Autismus

Wenn das Kind Dinge lieber als Menschen mag

Miriam Werner therapiert Kemal (4), der frühkindlichen Autismus hat, Mutter Emine Aydin (r.) schaut zu. / FUNKE Foto Services

Miriam Werner therapiert Kemal (4), der frühkindlichen Autismus hat, Mutter Emine Aydin (r.) schaut zu. / FUNKE Foto Services

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Im Hamburger Autismus Institut werden Kleinkinder therapiert – wie der vierjährige Kemal. Seine Eltern lernen, ihren Sohn besser zu verstehen

Als Kemal 18 Monate alt wurde, konnten seine Eltern Emine und Fatih Aydin nicht mehr übersehen, dass ihr Sohn anders war als andere Kleinkinder. Daran, dass er nie die Hände nach ihnen ausstreckte, sie häufig ignorierte und wegschaute, wenn sie in den Raum kamen, hatten sie sich schon gewöhnt. „Ich dachte, das gibt sich mit der Zeit, er braucht vielleicht etwas länger“, sagt die 42-jährige Mutter. Als er jedoch anfing, sich ständig im Kreis zu drehen und unkoordiniert zu bewegen, sprachen die Eltern die Kinderärztin auf das Verhalten ihres Sohnes an. „Sie sprach das erste Mal von Autismus“, sagt Emine Aydin.

Nach einem halben Jahr ausführlicher Diagnose durch die Fachärzte im UKE hatte das Paar Gewissheit: Ihr Sohn hat frühkindlichen Autismus, der sich in der Regel vor dem dritten Lebensjahr zeigt. Diese Kinder haben außer den Problemen im sozialen Umgang Schwierigkeiten mit der Sprachentwicklung, häufig einen verminderten IQ und zeigen stereotypes Verhalten – wie das Kreiseln oder Flattern der Arme bei Kemal.

Die meisten Autisten sind männlich

Etwa ein Prozent der Bevölkerung hat eine Autismus-Spektrum-Störung, die meisten sind Jungen. Am häufigsten ist das Asperger-Syndrom vertreten, dabei zeigen die Kinder zwar auch ein schwieriges Sozialverhalten, haben aber keine Sprachentwicklungsstörungen – anders als Kemal, der mit vier Jahren nur wenige Wörter spricht, sich oft in die Ecke setzt und mit dem Gesicht zur Wand stundenlang mit einem Gegenstand spielt.

„Die Diagnose war ein riesiger Schock für uns, wir haben zwei weitere Monate einfach nicht darüber gesprochen, was wir mit Kemal machen. Ich habe viel geweint, mein Mann fragte nur: ,Warum wir?‘“, sagt Emine Aydin. Doch sie brauchten Hilfe im Umgang mit Kemal, auch um seine Signale zu verstehen. Denn er äußert keine Bedürfnisse, hört nicht auf Anweisungen. Bei dem Wort „Nein“ hält er sich die Ohren zu.

Die Eltern haben Angst, etwas falsch zu machen

Die Beziehung zur Mutter ist enger, er nimmt sie zumindest an die Hand und zeigt ihr, was er benötigt, den Vater beachtete er jedoch lange gar nicht – für die Eltern eine sehr belastende und schmerzhafte Situation. „Wir wussten einfach nicht, ob es unsere Schuld ist, dass er so ist, ob wir etwas falsch machen und wie wir mit ihm kommunizieren sollen“, sagt Emine Aydin.

Nach einer Empfehlung der UKE-Ärzte meldeten sie ihren Sohn beim Hamburger Autismus Institut in Alsterdorf an. Das Therapiezentrum, das 1972 von Eltern mit autistischen Kindern gegründet wurde, gibt es an vier Standorten in der Stadt sowie in Lüneburg. Es bietet seit vier Jahren für Kleinkinder eine Frühtherapie nach dem „Early Start Denver Model“ an.

Eine intensive Therapie schon für die Kleinsten

„Autismus ist nicht heilbar, es ist eine schwere Behinderung, aber wir haben festgestellt, dass wir viel dafür tun können, dass diese Menschen ihre Schwächen ausgleichen können. Vor allem, wenn sie noch jung sind. Dann ist ihr Gehirn und damit ihr Verhalten noch formbar“, sagt Barbara Rittmann, Leiterin des Instituts.

Das sogenannte Start Programm setzt auf eine intensive Therapie mit dem Kind und den Eltern, bei dem es hauptsächlich um die Förderung von Interaktion, Sprache und Imitation geht. „Die Kinder müssen von sich aus feststellen, dass sie mehr erreichen, wenn sie ihre Bedürfnisse kommunizieren“, sagt Diplom-Psychologin Rittmann.

Wichtig sind ausdrucksvolle Mimik und klare Sprache

Kemals Therapeutin heißt Miriam Werner, seit Dezember 2019 kommt der Vierjährige dreimal in der Woche zu ihr. Auch sie ist Diplom-Psychologin und wenn sie mit dem Jungen spricht, fällt ihre ausdrucksvolle Gestik und überdeutliche Sprache auf. Sie zeigt dem Kind am Anfang der Stunde ein Piktogramm mit den verschiedenen Aktivitäten, die auf es zukommen. Es ist immer das gleiche Programm, Autisten lieben feste Strukturen und verabscheuen spontane Veränderungen.

Zuerst die Begrüßung, bei der sie übertrieben winkt, Kemal ignoriert sie und holt sich einen Knetball, den er die ganze Stunde nicht loslassen wird. Er dient zum Abbau von inneren Spannungen. Dann geht es an die Tischstationen, die Frau Werner im Zimmer aufgebaut hat. Kemal soll verschiedene Steckspiele machen. Bei jeder Figur, die er in das richtige Loch versenkt, lobt ihn die Therapeutin lautstark, immer wieder versucht sie, mit ihm in Kontakt zu kommen, nimmt eine Figur weg,

„Autisten haben kein Interesse an Gesichtern, weil sie die Gefühle darin nicht lesen können. Deswegen lieben sie Gegenstände, die sehen immer gleich aus“, erklärt Barbara Rittmann. Kemal liebt Buchstaben und Zahlen, er kann sie benennen, wenn Miriam Werner mit ihm ein Buch liest.

Viel Kontakt zueinander im Bewegungsraum

„Ich muss versuchen, in der Therapiestunde der interessanteste Gegenstand zu werden“, erklärt Miriam Werner. Dabei soll es immer eine Balance zwischen Spaß, Spiel und Arbeit geben. „Die Kinder müssen Freude an der Therapie haben.“

Das geht am besten im Bewegungsraum, den Kemal liebt. Plötzlich schaut er sie an, lacht ihr zu und sagt „schaukeln“. Die Mutter im Raum ignoriert er hingegen. Frau Werner fordert Kemal aktiv auf, zur Mutter zu schauen. Sie winkt ihm eifrig zu. Sie und ihr Mann haben durch das Beobachten in den Therapiestunden gelernt, dass ihr Sohn übertriebene Gesten benötigt, um Menschen wahrzunehmen.

Nach sechs Monaten Therapie wirkt Kemal wie „aufgewacht“

Nach sechs Monaten Therapie spricht der kleine Junge Miriam Werner nun aktiv an, sagt häufiger Zwei- und Dreiwortsätze. „Er wirkt wie aufgewacht“, beschreibt seine Mutter die deutlichen Veränderungen. Und er hat seinen Vater als Spielfreund entdeckt. „Kürzlich hat er auch Papa gesagt, da war mein Mann ganz glücklich.“

Da die Therapeutin auch viel mit den Eltern arbeitet, haben diese gelernt, deutlich mit ihrem Sohn zu sprechen, ihn für Kleinigkeiten laut zu loben und ihre Mimik zu verstärken. „Ich kann die Signale meines Kindes besser deuten, verstehe immer mehr, wie ein Autist denkt, und dass ich immer einen Plan B brauche, wenn er austickt und brüllt. Dann singe ich ein Zahlen-Lied, das hilft“, sagt Emine Aydin.

Das Institut arbeitet auch mit der Kita zusammen

Seit einem Jahr geht Kemal in einen Inklusionskindergarten, hat dort einen Betreuer, der gut mit ihm zurechtkommt und regelmäßig im Austausch mit der Therapeutin ist. „Wir beraten die Erzieherinnen und Lehrer unserer Patienten, das gehört bei uns zum Programm. Es geht nicht ohne die Mithilfe der Kita, die müssen mitziehen“, sagt Miriam Werner.

Die Aydins sind sehr dankbar für die Therapiemöglichkeit, auch wenn sie fast ein Jahr darauf warten mussten – die Warteliste des Instituts ist lang. „Wir sind nicht alleine mit unserer Situation und er hat mich viel Geduld gelehrt“, sagt die Mutter. Das Einzige, was sie sich von anderen manchmal wünsche, sei etwas „Respekt für meine Situation. Ich habe mir schon einige Sprüche wegen meines schreienden Kindes anhören müssen. Aber er ist eben Autist, dafür kann weder er noch ich etwas.“

Infos zum Hamburger Autismus Institut unter www.autismus-institut.de