Ausbildung

Vorlesen, spielen und handwerken: Vivien wird Kitahelferin

Vivien hat das Down-Syndrom, derzeit macht sie eine Ausbildung in der Kita ‚Das bunte Haus‘ in Norderstedt.

Vivien hat das Down-Syndrom, derzeit macht sie eine Ausbildung in der Kita ‚Das bunte Haus‘ in Norderstedt.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

In Hamburg können junge Menschen mit Lernbehinderung eine Ausbildung in Kindergärten machen. Ein bundesweit einmaliges Erfolgsmodell

Auf dem roten Sofa kuscheln sich Nettie und Svea links und rechts an Vivien. Um die drei herum wuseln weitere 13 Kinder der Regenbogengruppe in der Kita „Das bunte Haus“ in Norderstedt. Aber Vivien schenkt ihre ganze Aufmerksamkeit den beiden Mädchen und liest ihnen aus einem „Pettersson und Findus“-Buch vor. Am liebsten liest 17-Jährige vor, und das kann sie richtig gut. Vivien hat das Downsyndrom und macht in der integrativen Kita ihre Ausbildung zur Kitahelferin. Das ist nicht nur für Vivien neu, sondern auch für Kitaleiter Jonas Ordemann. Denn Vivien ist die erste Auszubildende mit Behinderung.

„Wer, wenn nicht wir, sollten diesen Jugendlichen diese Möglichkeit bieten?“, fragt Jonas Ordemann. „Viele andere Kitas haben Berührungsängste, dabei läuft das ohne großen Aufwand.“ Als Viviens Mutter ihn fragte, ob ihre Tochter nach dem Ende ihrer Schulzeit in der Kita eine Ausbildung machen könne, sagte er sofort Ja. 110 Kinder inklusive Krippenkindern werden in der Kita betreut, die sich seit 45 Jahren auf die Integration von Kindern mit Förderbedarf spezialisiert hat. In den sechs Integrationsgruppen sind jeweils elf sogenannte Regelkinder und jeweils vier mit Förderbedarf, sodass derzeit 24 Integrationskinder die Einrichtung besuchen. Hier bekommen sie die Förderung und Therapien, die sie brauchen – von Ergo- über Physiotherapie bis zu Logopädie. Die Therapeuten sind immer vor Ort.

Die niedrigschwellige Ausbildung dauert vier Jahre

Und hier bekommt Vivien die Chance, einen richtigen Beruf zu lernen. Niedrigschwellig zwar, und doch soll sie nach vier Jahren eine ausgebildete Kitahelferin sein. Die duale Ausbildung besteht aus einem praktischen und einem theoretischen Teil. In den ersten zwei Jahren ist Vivien drei Tage an der Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik an der Max-Brauer-Allee und zwei Tage in der Woche in der Kita, und in den anschließenden zwei Jahren besucht sie nur noch zweimal in der Woche die Schule und arbeitet an drei Tagen in einer Kita. Das wird dann vermutlich eine andere Kita sein. Ein Wechsel ist vorgesehen. Diese Art der Ausbildung für Menschen mit einer Lernbehinderung ist in Hamburg seit 18 Jahren etabliert und bundesweit einmalig.

„Die Ausbildung hat vor allem einen beobachtenden und mitlaufenden Charakter, ähnlich wie bei einem Praktikum, mit relativ wenig Anspruch“, sagt Jonas Ordemann. Somit ist die Ausbildung auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Auszubildenden angepasst. Vivien ist seit fünf Wochen dabei und wird von Erzieher Max Baumann angeleitet. „Wir sagen ihr, was zu tun ist. Sie wischt zum Beispiel die Tische ab und spielt mit den Kindern. Sie erfüllt diese Aufträge“, sagt Baumann. Ziel ist es, dass Vivien das irgendwann selbstständig macht, ohne dazu aufgefordert zu werden. „Als Kitahelferin soll sie später sehen, was gemacht werden muss, um so die Erzieher zu unterstützen. Diese haben dann mehr Zeit, um dicht am Kind zu sein“, sagt Kitaleiter Ordemann. Je nach ihren Fähigkeiten arbeitet sie bei den Mahlzeiten, beim Spielen, bei der Gestaltung des Außengeländes, bei der Gartenarbeit oder bei einfachen handwerklichen Tätigkeiten in der Kita mit.

Sprachlich gewandt und möglichst selbstständig

Was die Jugendlichen mitbringen sollten, ist ein Schulabschluss nach Klasse 10 und natürlich Interesse an der Arbeit mit Kindern. Sie sollten sich in Gruppen wohlfühlen und sich selbstständig in den Einrichtungen orientieren können. Irgendwann sollte Vivien auch allein mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrer Arbeitsstätte fahren können. Das muss sie noch üben. Heute, wenn die Arbeit um 14.30 Uhr vorbei ist, holt ihr Vater sie ab. Weitere Anforderungen bei diesem Berufszweig: Die Auszubildenden sollen sich sprachlich ausdrücken können.

Noch ist das alles neu für Vivien. Aber sie macht einen sehr glücklichen und zufriedenen Eindruck. „Ich mag Kinder“, sagt sie. Sie hilft ihnen gern beim Anziehen und beim Schuhezubinden. Und auf Spielplätze geht sie ohnehin gern. „Ich musste ihr aber schon deutlich machen, dass sie nicht mehr selbst schaukeln kann“, sagt ihre Mutter Tanja Viviani und lacht. Schon während ihrer Schulzeit an der Stadtteilschule Eppendorf hat Vivien mehrere Praktika in Kitas gemacht.

Derzeit werden 24 Jugendliche Kitahelfer

Die Schule hat sie nach der 10. Klasse beendet, allerdings ohne Schulabschluss, ohne Prüfung. Das war dort für Vivien nicht vorgesehen. An der Regelschule gehörte sie trotz Inklusion dann doch nie wirklich dazu. Das sei an der Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik ganz anders, erzählt ihre Mutter. „Vivien geht jetzt gern zur Schule, das macht ihr richtig Spaß. Sie wird in der kleinen Klasse mit zwölf Schülern und zwei Pädagogen einfach besser wahrgenommen.“

Derzeit sind es in Hamburg 24 Jugendliche in der Qualifizierungsmaßnahme zum Kitahelfer. Auf dem Stundenplan stehen neben Musik und Sport beispielsweise Orientierung im Berufsalltag, Säuglinge und Kleinkinder begleiten, ökologisches Handeln, Konflikte in der Kita, Bedürfnisse von Kindern berücksichtigen, Rollen-, Musik- und Bewegungsspiele für Kinder, Bilderbuchbetrachtung. Sie lernen eben all das, was sie später mit den Kindern machen können.

„Derzeit arbeiten wir mit 19 Kindertagesstätten zusammen. Der Zuspruch ist sehr gut. Es ist jedoch hilfreich, weitere Einrichtungen als Anbieter von Praktika zu gewinnen. Denn nach Abschluss der Qualifizierung übernehmen viele Träger ihre Kitahelfer in Anstellung und können zum Teil keine weiteren Plätze anbieten“, sagt Christine Gottlob vom Hamburger Institut für Berufliche Bildung der Schulbehörde.

Vivien ist einen großen Schritt weiter und sie ist eine Mutmacherin für andere Jugendliche in ihrer Situation und für deren Eltern.

Informationen zur Ausbildung als Kitahelfer/in bei der Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik FSP2 unter www.fsp2-hamburg.de/willkommen/ausbildungen/kita-helferin/