Ehrenamtliche gesucht

„Augen Auf!“ hilft gegen Vereinsamung

Erika Ebert ist 90 Jahre alt und wird betreut von Gisela Köppe (l.) , die ehrenamtlich beim Projekt "Augen Auf! " arbeitet. Die beiden treffen sich regelmäßig, draußen geht es auch mal ohne Maske.

Erika Ebert ist 90 Jahre alt und wird betreut von Gisela Köppe (l.) , die ehrenamtlich beim Projekt "Augen Auf! " arbeitet. Die beiden treffen sich regelmäßig, draußen geht es auch mal ohne Maske.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Vor zehn Jahren wurde das Projekt der AWO-Stiftung gegründet. Es vermittelt Hochaltrigen Unterstützung im Alltag und organisiert Besuche

Vor vielen Jahren begann es, einsam um Erika Ebert zu werden. Ihr Mann ist schon vor längerer Zeit verstorben. Und auch die meisten ihrer Bekannten, erzählt Erika Ebert, sind mittlerweile tot. „Das ist in meinem Alter nun mal so“, sagt die Hamburgerin lakonisch. „Wenn man 90 ist, gibt es nicht mehr viele, die einem nahestehen.“ Doch dann kam jemand in das Leben der Seniorin, den sie als „Bereicherung“ bezeichnet. „Ich bin so froh, wenn sie da ist. Es macht uns einfach viel Spaß zusammen. Wir sind fast wie Geschwister.“

Die Frau, die Erika Ebert beinahe wie eine nahe, liebe Verwandte in ihrem Leben empfindet, heißt Gisela Köppe. „Wir verstehen uns super“, sagt die 78-Jährige über ihre ältere Freundin. „Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Wir schnattern ohne Ende. Und sie lacht so gern.“ Dass die zwei Frauen einander gefunden haben, ist das Verdienst des Projektes „Aktion Augen auf! — Mehr Aufmerksamkeit für ein Altern in Würde“ der AWO Stiftung „Aktiv für Hamburg“.

Zum Netzwerk gehören auch Seniorentreffs

Gisela Köppe ist eine von rund 40 Ehrenamtlichen, die mit einem Besuchsdienst ältere Klienten unterstützen. „Wir haben in Hamburg eine Vielzahl von einsamen Menschen, die Kontakte möchten, und auch solche, die echte Hilfe benötigen“, erklärt Renate Polis, seit Juli diesen Jahres Vorsitzende von „Augen auf!“. Die Stiftung vermittelt Senioren Hilfe überall da, wo es nötig ist, bei der Organisation eines Pflegedienstes etwa, bei Behördengängen — oder eben, um Menschen aus der Einsamkeit zu helfen.

„Unser Angebot richtet sich an hochaltrige Menschen“, erklärt Renate Polis. Wo Bedarf ist, erfährt die Stiftung beispielsweise über Hausmeister, die mitbekommen, dass es einem Mieter einer Wohnung schlecht geht. Oder mithilfe von Postboten, die wahrnehmen, dass ein alter Mensch seinen Briefkasten nicht mehr leert. Zum Netzwerk gehören auch die Seniorentreffs, so Polis. „Wenn es zum Beispiel heißt: Die Clara kam mittwochs immer zum Skat. Jetzt haben wir sie seit zwei Wochen nicht mehr gesehen. Wir müssen mal schauen, ob es ihr noch gut geht.“

Telefonpatenschaften sind neu im Hilfsangebot

Wenn sich jemand bei „Augen auf!“ meldet, bekommt er zunächst Beratung eines der sechs qualifizierten hauptamtlichen Mitarbeiterinnen, die erfassen, wo am dringendsten Unterstützung erforderlich ist und einen Hilfeplan erstellen. „Manche unserer Senioren brauchen nur einen Besuch, um alles Nötige in Gang zu bringen“, erklärt die Vorsitzende. „Manche werden über mehrere Jahre betreut.“ Wegen der Corona-Krise sei es schwierig, an alte Menschen heranzukommen. Viele hätten Angst vor Kontakt. Seitdem sind auch Telefonpatenschaften vermittelt worden. „Es ist ein wichtiger Schritt, dass man jeden oder jeden zweiten Tag ein Gespräch hat.“

Ideengeber für „Augen auf!“ war vor zehn Jahren Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel. „Man kann sagen, dass die sozial Schwachen Opfer im weitesten Sinne sind“, sagt der Experte. „Insbesondere gilt dies auch für das hohe Lebensalter. Dann entstehen oft prekäre Situationen.“ Die Unterstützung für die Belange betagter Menschen gehöre zu seinen „Herzensthemen“, betont Püschel. Schon vor Jahren war ihm bei der Untersuchung von verstorbenen Senioren aufgefallen, dass etliche stark vernachlässigt und ausgezehrt waren, viele hatten Durchliegestellen. „Es ist mir immer wichtig gewesen, in dem Bereich Verbesserungen zu erreichen.“ Bei dem damaligen Vorsitzenden der AWO-Stiftung, Claus Gotha, rannte Püschel mit seinem Anliegen offene Türen ein. „Augen auf!“ wurde ins Leben gerufen. Insgesamt sind rund 1200 hochbetagte Frauen und Männer seit der Gründung von „Augen auf“ betreut worden.

Beratungssprechstunden in den Stadtteilen

Eine, die professionell Hilfe leistet, ist Sabine Scharp, die von Beginn an bei der Stiftung dabei ist. „Wir haben Beratungssprechstunden in den Stadtteilen“, da kommen Menschen hin, die Hilfe möchten. Daraus ergeben sich auch Klienten“, erzählt die gelernte Krankenschwester, die für Eimsbüttel und Altona-Nord zuständig ist. Dies seien aber die eher einfachen Fälle. „Das Problem sind die Menschen, die uns gemeldet werden, von besorgten Nachbarn oder Postboten. Diese Senioren haben vielleicht eine schlechte Erfahrung gemacht mit offiziellen Stellen. Oder es gibt solche, die die Augen davor verschließen, dass sie Hilfe brauchen.“ Deren Vertrauen müsse man langsam gewinnen. „Auch wenn vielleicht Vieles im Argen liegt: Oft sind es erstmal kleine Schritte, die weiterhelfen. Und dann akzeptieren sie auch weitere Unterstützung.“

Sabine Scharp wurde beispielsweise von einem Hausmeister gerufen, der meldete, eine Frau lebe in katastrophalen Verhältnissen. „Überall waren Fliegen und Staub“, erinnert sich die „Augen auf!“-Mitarbeiterin. „Die Seniorin hat in einem Einbauschrank ihren Müll entsorgt, und der Kühlschrank ging nicht mehr. Sie aß nur Toastbrot mit Nougatcreme. Es ist schlimm, dass es so weit gekommen ist, dass eine 90-Jährige einfach nicht mehr weiter weiß.“

Ehrenamtliche werden immer gesucht

Sabine Scharp zog die Seniorenberatung hinzu, organisierte eine Entrümpelung, beschaffte einen Kühlschrank, der über Spenden finanziert wurde. „Beim nächsten Besuch habe ich gesehen, dass jetzt Butter und Fleischsalat im Kühlschrank waren. Das hat mich gefreut. Deswegen war nicht alles in Ordnung. Aber wir haben für die Frau erstmal etwas Schönes geleistet.“ In 95 Prozent der Fälle werde die Hilfe gern angenommen, ist die Erfahrung von Stadtteilkoordinatorin Sabine Scharp.

Wie eben auch der Besuchsdienst. „Wir brauchen immer Ehrenamtliche“, erklärt die Mitarbeiterin. Spazieren gehen, Postbearbeitung, gemeinsames Kochen, Klönen, das sind die Dinge, die der Besucher und die Senioren oft gemeinsam machen. „Es ist ein ganz tolles Ehrenamt. Man ist zeitlich flexibel“, betont Scharp. „Und zum Teil sind ganz tiefe Freundschaften entstanden.“ So wie die von Erika Ebert und Gisela Köppe.

Der Kontakt zum Projekt

Das Projekt der AWO Stiftung „Aktiv für Hamburg“ hat Standorte in Eimsbüttel, Barmbek, Stellingen, Lokstedt, Steilshoop, Altona-Nord, Lurup und Schnelsen. Die finanzielle Förderung läuft über Spenden. In der Regel erfolgt nach einem telefonischen Erstkontakt ein Hausbesuch durch die hauptamtliche Mitarbeiterin. Unter der kostenfreien Hotline 0800-2843628 (Mo – Fr zwischen 10-18 Uhr) können Senioren anrufen, die Beratungsbedarf haben oder einfach nur reden möchten.