Bereitschaftspflege

Mutter auf Zeit – eine Tätigkeit auch für fitte Seniorinnen

Bereitschaftspflegerin Maren Schreiber betreut derzeit ein zwei Jahre altes Mädchen, / FUNKE Foto Services

Bereitschaftspflegerin Maren Schreiber betreut derzeit ein zwei Jahre altes Mädchen, / FUNKE Foto Services

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Bereitschaftspflegeeltern nehmen Kinder in Not für einige Monate auf. Die 65 Jahre alte Maren Schreiber macht das seit 16 Jahren

Hamburg. Sie war drei Monate alt, als ihre junge Mutter sie in einem Mutter-Kind-Wohnheim einfach zurückließ. Lara (Name geändert) kam in ein Jugendschutzhaus in Hamburg und Maren Schreiber erhielt kurz darauf einen Anruf, ob sie bereit wäre, das Baby in Bereitschaftspflege zu nehmen. Das war vor zwei Jahren und Lara wohnt noch immer bei der 65-Jährigen in Lurup. Eigentlich bedeutet Bereitschaftspflege, dass Kinder nur ein paar Monate bei einer Familie überbrücken, bis eine dauerhafte Lösung für sie gefunden wird – also zurück zu den Herkunftseltern oder in eine Dauerpflegefamilie.

„Bei Lara hat sich der Vater lange um sie bemüht, doch gerade kam die Entscheidung, dass die Kleine zu Pflegeeltern kommt“, sagt Maren Schreiber. Sie seufzt ein wenig, denn das bedeutet für sie, bald Abschied zu nehmen von der lebhaften Zweijährigen. Das hübsche blonde Mädchen ist weit für sein Alter, hat einen großen Wortschatz und ist auch motorisch gut entwickelt. Maren Schreiber hat die Kleine sehr gefördert, ihr Liebe und Verlässlichkeit gegeben. Jetzt nennt Lara sie „Mama“. „Das möchte ich normalerweise nicht, denn die Kinder, die ich betreue, haben ja Eltern und ich möchte weder in Konkurrenz zu ihnen treten, noch ihre Mutter sein“, sagt die gelernte Erzieherin.

Sie hat rund 20 Jungen und Mädchen bisher betreut

Seit 16 Jahren ist sie Bereitschaftspflegemutter, rund 20 Kinder hat sie in dieser Zeit betreut, anfangs gemeinsam mit ihrem Mann, der Polizist war. Seit seinem Tod vor fünf Jahren ist sie alleine. Durch einen Artikel im Hamburger Abendblatt ist sie damals auf diese Tätigkeit aufmerksam geworden. Sie und ihr Mann hatten über längere Zeit einen Enkel betreut, ihre Arbeit in einer Kita hatte sie dafür aufgegeben. „Mein Mann war schon im Ruhestand und ich fand es eine tolle Aufgabe, kleine Kinder für eine Zeit lang zu mir zu nehmen“, sagt sie.

Über die Hamburger Pflegeelternschule bei PFIFF war sie zuerst bei einem Info-Abend und hat anschließend eine 30-stündige Ausbildung absolviert. PFIFF ist ein freier Träger der Hamburger Jugendhilfe, der Kinder in Bereitschafts- und Vollzeitpflege vermittelt – ebenso wie die Jugendämter. „Der Bedarf an Bereitschaftspflegeeltern ist sehr hoch. Wir möchten vor allem Kinder von null bis sechs Jahren an sie vermitteln“, sagt Ralf Portugall, Sprecher der Hamburger Pflegekinderhilfe. Doch 2019 standen bei 237 Anfragen nur 38 Plätze zu Verfügung.

Man kann vorab Geschlecht und Alter der Kinder festlegen

Maren Schreiber hat festgelegt, nur Kinder im Alter zwischen null und drei Jahren bei sich aufzunehmen. „Bei der Bereitschaftspflege kann man vorab erklären, Kinder welchen Alters und Geschlechts man aufnehmen will – und ob man sich zutraut, Kinder mit Behinderung oder von Eltern mit Suchthintergrund zu begleiten“, erklärt Portugall. Es gebe keine starre Altersbegrenzung, auch körperlich fitte Senioren sind für die Bereitschaftspflege willkommen. „Ältere haben eine große Lebenserfahrung“, sagt Portugall. Das empfindet auch Maren Schreiber als Vorteil: „Ich bin viel gelassener und ruhiger. Ich kann das jedem in meinem Alter empfehlen.“

Die Tätigkeit verlangt eine hohe Flexibilität, man sollte spontan ein Kind, das in Not ist, aufnehmen können. Das heißt, eine Berufstätigkeit ist damit nur sehr eingeschränkt vereinbar. Allerdings kann man zwischen zwei Pflegekindern auch eine Pause einlegen. Als Aufwandsentschädigung gibt es zwischen 1450 und 1600 Euro monatlich, Kita-Gebühren gehen nicht davon ab. „Ein Pflegekind sollte jedoch nicht der Existenzsicherung dienen“, sagt Ralf Portugall. Zudem sollte man bereit sein, eng mit der Herkunftsfamilie zusammenzuarbeiten.

Die Mutter von Lara kommt nur unregelmäßig zu ihrem Kind. „Das letzte Mal war sie, glaube ich, im Januar hier“, erinnert sich Maren Schreiber, doch der Vater besucht die Kleine jede Woche „pünktlich und zuverlässig“.

Das Kind hatte anfangs große Verlustängste

Er ist erst 21 Jahre alt, Mitarbeiter des Jugendamtes begleiteten seine Besuche, um zu schauen, ob er sein Kind genügend fördern kann. „Offenbar ist das nicht der Fall, aber Lara hat so viel Potenzial, da ist es wichtig, dass jemand sich anschließend gut um sie kümmert“, sagt die Pflegemutter.

Als die Kleine zu ihr kam, habe sie viel geweint und geschrien. „Sie brauchte ein paar Monate, bis sie Vertrauen zu mir aufbaute, sie hatte große Verlustängste“, sagt Schreiber. Sie urteile nie über die Eltern, versuche, neutral zu bleiben. „Man muss ihnen aber auch Grenzen setzen können, manche waren schon etwas übergriffig und anstrengend. Aber ich habe etliche Eltern erlebt, die sehr dankbar waren, dass es ihrem Kind bei mir gut geht.“

Die Chance auf ein normales Leben

Das motiviere sie – noch mehr jedoch die Tatsache, dass sie einem kleinen Wesen, das einen schlechten Start hatte, „eine Chance auf ein normales Leben geben kann. Es erfährt bei mir eine feste Bindung, Spaß, Zuneigung und Zuverlässigkeit. Das ist das Wichtigste, gerade in den Anfangsjahren“, sagt Maren Schreiber und folgt ihrem Pflegekind ins Kinderzimmer. „Das ist Laras Zimmer“, sagt die Zweijährige und zeigt auf ihr Bett mit dem rosa Himmel.

Davor steht ein Puppenwagen, daneben türmen sich Legosteine in einer Kiste ebenso wie Bilderbücher. Die Tapete auf der rechten Seite ist rosa, auf der linken Seite ist sie hellblau. „Je nachdem, ob ein Junge oder Mädchen kommt, schiebe ich das Bett nach links oder rechts“, sagt Schreiber.

Am härtesten ist das Loslassen der Kinder

In der Küche hat die mütterlich wirkende Frau auf einem kleinen Tisch zwei Häuser aufgebaut. „Ich übe gerade mit Lara in einem Rollenspiel, was es bedeutet, von einem Haus zum anderen zu ziehen“, sagt Maren Schreiber. Sie hat zu ihrem Bedauern keinen Einfluss darauf, in welche Dauerpflegefamilie ihr kleiner Schützling kommt – das entscheidet das Jugendamt. „Aber ich begleite Lara über mehrere Wochen dorthin und sie übernachtet auch erst dort, wenn sie endgültig einzieht.

Das Loslassen der Kinder ist das Härteste an dieser Arbeit“, sagt Maren Schreiber. Zu etlichen ehemaligen Pflegekindern hat sie noch Kontakt, einer wohnt sogar in der Nähe und hat gerade Abitur gemacht. Auch Laras Lebensweg möchte sie gern verfolgen. „Allerdings hoffe ich dann auch wieder ganz schnell auf ein neues Pflegekind, dem ich auf Zeit ein Zuhause bieten kann.“

Wer sich für Bereitschaftspflege interessiert, kann sich sowohl beim Jugendamt in seinem Bezirk als auch bei PFIFF melden unter Tel. 41 09 84 60. Weitere Informationen: www.bereitschaftspflege.info