Totensonntag

„Der Schicksalsschlag macht uns furchtloser“

Rosemarie Otte-Köckritz und Axel Köckritz mit einem Bild ihres verstorbenen Sohns Paul.

Rosemarie Otte-Köckritz und Axel Köckritz mit einem Bild ihres verstorbenen Sohns Paul.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Vor 17 Jahren starb der jüngste Sohn von Rosemarie und Axel Köckritz. Sie haben dennoch in ein gutes und erfülltes Leben zurück gefunden.

Die gerahmte Federzeichnung im Wohnzimmer von Rosemarie Otte- Köck­ritz (71) und ihrem gleichaltrigen Mann Axel zeigt das Porträt eines ernsthaften jungen Mannes. Auf dem Beistelltisch unter dem Bild steht eine Geburtstagskerze mit der Zahl 18. Sechs Wochen nach seinem 18. Geburtstag starb ihr Sohn Paul beim Fußballspielen einen Sekunden-Herztod. Es war ein Tag im August 2003, der das Leben der Familie für immer in ein Vorher und ein Nachher teilte.

„Ich war in einem Schockzustand, der ein halbes Jahr anhielt“, sagt Rosemarie Otte-Köckritz. Ihr Mann hatte das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. „Pauls Computer war noch an, als wir aus dem Altonaer Krankenhaus zurück nach Hause kamen. Er wollte doch nach dem Fußball an seinem Referat für die Schule weiterarbeiten“, sagt er. Die Visitenkarte der „Verwaisten Eltern und Geschwister Hamburg e. V.“, die ihm der Krankenhausseelsorger gegeben hatte, wirkte wie ein Rettungsanker in höchster Not: Sechs Wochen später traf sich das Paar beim Verein mit einer Trauerbegleiterin zu einem ersten Gespräch.

Zurück in den Berufsalltag nach zwei Wochen

„Uns wurde geraten, uns in unterschiedlichen Trauergruppen Unterstützung zu holen“, erinnert sich Rosemarie Otte- ­Köckritz. „Die Trauerbegleiterin sprach aus, was ich intuitiv schon gespürt hatte: Wir konnten nicht gemeinsam trauern. Jeder war auf einem anderen Trauerweg unterwegs und konnte sich dem anderen gegenüber nicht wirklich öffnen. Wir waren viel zu sehr darum bemüht, aufeinander Rücksicht zu nehmen.“

Beide kehrten bereits zwei Wochen nach Pauls Tod in ihren Berufsalltag zurück, um eine Tagesstruktur zu finden. Während sich Versicherungskaufmann Axel Köckritz auf seinem Homeofficeplatz verkroch, fand die ehemalige Lehrerin bei der Kinderbetreuung auf dem Spielplatz im Fischers Park in Ottensen Halt. Pauls sechs Jahre älterer Bruder Jan kehrte vom Studium in Freiburg nach Hamburg zurück, zog in Pauls Zimmer und schrieb sich für ein Semester an der Hamburger Uni ein, statt wie geplant mit einem Stipendium in den USA zu studieren. Die Familie musste sich neu sortieren und die unterschiedlichen Bedürfnisse wurden manches Mal zur Belastungsprobe. Während Axel Köckritz emotional zusammenbrach, viel weinte und unbedingt über das Unvorstellbare sprechen musste, ließ seine Frau die Gefühle nicht an sich heran und versuchte den Laden am Laufen zu halten.

Mit dem Verstand den Kurs in Richtung „Überleben“

In der Trauerforschung wurde untersucht, wie sich solch komplementäre Trauerstile – unabhängig vom Geschlecht – gegenseitig ergänzen und bedingen: Wenn ein Partner redet, schweigt oftmals der andere und geht stattdessen ins Handeln. Je emotionaler ein Partner wird, desto mehr versucht der andere auszugleichen und mit dem Verstand den Kurs in Richtung „Überleben“ zu halten. Nicht selten zerbrechen Partnerschaften nach dem Tod eines Kindes, weil beide Seiten das Gefühl haben, sich gegenseitig nicht mehr verstehen zu können. Gemeinsame Gespräche bei einer Trauerbegleiterin, die wie eine Übersetzerin das Verständnis für die unterschiedlichen Trauerstile unterstützt, können bei solchen Konflikten hilfreich sein.

„Uns beiden kam zugute, dass wir einander immer viel Raum gegeben haben und nicht die Erwartungshaltung hatten, der Partner müsse uns retten“, sagt Axel Köckritz. „Wir spürten beide, dass wir einen inneren Kompass haben, der uns den eigenen Trauerweg vorgibt.“ Er stieg zwei Wochen nach dem Erstgespräch bei einer offenen Trauergruppe für verwaiste Väter des „Instituts für Trauerarbeit e. V.“ ein. Von den Männern fühlte er sich verstanden und angenommen. Die 14-tägliche Gruppe wurde für acht Jahre seine Trauerheimat, in der er mit anderen die Fortschritte im eigenen Trauerprozess reflektieren konnte. „Nach rund vier Jahren spürte ich, dass ich mutiger wurde und wieder anfangen wollte, mein Leben aktiv zu gestalten“, sagt er.

Der Verein „Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg“ half

Bei Rosemarie Otte-Köckritz begannen die Gefühle erst im Frühling nach Pauls Tod aufzubrechen. „Ich hätte das frische Grün vor Wut aus dem Boden reißen können, weil das Leben weiterging, obwohl mein Kind gestorben war“, sagt sie. Sie besuchte dann für dreieinhalb Jahre eine geschlossene Trauergruppe bei den „Verwaisten Eltern und Geschwistern Hamburg e. V.“. Ihr habe geholfen, dort immer wieder dasselbe erzählen zu dürfen und auch einmal über den Ehemann schimpfen zu können, sagt sie. Erst am Ende dieser Gruppenzeit habe sie emotional akzeptieren können, dass Paul tot ist.

Als Paar hätten sie sich trotz unterschiedlicher Trauerwege nicht aus den Augen verloren, betont Rosemarie Otte-Köckritz. „Ich bin mit meinem Mann am Wochenende oft über verschiedene Friedhöfe gegangen. Wir wussten nicht, was wir mit unserer freien Zeit anfangen sollten, und wollten irgendwie in Bewegung bleiben. Selbst in Krisenmomenten haben wir uns tief verbunden gefühlt: Es gibt ja außer Axel niemanden, der Paul so gut kennt wie ich. Ihn kann ich immer fragen: Weißt du noch?“

Beide wurden Trauerbegleiter

Rosemarie Otte-Köckritz hat 2007 die zweijährige Ausbildung zur Trauerbegleiterin beim Hamburger „Institut für Trauerarbeit (ITA) e. V.“ absolviert, ihr Mann vier Jahre später. Beide wollten anderen Betroffenen etwas von der Unterstützung zukommen lassen, die sie selbst nach Pauls Tod am Leben hielt, und weiterhin am heilsamen Miteinander in den Gruppen teilhaben. Seither haben sie unabhängig voneinander Gruppen bei den „Verwaisten Eltern und Geschwistern Hamburg e. V.“ geleitet.

Axel Köckritz hat dort das Angebot für trauernde Väter aufgebaut und bietet neben einer Vierteljahresgruppe jährliche Kanutouren für betroffene Männer an. Das Ehepaar hat sich entschlossen, 2021 dieses ehrenamtliche Engagement zu beenden. Einerseits bedeute die Übernahme einer Gruppe für dreieinhalb Jahre eine große Verantwortung und koste Kraft. Andererseits wird Paul im kommenden Jahr genauso lange tot sein, wie er gelebt hat. Diesen Zeitpunkt möchten beide nutzen, um in ihrem Leben Raum für Neues zu schaffen.

Im Jetzt präsent

„Ich habe befürchtet, ich könnte Paul über die Jahre vergessen“, sagt Rosemarie Otte-Köckritz. „Doch das Wesentliche bleibt: Ich spüre noch heute, wie ich ihn als kleinen Jungen an der Hand gehalten habe. Ich sehe ihn mit seinem leicht hüpfenden Gang vor mir, und ich höre Sätze, die er gesagt hat. Es ist tröstlich, dass diese Nähe bleibt.“ Beide seien durch den Schicksalsschlag gelassener und furchtloser geworden, sagen sie. Sie fühlen sich im Jetzt präsent und hätten in ein gutes Leben mit Phasen der Unbeschwertheit zurückgefunden. Der Vorstellung von einem „glücklichen Leben“ steht das Paar kritisch gegenüber. „Es wird immer in meinem Bewusstsein bleiben, dass etwas fehlt“, sagt Axel Köck­ritz. „Aber immerhin kann ich heute mit dieser Lücke gut leben.“

Beratung und Hilfe für Trauernde

„Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg
e. V.“
in der Bogenstraße 26 bietet mehr als 25 Trauergruppen mit verschiedenen Schwerpunkten an. Tel. 040 / 45 00 09 14 oder
E-Mail: info@verwaiste-
eltern.de

Das ebenfalls in der Bogenstraße 26 ansässige „Institut für Trauerarbeit e. V.“ (ITA) unterstützt Trauernde mit Einzel- und Gruppenangeboten beim Verlust von Partner, Eltern oder nahestehenden Personen und nach Suizid. Außerdem bildet ITA Trauerbegleiter aus.
Tel. 040 / 36 11 16 83, E-Mail: info@ita-ev.de

Weitere Angebote auf www.koordinierungsstelle-hospiz.de (Stichwort Trauer) und www.trauergruppe.de