag zu gestalten. So etwas wollte Louisa gern unterstützen. „Sie ist ein Vorbild, denn sie gibt anderen Mut, weil sie zeigt, dass es trotz körperlicher Einschränkung möglich ist, kreativ zu sein“, sagt Christiane Dienhold. Deswegen musste sie auch nicht lange überlegen, als sie hörte, dass Louisa nach einer Fläche für ihre erste Ausstellung suchte.

Sie malt Hände, selber kann sie nur den Kopf bewegen

Für ihre Motive hat sich Louisa vom menschlichen Körper inspirieren lassen. Sie hat zum Beispiel Hände gemalt, die wie anatomische Zeichnungen wirken. „Hände faszinieren mich, ich achte darauf, wie andere sie benutzen, wie etwa jemand einen Stift hält. Vielleicht ziehen sie mich an, weil ich meine Hände nicht bewegen kann“, sagt Louisa. Auch Fotografieren ist ihr nicht möglich, aber sie schaut sich gerne Porträtfotos an, lässt sich davon für ihre Bilder von Gesichtern anregen. Mal kommen diese als filigrane Zeichnungen daher, wirken wie eine Bleistiftskizze, mal sind sie kontrastreich und in kräftigen Farben gestaltet, als hätte Louisa mit Acryl auf Leinwand gemalt.

Die fertigen Bilder, die zu kaufen sind, lässt sie auf verschiedene Materialien drucken, auf Leinwand, Aluminium und auf Glas, wie das Motiv „Blühende Lunge“. Das florale Design erinnert an die Kunst von Frida Kahlo, die mexikanische Malerin ist eine von Louisa Bands großen Vorbildern. „Es sind ihr Stil und ihre Geschichte, die mich motivieren. Trotz ihrer Schicksalsschläge hat sie nie aufgegeben, sie wurde sogar noch kreativer“, sagt Louisa, die auch Pop-Art-Künstler wie Andy Warhol bewundert.

Die Politikstudentin möchte gern Journalistin werden

Manche Bilder ihrer Ausstellung knüpfen auch an Louisas andere Leidenschaft an, das Schreiben. So hat sie zu ihrem Bild „Zug des Lebens“ einen Poe­try-Slam-Text verfasst. „Es geht darin um das Erwachsenwerden und den Zug des Lebens, der immer in Fahrt ist“, sagt sie. Ihre Zukunft möchte Louisa schreibend als Journalistin gestalten. Dafür hat sie mehrere Praktika, unter anderem beim Hamburger Abendblatt, absolviert.

„Mein Weg ist eher kurvig statt gerade, doch ich folge meinen Träumen“, sagt Louisa Band. Sie möchte mit ihren Fähigkeiten anerkannt werden und sagt selbstbewusst: „Ich brauche kein Mitleid. Ich bin so geboren, wie ich bin, ich habe ein glückliches Leben.“ Sie hofft, mit ihrer Einstellung auch andere in schwierigen Umständen zu ermutigen. Sie ist überzeugt: „Es ist mehr möglich, als man manchmal denkt.“

Die Ausstellung ist bis in das kommende Jahr hinein im AKK, Bleickenallee 38, zu sehen. Und ebenso auf Instagram unter: louba_artist.