Buchrezension

Das Rüstzeug einer Pflegemutter

Vera Pein hat das Buch „60 Mal Mama" geschrieben

Vera Pein hat das Buch „60 Mal Mama" geschrieben

Foto: knaur verlag

Vera Pein hat in ihrem Leben 60 Kinder betreut – in einem Buch beschreibt sie die Abgründe aber auch Glücksmomente als Pflegemutter.

Niemals schreibt Vera Pein ein Kind ab, das mit einem Rucksack voller Probleme zu ihr kommt, „dazu habe ich zu viele kleine und große Wunder erlebt“, sagt sie. „60 Mal Mama“ heißt ihr Buch, in dem sie von den Schicksalen ihrer Pflegekinder und deren Zeit in ihrer Familie erzählt. Kleinkinder ebenso wie pubertierende Teenager hat Pein aufgenommen, sie gestärkt und ihnen Rüstzeug fürs Leben vermittelt. Und sie lernte auch von ihnen: „Meine Kinder sind ein Spiegel für mich. Wenn sie sich auffällig verhalten, schaue ich zuerst einmal bei mir selbst nach.“

Mit 34 Jahren rutscht die Mutter eines Sohnes und einer Tochter – gerade getrennt vom Ehemann – in die Rolle als Pflegemutter hinein. Sie lebt auf dem Land nahe München. In ihrem Buch schildert sie den turbulenten Alltag mit Jungen und Mädchen aus den verschiedensten Elternhäusern und Kulturen. Andauernd gibt es dadurch neue Herausforderungen – ein Mädchen spricht absichtlich nur Englisch, ein Junge darf in den Ferien nicht mit ins Ausland reisen wegen eines laufenden Asylantrags. Probleme machen auch immer wieder die Eltern der Kinder, es kommt sogar zu einem dramatischen Besuch einer Mutter, die ihre Rechte auf ihren Sohn einfordern will.

Kinder haben das Staunen und die Geduld verloren

Vera Pein schreckt vor all diesen Herausforderungen nicht zurück. Sie beobachtet in den Jahrzehnten als Pflegemutter auch Veränderungen in der Welt der Kinder und bedauert beispielsweise, dass diese auf alles jederzeit und überall Zugriff haben. So hätten sie das Staunen verloren sowie die Geduld, auf etwas zu warten. Ihre Pflegekinder erhalten von ihr viel Zuwendung und Schutz vor zu viel Ablenkung durch Smartphone & Co. Kinder müssten heute in problematischen Familienverhältnissen „deutlich mehr aushalten als vor zehn, zwanzig Jahren, bis das Jugendamt eingreift“, stellt sie fest. Sie selbst kommt zeitweise auch an ihre Grenzen und hätte manches Kind am liebsten vor die Tür gesetzt. Nie aber habe sie schwierige Fälle abgelehnt, für die das Jugendamt dringend eine Pflegestelle suchte.

Mit ihrem Buch öffnet Vera Pein die Tür zu einem ungewöhnlichen Familienleben, bunt und fröhlich, jedoch auch mit tiefen menschlichen Abgründen und Qualen – wie den Schmerzen eines Säuglings einer drogenabhängigen Mutter. Pein schildert ihre Erlebnisse als Pflegemutter mit großer Herzenswärme. Sie ist eine Frau, die viel zu sagen hat und doch alles auf den wichtigen Punkt bringt: „Ich öffne mein Herz und bin da. Bin einfach nur da.“

Vera Pein: „60 Mal Mama“, Knaur, 247 Seiten, 12,99 Euro