Hamburg

Trotz Rollstuhl: Antonio Hömpler fährt Longboard und Ski

Lesedauer: 6 Minuten
Antonio Hömpler fährt im Volkspark auf einem Sitzlongboard

Antonio Hömpler fährt im Volkspark auf einem Sitzlongboard

Foto: heidi.w.fotografie / Heidemarie Wehrmann

Der 35-Jährige ist Extremsportler. In diesen Sportarten ist der querschnittsgelähmte Hamburger Pionier.

Hamburg. Mit langen eleganten Schwüngen fährt Antonio Hömpler die August-Kirch-Straße im Altonaer Volkspark hinunter. Die verkehrsberuhigte Straße ist abschüssig, Fahrradfahrer lassen hier ausrollen, Inlineskater beugen sich nach vorne. Hömp­ler überholt sie alle spielend – im Sitzen!

Er hat ein elektrisches Longboard, das er zu einem Sitzgerät umgebaut hat. Die Sitzschale ist aus Plastik, zwischen langen Metallbrettern hat er seine Beine festgeschnallt, die Unterkonstruktion aus Holz hat er extra anfertigen lassen. Er trägt Handschuhe, an denen Plastikscheiben befestigt sind und mit denen er bei einer Gewichtsverlagerung für eine Kurve oder eine Bremsung mit der Straße Kontakt hat und dabei Funken hinterlässt.

Bis zu 60 Kilometer schnell ist der Hamburger mit seinem Long­board schon gefahren, letztens beim größten Longboardcamp der Welt in Slowenien, bei dem es darum ging, 18 Haarnadelkurven einer fünf Kilometer langen steilen Bergstrecke zu meistern.

„Da bin ich dann deutlich aus meiner Komfortzone rausgekommen, und es ist schon etwas risikoreich, aber ich habe alles unter Kontrolle, kann jederzeit durch einen Slide anhalten. Vor allem macht es einfach mega Spaß“, sagt Hömpler. Der 35-Jährige ist Extremsportler – und ab der Hüfte querschnittsgelähmt.

Das Motto: Je rasanter, umso besser

Ihn reizen keine Paralympics-Wettbewerbe, keine Basketball- oder Tischtennis-Ligaspiele im Rollstuhl, er liebt nur Sport, der auf Brettern stattfindet. Und je rasanter der ist, desto besser. Neben dem Longboard fährt Antonio Hömpler im Winter sitzend auf einem Monoski die Berge hinunter und im Sommer Wakeboard auf dem See der Pinneberger Wasserskianlage. Er hat schon auf Nordseewellen mit einem Kite gesurft und lernt gerade Wellenreiten.

„Wenn ich so eine Welle gut mitnehme, über eine Rampe springe oder den Berg runterfahre, vergesse ich, dass ich nicht laufen kann“, sagt Hömpler mit einem strahlenden Lächeln. Vor allem liefert er den Beweis, dass für Querschnittsgelähmte mit viel Fantasie, Training und Willenskraft auch Sportarten möglich sind, die bisher nur Fußgänger ausüben. „Ich bin ein Pionier in einigen dieser Sportarten“, sagt Antonio selbstbewusst.

Viel jobben, um viel Sport machen zu können

Sein Traum von einem guten, ausgefüllten Leben ist, so viele Monate wie möglich im Jahr intensiven Sport zu machen und den Rest des Jahres dafür zu jobben. Diesen Traum hatte er schon als Jugendlicher, als er noch gehen konnte und jeden Tag mit dem Skateboard aufwendige Sprünge übte.

Nach dem Abitur an der Ida-Ehre-Schule machte der Sohn eines Chilenen und einer Deutschen Zivildienst im Bereich Behindertenhilfe, betreute einen Mann mit Glasknochenkrankheit. „Das hat mir vielleicht geholfen, später mit meiner Behinderung besser umzugehen. Ich wusste zumindest, was auf mich zukommt“, sagt er. Dann ging Hömpler für ein Jahr nach Australien, pflanzte dort im Akkord Bäume und bereiste den Kontinent, bis er im Dezember 2009 nach Europa zurückkam.

Beim Snowboardfahren brach er sich den Lendenwirbel

Er beschloss, Snowboardlehrer in Österreich zu werden, obwohl er diesen Sport bisher kaum ausgeübt hatte. „Aber ich war einfach gut, ich bin jeden Berg runtergekommen.“ Und er liebte es auch schon bald, mit dem Snowboard über Rampen zu springen. Vier Monate ging das gut, bis er im April 2010 zu weit sprang, auf einem vereisten Hang aufkam und sich drei Rippen und einen Lendenwirbel brach.

„Ich bin erst wieder im Krankenhaus zu mir gekommen und wusste sofort, dass ich querschnittsgelähmt bin“, erinnert er sich und auch daran, dass es sich anfühlte „als ich ob gestorben sei“. Denn das Leben, das er vorher gelebt hatte, gab es plötzlich nicht mehr. Das dachte er zumindest direkt nach dem Unfall und in der Reha-Phase.

„Ich musste ja alles neu lernen, vor allem, wie ein Rollstuhl die Beine ersetzen kann. Ich war gerade 23 Jahre alt, super deprimiert und hatte keine Ahnung, wie mein Leben weitergehen sollte.“ Etliche seiner Freunde wandten sich ab. „Viele kamen einfach mit meiner Situation nicht klar. Sie waren unsicher, vielleicht war es ihnen auch zu anstrengend mit mir“, sagt er und es wird deutlich, wie sehr ihn das verletzt hat. Denn auch Frauen reagieren auf den sehr gut aussehenden, sportlichen jungen Mann plötzlich anders.

Er ist sehr selbstständig, geht auf Konzerte und fährt viel Ski

„Die Behinderung ist immer im Weg, viele wollen einfach keinen Rollstuhlfahrer daten.“ Es dauert ein Jahr, bis er sich an die neue Situation gewöhnt hat und „mein Leben wieder einen Sinn bekam“. Er ist sehr selbstständig, wohnt alleine und nutzt zur Fortbewegung vor allen sein Handbike, das er vor den Rollstuhl spannt. Und ein paar Vorteile habe sein Behindertenstatus auch, hat er erkannt. „Ich hatte mich vorher vergeblich um einen Psychologiestudienplatz beworben, als Härtefall bekam ich ihn.“ Er kommt mit Begleitperson umsonst in Konzerte und erhält in Winterskigebieten gratis Liftkarten. Und neue Freunde hat er auch gefunden.

2014 fährt Hömpler das erste Mal nach dem Unfall wieder Ski – sitzend, und findet, „dass man so supergeil carven kann. Ich kann schneller beschleunigen als normale Skifahrer“. Auch die Idee mit einem Sitzlongboard kommt ihm im gleichen Jahr und seit er das Wakeboarden für sich entdeckt hat, heißt seine Mission „das Leben auf Brettern zu verbringen“.

Hömpler ist ein echter Freizeitmensch

Was ist mit Arbeit, Familie, Zukunft? „In zehn Jahren vielleicht, ich bin eben eher ein Freizeitmensch“, sagt Hömpler achselzuckend. Doch ihm sei auch klar, dass er sich irgendwann dem Ernst des Lebens, sprich einem Beruf, stellen müsse. Derzeit studiert er in Teilzeit Psychologie, erhält dazu Hartz IV und jobbt als Nachhilfelehrer. Jeder Cent fließt in seine Hobbys. Doch er würde auch gern noch mehr Querschnittsgelähmten seine verschiedenen Sportarten beibringen, ihnen zeigen, „welches unglaubliche Gefühl von Freiheit man bekommt, wenn man mit hoher Geschwindigkeit auf dem Long­board einen Berg hinunterfährt“.

Antonio Hömpler findet man auf Instagram unter: frisko.h