Soziale Kleiderkammer

Menschen zu helfen – das ist die DNA dieses Vereins

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Hamoudi Al Rahal, Claudia Meister, Benjamin Höper-Riesen und Dineke Baarlink-Carstensen (v. l.) arbeiten in der Hanseatic Help Kleiderkammer in Altona

Hamoudi Al Rahal, Claudia Meister, Benjamin Höper-Riesen und Dineke Baarlink-Carstensen (v. l.) arbeiten in der Hanseatic Help Kleiderkammer in Altona

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

2015 wurde Hanseatic Help gegründet. Was als Kleiderkammer in den Messehallen anfing, ist heute ein soziales Logistikunternehmen.

Eigentlich hatte Dineke Baarlink-Carstensen im August vor fünf Jahren nur einen Sack mit Kleidung abgeben wollen, doch als sie dann in der Halle B7 in den Messehallen ankam, wusste sie sofort, dass sie hier mit anpacken wollte. „Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es war wie ein Ameisenhaufen mit hunderten Menschen, die einfach helfen wollten und Kleidung sortiert haben. Ich erinnere noch, da stand eine junge Punkerin neben einem elegant gekleideten Mann bei der Damenbekleidung. Das finde ich bis heute toll, dass bei Hanseatic Help so viele unterschiedliche Menschen engagiert sind“, sagt die 66-Jährige. Am nächsten Tag war Baarlink-Carstensen wieder da und half mit, die Klamottenberge abzubauen.

Diese waren zusammengekommen, nachdem sowohl das Hamburger Abendblatt als auch eine Initiative aus engagierten Bürgerinnen und Bürgern aus dem Karolinen-Viertel zu Kleider- und Sachspenden für die Geflüchteten aufgerufen hatten. „Zunächst ging es uns nur um die rund 1200 Flüchtlinge, die in der Nachbarhalle untergekommen waren und nichts hatten, außer der Kleidung, die sie trugen. Doch bald schon waren so viele Spenden zusammengekommen, dass wir auch andere soziale Einrichtungen beliefern konnten“, erzählt Benjamin Höper-Riesen, ein Helfer der ersten Stunde und Vorstandsmitglied bei Hanseatic Help e.V. Der 38-Jährige arbeitet Vollzeit bei der Barclaybank, doch als „ich das Gewusel von Helfenden in der Messehalle gesehen habe, war ich der ganzen Sache sofort verfallen“. Ebenso wie Baarlink-Carstensen verbrachte Höper-Riesen ab da einen Großteil seiner Freizeit in Halle B7.

Innerhalb weniger Wochen gab es ein Warenwirtschaftsprogramm

„Es tat einfach gut, mit den Händen anzupacken und es ist ein toller Gegensatz zu meiner sonstigen Arbeit“, sagt Höper-Riesen. Die erste Zeit war alles basisdemokratisch organisiert. „Später wurden die Verantwortlichen Hüte genannt“, erinnert sich Webdesignerin Baarlink-Carstensen, die in kürzester Zeit ein „Logistikfuchs“ wurde. Und es dauerte auch nur wenige Wochen, da hatten ehrenamtliche IT-Spezialisten ein Warenwirtschaftsprogramm entwickelt, das bis heute Grundlage für ein ausgeklügeltes Annahme- und Liefersystem der sozialen Kleiderkammer ist. Auch die Vereinsgründung verlief zügig: seit dem 15. Oktober 2015 heißt die Initiative Hanseatic Help e.V.

Nun, fünf Jahre später, ist die Flüchtlingswelle längst abgeebbt und aus der Bürgerinitiative ein professionell geführtes soziales Logistikunternehmen mit acht Festangestellten und rund 120 Ehrenamtlichen geworden, das seit 2016 in der Großen Elbstraße 264 seinen Sitz hat. Von dort werden gespendete Kleidung und Hygieneartikel in großen und kleinen Chargen an gemeinnützige Unternehmen in ganz Hamburg verteilt.

Mehr als sieben Millionen Artikel sind seit Vereinsgründung registriert worden. Und in der 2300 Quadratmeter großen Halle gibt es nun einen Infocounter und eine Annahmestelle, wo die gespendeten Waren vorsortiert werden, Abteilungen für Schuhe und Hygieneartikel, sowie Bereiche für Männer-, Damen-, Kinder-, Sport- und Arbeitskleidung mit sorgsam beschrifteten Regalen, in denen sogar die Schals nach „dick und dünn“ unterschieden werden. Dennoch hat sich der Verein diesen besonderen Geist des Miteinanders erhalten können und das soziale Engagement noch auf andere Ebenen ausgeweitet.

Die Kleiderkammer ist ein Ort der Begegnung

Spenden annehmen, sortieren und verteilen ist das Hauptgeschäft „Aber wir sind vor allem ein Ort der Begegnung“, sagt Geschäftsführerin Claudia Meister. Unter dem Motto „EinfachSchnacken“ gibt es eine Laufgruppe, Spieleabende, Back- und Kochevents sowie Müllsammelaktionen. Und nebenher lehren Ehrenamtliche Deutsch, helfen Geflüchteten bei Formularen und geben ihnen weiterhin ein „Willkommen-Gefühl“. Denn von Anfang an waren auch Geflüchtete unter den freiwilligen Helfern, die dadurch schneller Anschluss in ihrer neuen Heimat fanden und etwas von der erfahrenen Hilfe zurückgeben konnten.

Für den Syrer Hamoudi Al Rahal, der 2015 als 21-Jähriger alleine nach Hamburg kam, ist Hanseatic Help zur „zweiten Familie“ geworden. Er gehörte 2016 zur ersten Generation von Bundesfreiwilligen, die Hanseatic Help seither beschäftigt. „Ich habe hier alles gemacht, vom Sortieren über das Packen und Bestellungen abarbeiten. Gleichzeitig habe ich so viel Unterstützung bekommen.

Bei dem Sohn einer Ehrenamtlichen durfte ich wohnen, eine andere Freundin half mir beim Schreiben meiner Bewerbung und beim Finden eines Arbeitsplatzes“, sagt Al Rahal, der nun eine Ausbildung zum Hotelfachmann macht.

Inzwischen ist der Verein auch Kooperationspartner für berufliche Reintegrationsprogramme. Menschen mit Behinderung finden hier genauso Arbeit wie Langzeitarbeitslose. „Wir sind ein integrativer, bunter Haufen von Menschen allen Alters“, fasst Meister die Vielfalt des Vereins zusammen.

Über Facebook werden die Helfer mobilisiert

Wird eine neue Aktion gestartet, werden die meisten Freiwilligen vor allem über Facebook und Instagram mobilisiert. So werden inzwischen auch nach Festivals Schlafsäcke und Isomatten eingesammelt, gereinigt und an Obdachlose verteilt. Durch eine Kooperation mit dem Hamburger Sportbund können alle Mitgliedsvereine kostenfrei Sportartikel von Hanseatic Help erhalten – „da aktivieren wir dann auch mal Mitglieder in Fitnessclubs“, sagt Meister. Auch bedürftige Kinder werden seit drei Jahren zum Schulbeginn bedacht, wenn die Drogeriekette Budnikowksy gemeinsam mit dem Verein gebrauchte Schulranzen sammelt, die mit Schulmaterial befüllt werden.

Neustes Projekt: Hamburg packt’s zusammen

Und gerade aktuell in der Corona-Krise haben sich 15 engagierte Unternehmen aus der Metropolregion zusammengeschlossen, um unter dem Motto „Hamburg packt’s zusammen“ prall gefüllte Solidaritäts-Taschen gegen die Not zu verteilen. Der Verein übernimmt hierbei die Logistik und sorgt dafür, dass die Taschen mit Hygiene-Artikeln, Kleidung und Nahrungsmitteln bedarfsgerecht gepackt an soziale Einrichtungen und Organisationen zur Weiterverteilung übergeben werden.

„Unser Problem ist, wir können nicht Nein sagen. Helfen ist in der DNA des Vereins“, sagt die Geschäftsführerin. Manchmal geht die Hilfsbereitschaft dann auch über die Hamburger Grenzen hinaus: Gerade rief der Verein für die Geflüchteten des ausgebrannten Lagers Moria zu Schlafsack- und Isomatten-Spenden auf. Mit der Folge, dass bereits 44 Paletten voller Hilfsgüter nach Griechenland gegangen sind. „Die Spendenbereitschaft der Hamburger ist ungebrochen groß. Und das hier jeden Tag zu erleben, ist wunderbar“, so Meister.

Infos zum Verein unter: www.hanseatic-help.org Es werden derzeit vor allem Männerkleidung, warme Jacken für Kinder und Männer, sowie warme Schuhe benötigt.