Menschen mit Behinderung

Wie DJ Victor Faria seinen Musik-Traum lebt

Thorsten Last in seiner Boomworx DJ Academy  und seinem ehemaligen Schüler Victor Faria,  FUNKE Foto Services

Thorsten Last in seiner Boomworx DJ Academy und seinem ehemaligen Schüler Victor Faria, FUNKE Foto Services

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Wegen einer Spastik kann der 24-Jährige nur den rechten Arm bewegen. Inzwischen hat der talentierte DJ etliche große Events bespielt.

Aus den Boxen wummert der Beat, leicht mit dem Kopf wippend schaut Victor Faria auf den PC, seine rechte Hand drückt Knöpfe am Mischpult, der Übergang von einem Lied zum anderen ist fließend. Sein DJ-Lehrer Thorsten Last steht neben ihm, nickt anerkennend. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass Faria immer nur eine Hand benutzt, die linke liegt neben dem DJ-Pult, manchmal schnellt sie hoch, bis der 24-Jährige sie wieder herunterdrückt.

Sie ist etwas verkrümmt und gelähmt durch eine Spastik, die auch seine Beine betrifft, ein Rollator hilft dem Eidelstedter beim Gehen. Eine Komplikation bei seiner Geburt hat die Schädigung des zen­tralen Nervensystems, die auch seine Aussprache erschwert, verursacht.

Faria geht offen mit seiner Behinderung um, er ist ein fröhlicher, selbstbewusster junger Mann, der in wenigen Wochen eine Ausbildung zum technischen Produktdesigner in Husum beginnt. „Ich habe eine Weile gebraucht, um mich wirklich dafür zu entscheiden, denn eigentlich möchte ich am liebsten nur Musik produzieren und als DJ auftreten“, sagt Faria.

Der DJ-Lehrer hat Schüler mit unterschiedlichen Handicaps

Bestärkt wird er darin durch seinen DJ-Lehrer, in dessen Schule Faria vor sechs Jahren kam. Als er sich bei Thorsten Last für den Unterricht telefonisch anmeldete, sprach er nur davon, dass er eine leichte Einschränkung habe. „Da war ich noch nicht so offen und hatte Angst, dass Thorsten mich nicht annehmen würde, das geht manchen so, die schrecken zurück, wenn sie mich sehen“, sagt Faria. Die Sorge war unbegründet, denn der Musiker und Producer hat nicht nur Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Schülern, davon etliche mit Behinderungen, er liebt auch die Herausforderung.

„Als Victor mir mit seinem Rollator entgegenkam und ich die Spastik in seinen Armen sah, dachte ich mir, okay, da musst du jetzt spontan sein, einmal umdenken und den Unterricht anders aufbauen als sonst“, sagt der 41-Jährige. Er besorgte für Victor Faria einen Barhocker, weil dieser nicht lange stehen kann. Und statt ihm zuerst den Umgang mit dem Plattenspieler und das Scratching beizubringen, also das analoge DJing, hat er bei Faria gleich mit dem digitalen DJing mit PC und Controller angefangen.

Zwei Songs müssen eine neue Klangwelt ergeben

Faria hat schnell begriffen, worauf es ankommt, dass es wichtig ist „zwei Songs perfekt zu kombinieren und aus der vorhandenen Musik neue Klangwelten zu schaffen“, wie Last die Kunst des DJings beschreibt. Seit seiner Kindheit träumt Faria davon, DJ zu sein. Sein großes Vorbild ist David Guetta. „Ich wollte immer wie er werden, vor großem Publikum auftreten.“

Seit Beginn des Unterrichts übte er täglich bis zu fünf Stunden am Mischpult. Nach einem Jahr war er schon so weit, dass sein Lehrer ihn für einen Auftritt vorschlug. „Für mich ist Victor ein Paradebeispiel an Motivation. Talent ist die eine Sache, Victor ist natürlich sehr musikalisch, aber in diesem Job muss man vor allem fleißig sein, viel üben und Biss haben. Das bringt er alles mit“, sagt Last, der jahrelang als DJ Paralize und Band-DJ europaweit und auch in Australien gearbeitet hat.

Der erste Auftritt ist auf dem Rathausmarkt

Dann wurde er sesshaft, gründete eine Familie und stieg vor zwölf Jahren bei einem Freund in dessen DJ-Schule ein, bis er 2016 die Boomworx DJ Academy in Eidelstedt gründete. Dort produziert er auch Musikstücke, hat in der Szene bekannte Größen wie Jaden Bojsen und Agatino Romero unterrichtet. Er freut sich, wenn er begabten Schülern Auftritte vermitteln kann.

Victor Faria, der sich DJ Sean Victor nennt, hatte seinen ersten große Auftritt am 19. April 2015 bei der „Langen Nacht der Museen“ auf dem Rathausmarkt, dann entdeckte ihn Nina Sauer, Gründerin des Elbjazz Festivals und Eventveranstalterin, und engagierte ihn für den „Tag ohne Grenzen“ zwei Monate später, der auch auf dem Rathausmarkt stattfand. Anlass dafür war Hamburgs Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024. „Das war schon ziemlich aufregend, aber ich habe meine Musik gespielt und die Leute sind abgegangen, nur das zählt“, erinnert Faria sich.

Victor Faria heizt das Publikum der HSV-Rollstuhlbasketballer ein

Er hat zwischendurch auch Engagements bei Geburtstagsfeiern seiner Freunde und auf Festen seiner großen portugiesischen Familie, die jeden seiner Auftritte begeistert feiert. Insgesamt zwei Jahre war er bei den Bundesligaspielen der HSV-Rollstuhlbasketballer der DJ in der Halle, heizte dem Publikum in den Pausen ein, feuerte damit die Spieler an. „Diese Engagements sind toll, aber ich möchte nicht nur bei Events auftreten, die im Zusammenhang von Menschen mit Behinderung stehen, auch wenn das sicher ein Türöffner ist“, sagt Victor Faria.

Deswegen hat er auch schon früh angefangen, eigene Stücke im Bereich der Electronic Dance Music zu produzieren, zwei seiner Cousinen können sehr gut singen. Bei Thorsten Last haben sie schon viele Lieder aufgenommen und abgemischt – derzeit arbeitet der junge Musiker an seinem ersten Album. „Vier eigene Stücke und zwei Remixe habe ich schon zusammen“, sagt er stolz. Er erwartet nicht unbedingt, berühmt zu werden, „aber von meiner Musik leben möchte ich irgendwann schon gerne“, sagt Faria. Sein Lehrer ist da guter Dinge: „Es geht beim DJing und Produzieren ja vor allem darum, was aus den Boxen rauskommt.“

Bei einem Festival tanzte er mit dem Rollator vor der Bühne

Faria will auch zeigen, dass alles möglich ist – auch mit einer schweren Behinderung. Als ihm vergangenes Jahr beim Lollapalooza Festival auf dem Olympiagelände in Berlin ein Rollstuhlplatz ganz hinten angeboten wurde, schleppten er und sein Kumpel den Rollator direkt vor die Bühne. „Wie die Menschen auf mich reagiert haben, war der Hammer.

Die fanden das richtig cool und wir haben alle wie wild getanzt“, erzählt er und lacht. Thorsten Last ist sichtlich stolz auf seinen ehrgeizigen Schüler: „Viele reden nur über ihren Traum, ein guter DJ und Producer zu werden. Victor lebt ihn, das finde ich absolut bewundernswert.“

Victor ist über facebook unter DJ Sean Victor oder per E-Mail unter: victor-1122@hotmail.com zu erreichen. Information über die Boomworx DJ Academy unter www.boomworx.de