Leichte Sprache

Komplexe Texte einfach und verständlich erklärt

| Lesedauer: 6 Minuten
Kati Imbeck
Die rote Karte kommt beim Sozialkontor zum Einsatz, wenn Sprache zu schwierig ist

Die rote Karte kommt beim Sozialkontor zum Einsatz, wenn Sprache zu schwierig ist

Foto: Sozialkontor / Kati Imbeck

Die „Leichte Sprache“ hat sich in vielen Bereichen etabliert. Sie ist wichtig für Menschen mit Lernbehinderung und Demenz

Wenn bei Petra Richter Post vom Amt eintrudelt, ruft sie als Erstes ihre Schwester an. Die kommt dann vorbei und hilft der 54-jährigen Hamburgerin, das Behördendeutsch zu verstehen. Richter hat eine Lernbehinderung. Das Lesen komplexer Texte fällt ihr schwer. Damit ist sie nicht allein. Laut LEO-Studie der Universität Hamburg von 2018 können rund 6,2 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene allenfalls einfache Sätze lesen und schreiben. Sie profitieren von „Leichter Sprache“.

Was aber verbirgt sich hinter dem Begriff? „Leichte Sprache vereinfacht Sprache auf der Wort-, Satz und Strukturebene und macht so komplizierte Inhalte verständlich und zwar für alle Menschen“, sagt Barbara Reindl, Übersetzerin und Dozentin für Leichte Sprache. Die 57-Jährige vermittelt auch mündlich Informationen in Leichter Sprache. Zur Zielgruppe gehören neben Menschen mit Lernschwierigkeiten unter anderem Ältere, Menschen mit Demenz und Personen, deren Muttersprache kein Deutsch ist.

Im Jahr 2000 das erste Wörterbuch

Ihren Ursprung hat die Leichte Sprache in der internationalen People-First-Bewegung, die für die Selbstbestimmung von Menschen mit Lernschwierigkeiten kämpft. In den 1990er-Jahren schwappte die Idee nach Deutschland über, im Jahr 2000 gab der Verein „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland“ hierzulande das erste Wörterbuch für Leichte Sprache heraus.

„Anfangs haben einige Journalisten und Kulturschaffende die Leichte Sprache belächelt oder ihr sogar vorgeworfen, sie lese sich wie Kindersprache“, sagt Reindl. Zu Unrecht, denn auch wenn die Sätze manchmal etwas holprig klingen, sind sie in der Regel grammatikalisch vollkommen korrekt. In den Texten gelten feste Regeln: Es gibt nur kurze Sätze und bekannte Wörter. Zusammengesetzte Wörter trennt man mit einem Bindestrich und schwierige Begriffe wie Fremdwörter oder Abkürzungen werden immer erklärt.

Parteien geben Wahlprogramme in Leichter Sprache raus

Mittlerweile hat sich Leichte Sprache in vielen Bereichen etabliert. So geben die meisten großen Parteien ihre Wahlprogramme in Leichter Sprache heraus – ein Blick dort hinein lohnt sich auch für Menschen, die sonst eher schwierige Texte lesen. In zahlreichen Städten gibt es Büros für Leichte Sprache, die auch Fortbildungen anbieten.

Das Hamburger Büro ist bei der Lebenshilfe des Landesverbandes angedockt. „Früher saßen da hauptsächlich Menschen aus dem sozialen Bereich, heute kommen auch Journalisten, Beamte, Kulturschaffende und Dolmetscher“ , so Barbara Reindl, die vom Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ bei ihrer Ausbildung zur Leichte Sprache-Übersetzerin finanziell unterstützt wurde.

Buttons auf Internetseiten verweisen auf einfache Texte

Immer häufiger verweist ein Button auf Internetseiten auf Inhalte in Leichter Sprache – so etwa auf www.hamburg.de, wo viele Texte rund um die Hansestadt zu finden sind. Aktuell gibt es dort auch Infos zum Corona-Virus.

Ein Beispiel, wie dort die Pandemie in einfachen Worten beschrieben wird: „Es gibt jetzt eine neue Krankheit. Die Krankheit kommt vom Corona-Virus. Die Krankheit befällt die Lunge. Die Menschen husten zum Beispiel. Oder haben Fieber. Manche Menschen sterben an der Krankheit. Besonders alte Menschen sterben. Und kranke Menschen.“

Vor der Veröffentlichung eines Textes in Leichter Sprache wird er von Experten der jeweiligen Zielgruppe geprüft – zum Beispiel von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Im Sozialkontor, einer sozialen Hamburger Organisation für Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung, gibt es zum Beispiel seit 2014 auf Initiative der Nutzer eine Prüfergruppe Leichte Sprache.

Lange Diskussionen bei Übersetzungen

Bei ihren Treffen nehmen die Mitglieder Übersetzungen des Sozialkontors unter die Lupe – von Hausordnungen über die Rahmenvereinbarung mit der Sozialbehörde bis hin zu den Leitplanken der Eingliederungshilfe. Dabei geht es manchmal ziemlich zur Sache, vor allem, wenn abstrakte Begriffe auf dem Prüfstand stehen. „Einmal haben wir anderthalb Stunden über das Wort Teilhabe diskutiert“, sagt Oliver Brandt, langjähriger Assistent der Prüfergruppe. Mitunter kommt dabei auch eine rote Karte mit der Aufschrift „Halt! Bitte leichte Sprache“ zum Einsatz. „Die können wir hochhalten, wenn wir etwas nicht verstehen“, sagt Prüferin Gabriele Radecki.

Auch Bundesbehörden und Sozialversicherungsträger wie Krankenkassen oder die Rentenversicherung sollen Leichte Sprache stärker einsetzen. So gibt es das Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (BGG) vor. Demnach sollen diese Stellen mit Menschen mit geistigen oder seelischen Behinderungen verständlich kommunizieren und Bescheide, Verfügungen und Ähnliches bei Bedarf in Leichter Sprache erläutern.

Viele Behördenbescheide sind für alle schwierig zu verstehen

In Hamburg hat nicht nur Petra Richter Schwierigkeiten, Behördenpost zu lesen. „Die Bescheide sind zum Teil so lang und kompliziert, dass selbst wir Mitarbeitende sie kaum verstehen“, sagt Norbert Willers. Der Leiter des Treffpunkts Hamburg Ost-Mahlhaus des Sozialkontors hilft Betroffenen beim Lesen von offiziellen Briefen.

„Als Sozialbehörde ist es unser Ziel, dass alle Bürgerinnen und Bürger unsere Entscheidungen nachvollziehen und verstehen können. Allerdings müssen Schreiben und Bescheide so eindeutig formuliert sein, dass sie einer gerichtlichen Prüfung standhalten. Dafür ist es erforderlich, bestimmte Fachbegriffe zu verwenden“, sagt Martin Helfrich, Sprecher der Hamburger Sozialbehörde. Wer einen Bescheid nicht verstehe, könne sich aber an die zuständigen Sachbearbeiter wenden, die den Inhalt und mögliche Rechtsfolgen erklären.

Beim Inklusionsrat ist künftig Dolmetscherin dabei

Petra Richter möchte, dass in der Hansestadt mehr Angebote in Leichter Sprache entstehen. Sie engagiert sich bei den „Kämpfern von Hamburg“, einer unabhängigen politischen Initiative, die vom Sozialkontor begleitet wird und sich unter anderem für Barrierefreiheit stark macht. Für die „Kämpfer“ ist sie als Mitglied im Inklusionsbeirat Wandsbek dabei. Sie hat nun erreicht, dass bei den Sitzungen künftig eine Dolmetscherin für Leichte Sprache dabei ist.

Beim Sozialkontor bietet Barbara Reindl am 21. 9. von 16-18 Uhr einen kostenfreien Workshop in Leichter Sprache zum Bundesteilhabegesetz an. Anmeldungen unter: Tel. 227 22718. Infos: www.sozialkontor.de/termine.

Das Büro für Leichte Sprache hat am 1. 9. von 18–20 Uhr einen Infoabend zum Thema Leichte Sprache an. Anmeldung bei Britt Jensen, Tel: 689 433 17, Email: Britt.Jensen@LHHH.de