Arbeitsmarkt

„Wir organisieren den Job um unsere Mitarbeiter herum“

Jasmin Fong und Thanh Hong Vo sind Integrationsmitarbeiter bei der Bergedorfer Impuls Betriebsstätten GmbH. Sie arbeiten in der Schulkantine der Klosterschule in Hamburg.

Jasmin Fong und Thanh Hong Vo sind Integrationsmitarbeiter bei der Bergedorfer Impuls Betriebsstätten GmbH. Sie arbeiten in der Schulkantine der Klosterschule in Hamburg.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Die Bergedofer Impuls Betriebsstätten GmbH bietet Menschen mit Behinderung individuell angepasste Arbeitsplätze.

Allein die Möglichkeit, an ihrem Arbeitsplatz offen sagen zu können, dass es ihr psychisch nicht gut geht, dass sie früher nach Hause gehen möchte oder erst gar nicht kommt, gibt Marina Meier (Name geändert) ein Gefühl von großer Sicherheit. Seit ihrer Jugend kämpft die 45-Jährige mit schweren Depressionen, verbrachte nach dem Suizid ihrer Großmutter mehrere Monate in der Psychiatrie. Zuvor hatte Marina Meier gerade Abitur gemacht und eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau angefangen. Diese Ausbildung brach sie ab. „Verkauf ist nie mein Ding gewesen, ich hätte gern studiert, aber ich mag auch Büroarbeit und Buchhaltung“, sagt sie. Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung wurde früh deutlich, dass sie auf dem Arbeitsmarkt einen schweren Stand hat.

Die meisten Arbeitgeber tolerieren keine wochenlangen Ausfälle auf Dauer, schwermütige Anwandlungen oder plötzliches Unwohlsein. Bei der Bergedorfer Impuls Betriebsstätten GmbH (BIB) ist das anders, dort ist man auf Menschen mit psychischen Erkrankungen eingestellt. „Wir organisieren bei diesen Mitarbeitern den Arbeitsprozess um sie herum, schauen, wo sie sich wohlfühlen und optimale Arbeitsbedingungen haben“, sagt Geschäftsführer Michael Weden.

Die Firma fing einmal als Verein an

BIB ist ein Integrationsunternehmen, das 1989 als Verein Bergedorfer Impuls anfing und von Psychiatern, Psychologen und Therapeuten gegründet wurde. „Es gab damals keine Rehabilitationsangebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen, sie bekamen keine Arbeit, weil viele Firmenchefs Angst vor ihnen hatten. Also schuf der Verein mit einer Firma eigene Arbeitsplätze für sie und war Pionier in dem Bereich. Deutschlandweit gab es kaum ein Dutzend dieser Arbeitsstätten“, sagt Anton Senner, Vorstandsvorsitzender der Bergedorfer Impuls Stiftung, die 2016 aus dem Verein hervorgegangen ist.

Der Verein betrieb ein Café, eine Wäscherei und eine Kunststoff verarbeitende Werkstatt mit Inte­grationsarbeitsplätzen – heute gibt es nur noch die Bereiche Schulverpflegung/Catering und einen Buchhaltungsservice. Von den insgesamt 120 Angestellten sind rund 30 Prozent Integrationsmitarbeiter. „Wir sind zwar sozial engagiert, aber müssen auch wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Wir erhalten für die Integrationsmitarbeiter meistens nur einen Lohnkostenzuschuss“, erklärt Geschäftsführer Weden.

Voraussetzung dafür ist, dass diese Menschen zuvor lange arbeitslos waren, schwerbehindert und schwer vermittelbar sind. Die meisten kommen über das Jobcenter zu den Bergedorfer Impuls Betriebsstätten. „Viele Menschen mit psychischen Problemen leben sehr isoliert. Ihr Heilungserfolg hängt auch davon ab, ob sie wieder einen Job bekommen, das stabilisiert sie ungemein“, sagt Anton Senner, der früher therapeutischer Mitarbeiter in einer Psychiatrie war.

Sie fühlt sich wohl, ist Teil des Teams

Marina Meier hatte eine kleine Odyssee hinter sich, als sie vor zwölf Jahren bei BIB anfing. Zuletzt arbeitete sie bei der Ev. Stiftung Alsterdorf im Büro. „Aber dort fühlte ich mich nicht wohl, das war ein großer Betrieb, sehr unpersönlich. Ich war ziemlich instabil und hatte wenig Selbstbewusstsein“, sagt sie. Bei BIB kam sie in die Buchhaltung, inzwischen ist sie Hauptbuchhalterin für den internen Bereich und eine hervorragende Arbeitskraft, wie Michael Weden ihr bescheinigt.

Marina Meier fehlt seither selten, und wenn es ihr nicht so gut geht, spricht sie mit ihrem Chef ganz offen darüber. „Ich mag an dieser Arbeitsstelle, dass die Kollegen einerseits viel Verständnis für mich haben und ich mich dennoch als gleichwertiger Mitarbeiter angenommen fühle. Ich bin Teil des Teams“, sagt Meier lächelnd. Inzwischen fühle sie sich so gestärkt und selbstbewusst, dass sie auch Chancen auf eine normale Arbeitsstelle habe, glaubt sie. „Aber dann müsste ich hier womöglich weg, und das will ich auf keinen Fall“, betont Meier.

Es gibt auch Integrationsmitarbeiter in den Schulkantinen

Für Menschen mit weniger Qualifikationen bietet BIB Arbeitsplätze in den verschiedenen Schulküchen, welche die Firma in Hamburg betreibt und beliefert. „Wir setzten unsere Integrationsmitarbeiter als Fahrer, Küchenhilfen und in der Ausgabe von Schulessen ein“, sagt Küchenmeister Jens Kruse, der den Bereich leitet. In Küchen zu arbeiten ist eigentlich stressig, doch auch hier versucht der Chef, den Druck von den Integrationsmitarbeitern zu nehmen. „Das Wichtigste ist zunächst, Vertrauen zu schaffen und ihnen die Angst vor mir als Chef zu nehmen, einige meiner Mitarbeiter haben sicher schon viel Negatives vorher erlebt. Ist der Zugang zu ihnen erst mal da, bekomme ich so viel von ihnen zurück, das macht echt Spaß“, sagt Küchenmeister Kruse.

Seit zwei Jahren arbeitet Thanh Hong Vo als Kruses Mitarbeiter in der Küche der Klosterschule in der Nähe des Berliner Tors. Der gebürtige Vietnamese war zuvor schon in anderen Kantinen und Firmen beschäftigt. „Doch hier ist es am schönsten, wir helfen uns gegenseitig und mein Chef fragt immer, wie es mir geht. Besser geht es nicht“, sagt der 51-Jährige, während er große Backbleche abspült. Er ist überwiegend in der Spülküche beschäftigt. „Am Anfang war Herr Vu völlig überfordert, wenn drei volle Wagen mit dreckigem Geschirr ankamen, und wusste nicht, wo er anfangen soll. Er war richtig ängstlich“, erinnert sich Jens Kruse.

Eine fast taube Frau arbeitet in der Klosterschule-Küche

Er habe sich Zeit für ihn genommen und sei mit ihm Schritt für Schritt den Ablauf durchgegangen. „Ich sagte ihm, er solle einfach alles in Ruhe machen.“ Seither funktioniert es reibungslos. Herr Vu weist inzwischen sogar schon eine weitere Frau mit Behinderung ein. Jasmin Fong ist fast taub, liest die Wörter von den Lippen ab. „Es ist sehr schwer für mich, eine gute Arbeit zu finden. Hier mag ich alles, hier möchte ich bleiben“, sagt die 40-Jährige.