Woche der Demenz:

„Ich bin tüdelig geworden“

Christel Grazulis hat das Down-Syndrom und ist dement - sie wird im Hilda Heinemann Haus Merle Weißenberg betreut / FUNKE Foto Services

Christel Grazulis hat das Down-Syndrom und ist dement - sie wird im Hilda Heinemann Haus Merle Weißenberg betreut / FUNKE Foto Services

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Menschen mit geistiger Einschränkung leben heute länger, viele werden früh dement. Für die Behindertenhilfe ist das eine Herausforderung

Christel Grazulis weiß nicht weiter. Die 59-Jährige steht vor ihrer verschlossenen Zimmertür. Der Schlüssel steckt, doch er will sich einfach nicht bewegen. „Das geht nicht!“, ruft sie verzweifelt. Pflegefachkraft Merle Weißenberg eilt ihr zu Hilfe. „Du musst ihn linksherum drehen“, sagt sie. Situationen wie diese sind fast schon normal in Christel Grazulis’ Alltag. Die Frau mit Trisomie 21 weiß, woran das liegt. „Ich bin tüdelig geworden“, sagt sie, fasst sich mit der Hand an den Kopf und lächelt verlegen.

2017 wurde bei der Bewohnerin des Hilda Heinemann Hauses in Farmsen-Berne, einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung des Hamburger Trägers Sozialkontor, Demenz diagnostiziert. Das ist bei Menschen mit Trisomie 21 keine Seltenheit. Einer Veröffentlichung britischer Forscher im Fachmagazin „JAMA Neurology“ zufolge ist davon auszugehen, dass 88 Prozent von ihnen im Alter von 65 Jahren eine Demenz haben.

Wer sehr fit ist, bei dem fängt die Demenz später an

Gestellt wird die Diagnose laut Magazin im Alter von durchschnittlich 55 Jahren. „Bei vielen treten die Veränderungen aber schon mit 40 Jahren auf“, sagt Jens Möbius, pädagogische Fachkraft im Hilda Heinemann Haus. Er hat beobachtet, dass der Beginn einer Demenz stark davon abhängt, wie die geistigen Fähigkeiten der Person vorher sind. „Wer sehr fit ist und ein stabiles soziales Netzwerk hat, bei dem fängt es später an“, sagt Möbius, der von Christel Grazulis liebevoll „Papa Jens“ genannt wird.

Demenz ist indes nur eine von vielen Alterserscheinungen, die Menschen mit geistiger Behinderung immer häufiger zu schaffen machen. Weitere sind körperliche Einschränkungen wie Gehbehinderungen oder Schwerhörigkeit. Dafür gibt es mehrere Gründe. „In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Menschen mit Behinderungen systematisch ermordet, doch heutzutage können sie alt werden“, sagt die stellvertretende Leitung des Hilda Heinemann Hauses, Stephanie Wiebeck.

Älter durch bessere medizinische Versorgung

Hinzu komme die gestiegene Lebenserwartung – bedingt etwa durch die verbesserte medizinische Versorgung, Förderung und Unterstützung. Dadurch hat sich auch die Altersstruktur in vielen Wohnangeboten der Behindertenhilfe verändert. „Als wir 1975 eröffneten, lebten hier nur junge Menschen – heute sind mehr als ein Drittel Seniorinnen und Senioren“, so Wiebeck.

Um den Bedürfnissen der älteren Menschen gerecht zu werden, sind innerhalb der Einrichtung zwei Senioren-Wohngemeinschaften entstanden. In der WG im Erdgeschoss bieten ein geräumiger Wohn-Essbereich, breite Türen sowie unterfahrbare und höhenverstellbare Arbeitsflächen Personen im Rollstuhl Bewegungsfreiheit. „Früher war das hier mal ein großer Speisesaal für das ganze Haus“, erzählt Bewohner Klaus Zwicker. Der 69-Jährige sitzt im Rollstuhl und tritt von dort aus in die Pedale eines speziellen Fahrrad-Ergometers, das in der Wohnküche aufgebaut ist.

Die Eltern sind meistens schon gestorben

Wenn sie in Rente sind, fällt es Menschen mit geistiger Behinderung häufig schwer, ihren Alltag zu strukturieren. Zudem nimmt in dieser Lebensphase oft der Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen wie den Eltern ab, da diese selbst ein hohes Alter erreicht haben oder bereits gestorben sind. Für Abwechslung und Beschäftigung im Leben der Rentnerinnen und Rentner hat das Sozialkontor im Hilda Heinemann Haus ein tagesstrukturierendes Angebot geschaffen: das Café Olé. Gefördert über die sogenannte Teilhabepauschale im Rahmen der Sozialhilfe kommen hier montags bis freitags ältere Menschen mit Behinderung zusammen.

Begleitet von zwei Mitarbeitenden essen sie gemeinsam Frühstück und Mittag, fertigen Handarbeiten, basteln und kochen. Das Café Olé steht allen Hamburgerinnen und Hamburgern offen, die Anspruch auf die Teilhabepauschale haben. Aktuell pausiert es aufgrund der Corona-Pandemie. „Wir arbeiten aber grade mit dem Gesundheitsamt an einem Hygienekonzept und hoffen, dass wir bald wieder öffnen können“, sagt die Verantwortliche Stephanie Wiebeck.

Sportliche bleiben durch Sitzgymnastik

Eine weitere Beschäftigungsmöglichkeit ist die inklusive Sitzgymnastik-Gruppe, bei der Seniorinnen und Senioren mit und ohne Behinderung aus der Nachbarschaft sich fit halten können. Die Übungen werden von Trainern des Turn- und Sportvereins Berne geleitet und sollen nach einer coronabedingten Unterbrechung in Kürze wieder starten. Die Sportgruppe ist Teil des Gemeinschaftsprojekts „Mach mit – bleib fit“ vom Hamburger Abendblatt und dem Hamburger Sportbund, bei dem Stadtteile-Sportvereine in Wohnungsunternehmen und Senioreneinrichtungen Bewegungsangebote für Senioren anbieten.

Neben Räumen und Angeboten hat das Hilda Heinemann Haus in den vergangenen Jahren auch die Zusammensetzung des Personals angepasst. „Heute beschäftigen wir mehr Pflegekräfte als früher, die in gemischten Teams die pädagogischen und hauswirtschaftlichen Mitarbeitenden unterstützen“, sagt Wiebeck.

Neue positive Seiten der dementen Bewohnerin

Die examinierte Altenpflegerin Merle Weißenberg hat 2014 angefangen, in dem Haus zu arbeiten. Den Austausch mit den Kollegen anderer Professionen schätzt die 29-Jährige sehr. Ihre Qualifikation kommt vor allem in der Betreuung von Menschen mit altersbedingten Beeinträchtigungen wie Demenz zum Einsatz. „Da haben wir Pflegekräfte natürlich einen ganz speziellen Blick“, sagt sie. Zu der Bewohnerin Christel Grazulis hat sie ein sehr enges Verhältnis – die beiden gehen regelmäßig zusammen spazieren, spielen etwas und unterhalten sich. Die Demenz macht sich meist nur durch Kleinigkeiten bemerkbar. „Sie verlegt etwas, bringt Abläufe durcheinander oder fragt mich mehrmals dasselbe“, sagt die Pflegerin.

Als sie neulich „Mensch ärgere dich nicht“ spielten, vergaß Christel Grazulis zum Beispiel immer wieder, welche Farbe ihre Steine hatten. „Das wäre ihr früher nicht passiert.“ Gleichzeitig fallen Weißenberg seit der Diagnose auch neue Seiten an der Bewohnerin auf: „Sie ist offener geworden und macht Dinge mit, auf die sie früher keine Lust hatte – zum Beispiel in die Disco für Menschen mit Behinderung gehen.“ Heute hat Christel Grazulis aber etwas anderes im Sinn. Sie schlägt vor: „Lass uns doch mal wieder kegeln!“

Vom 21. bis 27. September findet in Hamburg wieder die Aktionswoche Demenz statt. Sie steht unter dem bundesweiten Motto „Demenz – wir müssen reden!“ Das z. T. digitale Programm dazu gibt es unter: www.hag-gesundheit.de