Alkoholsucht

Eine effektive Therapie bei Suchtproblemen

Beratungsstelle Frauenperpektiven mit Elke Peine (l.) und ihrer Kollegin Birgit Landwehr Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Beratungsstelle Frauenperpektiven mit Elke Peine (l.) und ihrer Kollegin Birgit Landwehr Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Die Beratungsstelle Frauenperspektiven e. V. hilft bei übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum sowie jungen Mädchen bei Essstörungen

Der Warteraum der Beratungsstelle Frauenperspektiven in Hamburg-Eimsbüttel ist leer, am Empfang sitzt eine Mitarbeiterin hinter einer hohen Trennscheibe aus Glas. „Normalerweise bekommen unsere Klientinnen hier einen Kaffee oder ein Wasser, bevor wir sie zum Gespräch abholen“, sagt Birgit Landwehr (54), die seit zehn Jahren in der Suchtberatung bei dem 1989 gegründeten Verein Frauenperspektiven tätig ist. „Aber seit der Corona-Krise sprechen wir mit den Frauen vor allem am Telefon oder wir gehen während des Gesprächs spazieren, dann können auch Kinder dabei sein.“ Es sind Frauen, die Hilfe suchen wegen ihres Umgangs mit Alkohol, Cannabis, Medikamenten oder anderen Suchtmitteln, dazu zählt auch die übermäßige Nutzung des Internets. Und es gibt ein Extraangebot für Mädchen, die zusätzlich Essstörungen haben. Einige kommen von sich aus, weil sie im Wartezimmer ihres Arztes einen Flyer gelesen haben oder im Internet auf Frauenperspektiven e. V. gestoßen sind, andere werden vom Arbeitgeber geschickt. Auch Angehörige können sich beraten lassen.

Zu den Beratungsräumen und dem großen Raum für Gruppen geht es über einen roten Teppich auf einer breiten Treppe in den ersten Stock. Alles ist in schönen warmen Farben gehalten, die Möbel sind geschmackvoll. Die Frauen sollen das Gefühl bekommen, willkommen zu sein und so akzeptiert zu werden, wie sie sind. Im Jahr sind das etwa 400 Ratsuchende aus ganz Hamburg, 85 Prozent von ihnen haben Probleme mit Alkohol, 13 mit Cannabis, 14 mit Essstörungen, elf mit Kokain und acht mit Amphetaminen. Gründe, in eine Sucht zu geraten, gibt es viele: Einsamkeit, Leistungsdruck, traumatische Erlebnisse, Vernachlässigung in der Kindheit, alkoholkranke Eltern, bei denen das Trinken die einzige Form des Spaßhabens war, oder Existenzsorgen, insbesondere auch bei Alleinerziehenden, die sich zusätzlich ständig überfordert fühlen.

Alkohol um Runterzukommen

So wie Frau M. (45), die jahrelang alkoholabhängig war. In der schwierigen Zeit nach ihrer Scheidung begann sie Alkohol „zum Runterkommen“ zu trinken, auch um die Anforderungen als alleinerziehende Mutter einer zehnjährigen Tochter bewältigen zu können. Immer häufiger „half“ ihr Alkohol, sich nach der Arbeit zu entspannen, damit spürte sie auch die zunehmend belastenden Schuld- und Schamgefühle nicht mehr so stark. Nach einer Beratung bei Frauenperspektiven e. V. machte sie einen Entzug im Krankenhaus und kam danach für ein Jahr zur ambulanten Suchttherapie des Vereins. Auch die Selbsthilfegruppe dort gibt ihr Halt. Frau M. ist nun abstinent und leistungsfähig. „Ich fühle mich wieder wohl in meiner Haut“, sagt sie. „Ich kann jetzt viel besser mit meinen Gefühlen umgehen und brauche den Alkohol nicht mehr.“

„Wir sind sehr erfolgreich in der ambulanten Therapie“, sagt Diplom-Pädagogin und Leiterin Elke Peine, „oft erreichen wir eine Verlängerung auf ein Jahr statt nur eines halben, weil wir die Frauen bei der Antragstellung unterstützen.“ Die ambulante Therapie sei sehr effektiv und günstiger als eine stationäre. In naher Zukunft ist diese Hilfe gefährdet, da der Vergütungssatz der Deutschen Rentenversicherung nicht ausreiche, um die Kosten zu decken. Bis jetzt subventioniert die Stadt Hamburg dieses Angebot. Der Verein muss jedoch notwendige Anschaffungen wegen der neuen Hygieneregeln wie zum Beispiel Ventilatoren selbst bezahlen. Unser Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ unterstützt Frauenperspektiven deshalb mit einer Spende.

Jüngere Frauen nutzen Drogen, um zu funktionieren

Elke Peine hat auch die Karrierefrauen um die 50 Jahre im Blick. „Alkohol gehört im Betrieb dazu, Erfolge werden gefeiert. Diese Frauen reisen viel, haben meist keine Kinder“, erzählt die 62-Jährige. „In der Midlifecrisis merken sie, dass sie abhängig sind beziehungsweise Stress durch den Konsum haben. Sie gehen dann auf Festen früher nach Hause, um dort weiterzutrinken. Montags fehlen sie oft bei der Arbeit.“ Jüngere Frauen nutzen Drogen häufig, um quasi auf Knopfdruck in einer bestimmten Weise zu funktionieren. „Sie sind Mitte bis Ende zwanzig und nehmen Speed/Amphetamine, damit sie Leistung im Studium bringen, zum Runterkommen rauchen sie Cannabis und auf der Party abends trinken sie Alkohol – je nachdem, welchen Zustand sie brauchen zwischen Highspeed und Entspannung“, sagt Sozialpädagogin Landwehr. Gekauft werden die Drogen in der Partyszene oder im Darknet, einer illegalen Internet-Plattform, es seien „oft sehr intelligente Frauen, die fit sind am PC“.

Die Selbstoptimierung sei für Mädchen und Frauen besonders wegen der Eigendarstellung in den sozialen Medien ein riesiges Problem geworden. Besser aussehen, sexy wirken wollten die meisten, auch diejenigen, deren natürlicher Körper die extremen Maßstäbe nicht erreichen kann. „Die schlimme Botschaft dabei ist: Du bist nie richtig, wie du bist“, sagt Elke Peine. Um abzunehmen, unterdrückten junge Mädchen ihren Hunger mit Pillen, Zigaretten oder Alkohol und versuchten gleichzeitig, ihren Frust damit abzubauen.

Akupunktur gegen den Suchtdruck

Für Mädchen bis 18 Jahre mit Essstörungen bietet Frauenperspektiven e. V. im Projekt Kajal das Programm „Sicherheit finden“. Unter anderem gehört dort Akupunktur zur Therapie gegen den Suchtdruck – diese Hilfe gibt es in der Regel auch auf Entzugsstationen. Fortbildung für Fachkräfte führt das Team von Kajal durch und die Mitarbeiterinnen der Suchtberatungsstelle gehen regelmäßig auf Entzugsstationen, wo sie ihre Angebote vorstellen. 14 Teilzeitkräfte stemmen die umfangreiche Arbeit, unterstützt von einer Ärztin und einer Psychiaterin auf Honorarbasis. Sie alle informieren, motivieren, vermitteln und helfen – auch in Bereichen wie Wohnen und Job. Zudem gehört Nachsorge nach stationärer Therapie zu ihren Aufgaben.

Birgit Landwehr und Elke Peine freuen sich mit jeder Klientin, die es mit ihrer Hilfe geschafft hat, von den Drogen loszukommen, denn deren Erleichterung im abstinenten Leben können die beiden oft fast selbst spüren: „Endlich sind sie den psychischen Stress los, fühlen sich wieder frei und vor allem nicht mehr erpressbar – weil nichts mehr versteckt werden muss.“

Infos unter: https://frauenperspektiven.de/ Weitere Hilfsangebote: www.profem.de – Verbund Hamburger Frauen- und Mädchen­einrichtungen e. V.