Hilfe für Senioren

Begleitung auf Augenhöhe

Barbara Woelke vom Seniorenbegleiterdienst hilft Lorenz Lunau bei Alltagsdingen und kauft ein

Barbara Woelke vom Seniorenbegleiterdienst hilft Lorenz Lunau bei Alltagsdingen und kauft ein

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Senioren-Assistenten schließen bei der Betreuung von alten Menschen die Lücke zwischen Pflegern und Haushaltshilfen

Seit dem Tod seiner Frau vor sechs Jahren hat sich Lorenz Lunau (92) nicht mehr um seine Korrespondenz gekümmert. Als Senioren-Assistentin Barbara Woelke (57) im Februar 2020 ihre Begleitung bei dem ehemaligen Gastronomen und Pferdezüchter aufnahm, türmten sich Rechnungen und Briefe von der Krankenkasse, der Bank, von Behörden und diversen Versicherungen auf dem großen Wohnzimmertisch. „Zum Glück hatte ich von den Mitarbeiterinnen des ambulanten Pflegedienstes, die mich morgens und abends medizinisch versorgen, den Tipp bekommen, dass es professionelle Seniorenbegleiter für solche Tätigkeiten gibt.

Mit Pflegegrad drei kann ich die Kosten dafür sogar über die Kasse abrechnen“, sagt Lorenz Lunau, der durch gesundheitliche Einschränkungen auf den Rollstuhl angewiesen ist und ohne eigenen PKW auf einem abgelegenen Hof in Schleswig-Holstein lebt. Beim Einkaufen, Kochen und der Wäsche wird er von seinem Sohn unterstützt. „Ansonsten hat er mit der Arbeit auf dem Hof genug zu tun. Und ich selbst habe einfach keine Lust mehr, mich um die lästigen Angelegenheiten des Alltags zu kümmern. Für mich ist es ein Segen, dass es Frau Woelke gibt.“

Die Begleiterin organisiert die Termine des 92-Jährigen

Die ausgebildete Schifffahrtskauffrau, die langjährige Erfahrung in leitenden Positionen im kaufmännischen Bereich hat, arbeitete nicht nur souverän die Papierstapel im Wohnzimmer ab und sorgte mit der Ablage des Schriftverkehrs in diversen Ordnern wieder für Ordnung in Lorenz Lunaus Leben. Mittlerweile organisiert Barbara Woelke, die 2019 mit der Ausbildung zur selbstständigen Senioren-Assistentin einen beruflichen Neustart wagte, auch seine Termine, begleitet ihn zu diversen Ärzten in die Sprechstunden und zum Friseur. Sie erfüllt Wünsche wie den gemeinsamen Einkauf auf dem Glinder Wochenmarkt und ist Gesprächspartnerin auf Augenhöhe. „Unter all den Briefen habe ich eine Mappe mit Herrn Lunaus Kriegserinnerungen gefunden. Ich habe es als großen Vertrauensvorschuss empfunden, dass er sich mit mir die traumatischen Erlebnisse seiner Jugend von der Seele geredet hat“, sagt sie.

Meist sind es lebenserfahrene Menschen wie Barbara Woelke, die sich für die Ausbildung zum Senioren-Assistenten nach dem „Plöner Modell“ entscheiden. Das Berufsbild hat Ute Büchmann (65), die damals noch als Frauenbeauftragte im Kreis Plön tätig war, nach eigenen Angaben 2006 aus einer privaten Notlage heraus selbst erfunden.

Senioren-Assistenten sind Meister der Kommunikation

„Ich habe damals vergeblich nach Unterstützung für meinen hochbetagten Vater gesucht, damit er trotz seiner Einschränkungen weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann“, erzählt sie. „Um Senioren zu ermöglichen, möglichst lange in der eigenen Häuslichkeit zu leben, brauchen sie neben der pflegerischen und hauswirtschaftlichen Unterstützung auch mentale Begleitung, um nicht zu vereinsamen. Unsere Senioren-Assistenten müssen nicht nur Meister der Kommunikation sein, sondern brauchen auch kompaktes Wissen, um die alten Menschen individuell und partnerschaftlich auf Augenhöhe begleiten und fördern zu können.“

Rund 1.600 Frauen und Männer im Alter zwischen 30 und 70 Jahren hat Ute Büchmann seither an bundesweit sechs Standorten zu Senioren-Assistenten ausgebildet. Ein Drittel von ihnen hat vorher in Gesundheitsberufen gearbeitet, rund zwanzig Prozent waren im kaufmännischen Bereich tätig. Aber auch ehemalige Architekten, Designer oder Techniker haben sich für ihre Ausbildung entschieden.

Man benötigt Lebenserfahrung und Empathie

„Interessenten sollten gut zuhören können, ein hohes Einfühlungsvermögen besitzen, positiv denken und an Herz und Verstand gebildet sein“, sagt Ute Büchmann. In 120 Unterrichtsstunden werden Kenntnisse in Psychologie, Freizeitgestaltung, Gesundheits- und Rechtsfragen vermittelt, damit die künftigen Seniorenbegleiter bei Gesundheitsvorsorge und Behördengängen beraten und unterstützen können. Außerdem sollen sie Organisationsaufgaben übernehmen und auch bei schwierigen Themen wie Trauer und Tod ein einfühlsames Gegenüber sein.

Neben der fachlichen Kompetenz vermittelt die „Büchmann Seminare KG“ auch das Handwerkszeug für einen Einstieg als selbstständiger Dienstleister und bietet neben regelmäßigen Netzwerktreffen die Vermittlung über ein eigenes Portal an. Die knapp 2.000 Euro teure Ausbildung ist durch Bildungsgutscheine förderbar.

Manche Pflegekassen übernehmen einen Teil der Kosten

Senioren oder ihre Angehörigen sollten sich vorab über die Qualifikation eines Seniorenbegleiters informieren, da der Titel nicht geschützt ist. Üblich ist ein kostenloses Kennenlern-Treffen. Der Stundenlohn eines ausgebildeten Senioren-Assistenten liegt bei rund dreißig Euro und kann ab Pflegegrad 2 im Rahmen der Verhinderungspflege in Kombination mit der Kurzzeitpflege bis zu einem Betrag von 2.418 Euro jährlich mit der Kasse abgerechnet werden.

In einigen Bundesländern – beispielsweise Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern - werden die Honorare für Senioren-Assistenten nach ihrer Zulassung durch die zuständigen Behörden bereits ab Pflegegrad 1 mit zusätzlich 1.500 Euro jährlich von der Pflegekasse übernommen. Als Corona-Maßnahme hat der Bund im Einvernehmen mit den Spitzenverbänden der Pflegekassen für ganz Deutschland eine Abrechnung für Entlastungsleistungen bis zum 31.12.2020 beschlossen.

Die Treffen finden nach Bedarf statt

Hanne Petersen (93, Name geändert) hat nach einer Erkrankung ihres Mannes Kurt (95) in diesem Frühjahr Seniorenbegleiter Thomas Bartel (67) engagiert, um weiter in ihrem Zuhause in den Elbvororten bleiben zu können. „Wir sind Herrn Bartel unendlich dankbar, dass er uns auf seine einfühlsame Weise unterstützt“, sagt Hanne Petersen. „Da mir die Kraft fehlt, um den Rollstuhl meines Mannes zu schieben, könnten wir ohne ihn keine Spaziergänge mehr machen oder Friseurbesuche erledigen. Außerdem können wir uns mit ihm angeregt über Reisen, Kunst und Kultur unterhalten. Er ist ein großer Gewinn für unser Leben.“

Die Treffen mit dem ehemaligen Pressesprecher einer Bank finden bei Bedarf statt. Thomas Bartel, der 2013 zum Senioren-Assistenten ausgebildet wurde, ist maximal zwanzig Stunden die Woche im Einsatz. „Ich wollte meinen Ruhestand nicht damit verbringen, im Sessel zu sitzen“, sagt der Hamburger. „Bei dieser Tätigkeit empfinde ich so viel Glück, Befriedigung und Sinn, wie ich es aus meinem früheren Berufsleben nicht kenne. Außerdem habe ich gelernt, viel bewusster mit dem eigenen Älterwerden umzugehen.“ Mehrfach hat Thomas Bartel auch zusätzliche individuelle Betreuung von Bewohnern in Pflegeeinrichtungen übernommen, um ihre Angehörigen zu entlasten. So bereitete er einer Dame kleine Wunschmahlzeiten zu. „Viele Senioren würden ihre Wünsche einem Ehrenamtler gegenüber sicher nicht so klar äußern“, ist er überzeugt. „Es fällt leichter Hilfe anzunehmen, wenn man dafür etwas zurückgeben kann.“

Ausbildung und Seniorenservice

Informationen zur Ausbildung zum Senioren-Assistenten gibt auf https://www.senioren-assistentin.de/ (nach Plöner Modell u.a. mit Ausbildungsstandort Hamburg) oder auf https://www.help-akademie.de/ (mit Ausbildungsstandorten in München und Düsseldorf).

Auf der Seite der Bundesvereinigung der Senioren-Assistenten Deutschland e.V. (https://www.bdsad.de/) sind Dienstleister aus dem gesamten Bundesgebiet gelistet. Auch örtliche Pflegestützpunkte können bei der Suche nach einem qualifizierten Seniorenbegleiter behilflich sein.

Einen kostenlosen Seniorenservice Plus gibt es im Bezirk Altona. Das Angebot richtet sich dort an finanziell bedürftige Senioren ohne Pflegegrad. Sie werden von Mitarbeitern des Projektes z. B. zu Freizeitaktivitäten oder beim Einkaufen begleitet.
Infos: Tel. 67 99 51 70, Mo-Fr von 9-17 Uhr