Auszeichnung

Fanclub des FC St. Pauli gewinnt Hamburger Selbsthilfepreis

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Heike Wander
Gewinnen Selbsthilfepreis: Michael Krause, Wolfgang Stippgen und Stefan Geisner vom Fanclub "Weiß-braune Kaffeetrinker*innen" (v.l.) Foto:Roland Magunia

Gewinnen Selbsthilfepreis: Michael Krause, Wolfgang Stippgen und Stefan Geisner vom Fanclub "Weiß-braune Kaffeetrinker*innen" (v.l.) Foto:Roland Magunia

Foto: Roland Magunia

Die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen erhalten vom Verband der Ersatzkassen 2500 Euro für ihre vorbildliche Arbeit mit süchtigen Fußballfans

Selbsthilfegruppen für erkrankte Menschen sind für viele Tausend Hamburger eine große Stütze im Alltag. Die Ersatzkassen würdigen mit dem Hamburger Selbsthilfepreis alle zwei Jahre dieses ehrenamtliche Engagement für Menschen mit chronischen Krankheiten. In diesem Jahr war die Jury von der Bewerbung der Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen (WBK) besonders angetan und kürte die 1996 gegründete Fanclub-St.-Pauli-Gruppe als eindeutigen Sieger.

„Diese Selbsthilfegruppe setzt sich auf beeindruckende Weise mit der Suchtproblematik Alkohol, Spielsucht, Depression und Suchtmittelmissbrauch im Umfeld des Freizeitvergnügens Fußball auseinander“, sagt Kathrin Herbst, Leiterin der Landesvertretung Hamburg des Verbandes der Ersatzkassen (vdek). „Mit Herzblut, Ideenreichtum und viel Einsatz engagieren sich chronisch kranke Hamburgerinnen und Hamburger jeden Tag für andere Betroffene. Sie bilden einen Anker im Leben und geben Halt in schwierigen Situationen. Dieser Einsatz verdient unseren besonderen Dank. Die Auszeichnung fördert innovative Projekte, die zum Nachahmen anregen sollen.“

Das Preisgeld geht in eine Präventionskampagne

Der Fanclub-Sprecher der Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen, Michael Krause, freut sich sehr über die Anerkennung und das Preisgeld von 2500 Euro. „Das Geld wollen wir im Zusammenhang mit unserem bevorstehenden 25-jährigen Bestehen im kommenden Jahr für eine intensive Präventionskampagne nutzen“, sagt der 60-Jährige. „Wir hatten im Hamburger Abendblatt über den Selbsthilfepreis gelesen und spontan mitgemacht, toll, dass wir jetzt sogar gewonnen haben!“

Die Gruppe der WBKler funktioniert wie eine traditionelle Suchtmittel-Selbsthilfegruppe. Suchtspezifische Themen werden erörtert, Hilfestellung in Krisensituationen geleistet und Betreuung bei Rückfällen organisiert. Einen zentralen Raum nehmen gemeinsame Freizeitaktivitäten ein – wie Besuche von FC-St.-Pauli-Heimspielen im Millerntorstadion, das Anschauen von FC.-St.-Pauli-Auswärtsspielen im Clubheim des SC Sternschanze und Auswärtsfahrten zu Spielen des FC St. Pauli.

Das Motto: Fußball geht auch komafrei

Präventionsarbeit ist ein wichtiger Bereich für die WBKler. Einmal im Monat veranstalten sie einen „Weiß-braunen Kaffeeklatsch“ im Fanladen des FC St. Pauli. Dort wird neben einem zwanglosen Austausch anderen Betroffenen, Suchtausstiegswilligen, Angehörigen, Betreuern und sonstigen Interessierten die Möglichkeit gegeben, mit den Mitgliedern – auch anonym – zu sprechen.

Darüber hinaus besuchen WBKLer regelmäßig Entgiftungsstationen von Hamburger Krankenhäusern, um Akutpatienten über die Teilnahme an Selbsthilfegruppen, sinnvolle Freizeitbeschäftigung nach Entgiftung, Langzeittherapie und Nachsorge zu informieren. Dadurch solle Betroffenen gezeigt werden, dass „zufriedene Abstinenz“ nicht nur eine therapeutische Floskel ist, sondern mit viel Lebensfreude verbunden sein kann. Ziel der geplanten Kampagne ist, für das Motto „Fußball geht auch komafrei“ eine breitere Basis zu finden.

Es kommen auch Menschen ohne Suchtprobleme

Ursprünglich handelte es sich bei den WBKlern um eine Selbsthilfegruppe ausschließlich für alkoholkranke Menschen, doch in den letzten 20 Jahren sind auch andere Mitglieder dazugekommen aus den Bereichen polytoxer Konsum (Konsum mehrerer schädlicher Substanzen), Doppeldiagnose (Depression und Suchtmittelmissbrauch) oder Spielsucht, aber auch Menschen ohne Suchtproblematik, die Fußball in der Gruppe ohne Suchtmittel erleben möchten.

Die Corona-Krise habe die Arbeit in der Selbsthilfegruppe „komplett verändert“, sagt Michael Krause. Doch die Mitglieder halten untereinander Kontakt, über Facebook, per E-Mail oder Telefon. „Bei uns gibt es zum Glück keine besondere Dramatik“, sagt Krause, „aber von anderen Suchtkranken aus meinem Umfeld weiß ich, dass viele arg verzweifelt und rückfallgefährdet sind.“ Er hofft, bald wieder loslegen zu können mit der Hilfe im persönlichen Kontakt – gut gerüstet durch das finanzielle Polster des Selbsthilfepreises. Die Preisverleihung dazu findet nun am 27. Oktober im „Haus des Sports“ statt.

Info: www.weiss-braune-kaffeetrinker.de