Hilfe für Männer

Man(n) muss nicht alles alleine schaffen

Günther Lübker nahm an einem Männerkurs für pflegende Angehörige teil

Günther Lübker nahm an einem Männerkurs für pflegende Angehörige teil

Foto: Martina Petersen

In Krisenzeiten holen sich Männer seltener Unterstützung als Frauen. Dabei gibt es in der Metropolregion spezielle Angebote für sie.

Als seine Frau Waltraut vor drei Jahren pflegebedürftig wurde, stand Günther Lübker vor großen Herausforderungen: Das Paar hatte in seinen bis dahin fast 60 Ehejahren nach klassischen Rollenmustern gelebt. Alle Aufgaben aus Haushalt und Fürsorge waren dem ehemaligen Elektroingenieur, der viel im Ausland gearbeitet hatte, völlig fremd. „Anfangs war ich deprimiert und überfordert“, erzählt der heute 90-Jährige. „Aber ich wollte unbedingt lernen, die neue Situation zu managen, damit wir in unseren vier Wänden bleiben können. Da unsere beiden Kinder beruflich sehr eingespannt sind, habe ich schnell den Ehrgeiz entwickelt, es allein zu schaffen.“

Als Günther Lübker in der Geriatrie des Krankenhauses vom Kurs „Männer pflegen“ der Fachstelle „Männerforum der Nordkirche“ hörte, schien ihm das erst einmal nur eine gute Möglichkeit zu sein, das nötige Handwerkszeug für die neue Lebenslage zu bekommen. „Doch dann habe ich auch sehr davon profitiert, dass wir Männer uns ganz offen über unsere Belastungen austauschen konnten“, sagt Günther Lübker. „Frauen hätten sicher für alle Fragen von Körperpflege bis Kochen viel schneller eine Lösung gehabt. Unter uns Männern konnten wir ohne Hemmungen in unserem Tempo üben und immer nachfragen, ohne uns unterlegen zu fühlen. Die Gemeinschaft hat allen so viel Rückhalt gegeben, dass wir uns bis heute in unregelmäßigen Abständen treffen.“

Die Nordkirche hat eine Fachstelle für Männerarbeit

Bereits 2001 hat sich die Fachstelle für Männerarbeit in der Nordkirche formiert, um der schwindenden Zahl von Männern in der Kirche ein eigenes Forum zu geben und neue Mitmach- und Mitdenkräume für sie zu schaffen. Denn die Veranstaltungen der kirchlichen Familienbildungsstätten werden nur selten von Männern besucht. Und auch im Ehrenamt prägen Frauen das Bild: Mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer engagieren sich in ihrer Freizeit in der Kirche. Die soziale Unterstützung in Form von Besuchsdiensten ist die Bastion von Frauen. Männer im Ehrenamt übernehmen in der Kirche lieber konkrete Aufgaben wie Küster- und Fahrdienste oder stellen zu Weihnachten die Tannenbäume auf.

Im Hospiz-Kontext sind Männer noch seltener anzutreffen: Bei den ehrenamtlichen Sterbebegleitern kommt bundesweit nur ein Mann auf sechs Frauen. Dabei wünschen sich Männer, die am Lebensende begleitet werden, nicht selten ein männliches Gegenüber. Auch Trauerbegleitung ist eine Domäne der Frauen: In Trauergruppen, die vorwiegend von ausgebildeten Trauerbegleiterinnen geleitet werden, treffen bundesweit neun weibliche Teilnehmerinnen auf ein bis zwei Männer. So sind all diese Angebote weiblich geprägt und die Mitarbeiterinnen fragen sich oft: Wo sind die Männer?

Am besten funktionieren Aktiv- oder Erlebnisangebote

„Wir haben festgestellt, dass wir in der Kirche Männer direkt ansprechen müssen und am besten mit einem niedrigschwelligen Aktiv- oder Erlebnisangebot erreichen können“, sagt Henning Ernst, Pastor und Referent für Männerarbeit in Kiel, der unter anderem seit 2016 in Kooperation mit Pflegestützpunkten im Norden die Pflegekurse für ältere Männer anbietet. Der Veranstaltungsplan des Männerforums reicht heute von Kochkursen über Stammtische, Kite-Camps und Pilgertouren bis zu sogenannten Rüstzeiten zum gemeinsamen Auftanken. Besonders gefragt sind Vater-und-Kind-Freizeiten, in denen zum Beispiel der Bogen fürs Bogenschießen selbst gefertigt wird.

„Wenn die Männer dann abends beisammensitzen, kommt das Gespräch ganz automatisch auf persönliche Fragen wie: Was bedeutet für mich Vaterschaft? Was habe ich mit dem eigenen Vater erlebt? Wie kann ich Beruf und Zeit für mein Kind besser miteinander vereinbaren?“, erzählt Henning Ernst. „Männer brauchen Mut, um sich zu zeigen, und haben viele Abwehrmechanismen für ihre Gefühle. Aber wenn untereinander erst einmal eine vertrauensvolle Atmosphäre entstanden ist, wissen sie es durchaus zu schätzen, über die eigenen Probleme zu sprechen.“

Ein schmerzhafter Einschnitt im Leben

Der Pastor hat oftmals erlebt, dass es erst eines schmerzhaften Einschnitts wie einer Trennung oder einer Erkrankung bedarf, dass sich Männer auf den Weg machen. Nicht selten bräuchten sie in Krisenzeiten auch den Rat der Partnerin, etwas für sich zu tun, oder den Hinweis auf ein konkretes Angebot, sagt er.

Bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen Hamburg (KISS) kommt seit Jahren nur ein Viertel aller Anfragen von Männern. Es sind dort wenige reine Männergruppen zu geschlechtsspezifischen Themen wie Prostatakrebs oder Erektionsstörungen gelistet. In den Suchthilfegruppen stellen Männer die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer, bei den psychischen Erkrankungen macht ihr Anteil rund die Hälfte aus. Doch alle Gruppen für körperlich chronische Erkrankungen werden nur zu einem Drittel von Männern besucht. Auch unter den Ratsuchenden in Krebsberatungsstellen sind nur 30 Prozent Männer.

Große Themen beschäftigen Männer in der Lebensmitte

„Männer sind sich des Themas Gesundheit durchaus bewusst, aber bei ihnen geht Handeln vor Reden“, sagt Frank Omland, Selbsthilfeberater bei KISS und jahrelang für den Schwerpunkt Männergesundheit zuständig. „Sie wollen konkret angesprochen werden, benötigen niedrigschwellige Angebote und bevorzugen im Erstkontakt das ,Waschstraßenprinzip‘ mit schnellen, kurzen Hilfen.“ Außerdem wollen Männer nicht problem-, sondern projektorientiert vorgehen, um die Bewältigung einer Krise aktiv in der eigenen Hand zu behalten.

In der Lebensmitte gibt es laut Frank Omland bei Männern einen Wandel bei der Einschätzung der eigenen Gesundheit: Studien zeigen, dass Männer bis Mitte vierzig ihren subjektiv erlebten Gesundheitszustand öfter als „sehr gut“ oder „gut“ einstufen, als dies die Vergleichsgruppe der Frauen tut. Nach dem 45. Lebensjahr schätzen Männer ihre gesundheitliche Lage jedoch schlechter ein, als es der Realität entspricht. „In der Lebensmitte beginnen Männer die großen Lebensthemen zu reflektieren und zu hinterfragen, wie sie leben wollen“, sagt er. Henning Ernst sieht es als Chance für die Kirche, Männer in dieser viel beschworenen Midlife-Crisis abzuholen und mit gezielten Angeboten durch die Lebensphasen des Übergangs zu begleiten.

Ein Pflegekurs kann positive Impulse für die Partnerschaft geben

Neben Jahresgruppen, in denen sich Männer in der zweiten Lebenshälfte auf Entdeckungsreise begeben, bietet das Männerforum auch Gruppen an für Männer, die sich aus dem Berufsleben in den Ruhestand verabschieden. Oder die sich – wie beim Kurs für pflegende Männer – den Herausforderungen des Alters bewusst stellen und sich dafür Unterstützung in der Gemeinschaft holen.

Günther Lübker hat heute das gemeinsame Leben in der Häuslichkeit mithilfe eines Pflegedienstes gut organisiert. „Ich weiß erst jetzt, was meine Frau all die Jahre im Haushalt geleistet hat, und bin froh, dass ich ihr etwas von dieser Fürsorge zurückgeben kann“, sagt er. Es scheint, als hätten beide die Krise für einen Neubeginn nutzen können, der ihrer langjährigen Gemeinschaft auch positive Impulse gegeben hat. „Ich fand es toll, dass mein Mann den Kurs besucht hat und so über sich hinausgewachsen ist. Ich bin wirklich stolz auf ihn“, sagt Waltraut Lübker. „Wir beide sind durch meine Erkrankung noch weiter zusammengerückt.“

Weitere Infos: www.maennerforum-nordkirche.de/veranstaltungen.html und www.kiss-hh.de/selbsthilfegruppen/selbsthilfegruppen-von-a-bis-z.html