Bildungsprojekt

So werden Migranten fit für den Arbeitsmarkt

Bei Bin e.V. zeigt Coach Esther Schweizer Migrantinnen, wie sie sicher auftreten beim Bewerbungsgespräch

Bei Bin e.V. zeigt Coach Esther Schweizer Migrantinnen, wie sie sicher auftreten beim Bewerbungsgespräch

Foto: Bin e.V./Sarah Smadi

Der Verein Bin engagiert sich für die berufliche Integration von Arbeitssuchenden, berät sie und organisiert Jobcoaching-Workshops

Nouria Hussein klopft an die Tür, tritt ein und stellt sich vor, sagt ihren Namen und dass sie eine Ausbildung als Erzieherin machen möchte. Es ist eine Übung für den „Ernstfall“: das Vorstellungsgespräch bei einem möglichen Arbeitgeber. Ihr Publikum sind vier weitere junge Teilnehmerinnen des Jobcoaching-Workshops „Wie wirke ich?“, den Esther Schweizer ehrenamtlich in den Räumen von Bin e. V. in Eilbek durchführt.

In dem Verein werden Migranten und Migrantinnen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren über die Dauer von etwa sechs Monaten beraten und fit gemacht für den Arbeitsmarkt. „Der erste Eindruck zählt, sagt man gern in Deutschland, aber ich sage Ihnen: Viel wichtiger ist der letzte Eindruck, den ich hinterlasse“, erklärt Coach und Trainerin Schweizer. Sie übt mit den Frauen, langsam, laut und deutlich zu sprechen, korrigiert die Haltung und gibt Tipps für einen selbstbewussten „Auftritt“.

Die Fallstricke der Integration

Die Gründerin des Vereins, Fakhria Menzel (40), kennt die Fallstricke bei der Integration aus eigener Erfahrung. Als Jugendliche emigrierte sie mit ihren Eltern aus Afghanistan nach Deutschland. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie zunächst zwölf Jahre als Chemisch Technische Assistentin. „Aber erst als ich danach noch Betriebswirtschaft studiert hatte, wurde mir klar, wie viel mehr Türen sich mit einer guten Bildung öffnen“, sagt die Vorstandsvorsitzende von Bin e. V. Das Kürzel „Bin“ bedeutet „Berufliche Integration“.

Die Workshops bei Bin e. V. werden nach Geschlechtern getrennt abgehalten. Politik und Religion seien aber kein Thema, sagt Fakhria Menzel. „Wir nehmen keine Rücksicht auf Gebetszeiten, das ist in der Arbeitswelt auch nicht erlaubt. Unsere Teilnehmer aus zwölf verschiedenen Nationen müssen sich anpassen, genauso wie unsere Mitarbeiter.“

Mit Kopftuch gibt es berufliche Einschränkungen

Kulturelle Unterschiede bleiben bei einigen trotzdem Bestandteil ihres Lebens, und so geht es oft um die Frage: „Wie kann ich mit Kopftuch eine Stelle bekommen?“ Man müsse das realistisch sehen, sagt Fakhria Menzel, diese Frau könne dann nicht überall einen Arbeitsplatz finden. In Krankenhäusern, Küchen oder Apotheken sei das möglich, am Empfang eines Hotels eher nicht.

Etwa 40 Prozent der von Bin e. V. Geförderten haben gar keine Qualifikation, 40 Prozent einen Schulabschluss und 20 Prozent können berufliche/akademische Abschlüsse vorweisen. Unter den Ratsuchenden finden sich auch junge Mütter, die in Deutschland geboren wurden, aber keinen Bildungsabschluss erreichten.

Rund 60 Firmen sind bei dem Projekt auf der Liste

Etwa 60 Firmen in Hamburg – zum Beispiel aus Bereichen wie Projektmanagement, Altenpflege, Gastronomie, Lageristik oder Wäscherei – sind auf die Zielgruppe von Bin e. V. eingestellt, dorthin werden die Teilnehmerinnen vermittelt und dann weiterhin vom Verein betreut. Diese Begleitung ist noch wichtiger als die Vermittlung, damit die Probezeit erst einmal bestanden wird. Manchmal teilen sich zwei Teilnehmerinnen eine Arbeitsstelle, weil eine allein nicht alle Aufgaben übernehmen kann, zum Beispiel wegen der Sprachbarriere oder weil sie vorher noch nie auf dem Arbeitsmarkt tätig war.

Auch für Noura Hussein ist zunächst eine Weiterbildung wichtig, obwohl die 39-Jährige in ihrem Heimatland Syrien Buchhalterin bei einer Bank war und jahrelang Oberstufenschüler am Computer unterrichtet hat. Priorität hat für sie zunächst eine Ausbildung, auf der sie aufbauen kann. Deshalb war sie am Tag vor dem Workshop gemeinsam mit ihrer Gruppe auf einer Messe für „Erzieherin, Erzieher, sozialpädagogische Fachkräfte“ bei der Agentur für Arbeit Hamburg.

Individuelle Hilfe wird groß geschrieben

Bin e. V. hilft individuell, es gehe darum, die Fähigkeiten und Interessen des Einzelnen herauszufinden, sagt Fakhria Menzel. „Wir gucken uns den Menschen an und fragen, was bringt er mit?“ Die Mitarbeiter des Vereins besprechen mit jedem Einzelnen, welche Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt er oder sie hat, welche Berufe geeignet sind und wie die Vorbereitung darauf aussehen könnte.

Frauenprojekte mit Sprachförderung und beruflicher Bildung sind dabei ein Schwerpunkt. Auch unterstützt Bin e. V. bei der Kommunikation mit Behörden und dem Jobcenter. Bewerbungen werden gemeinsam geschrieben, Fotos dafür gemacht. Der Verein vermittelt Ausbildungsplätze sowie Stellen und informiert die Arbeitgeber über Flüchtlingsthemen wie „Was können die Flüchtlinge leisten?“, „Welche staatliche Unterstützung erhält der Arbeitgeber?“ und erklärt die rechtliche Situation der Migrantinnen und Migranten, die Ursachen der Flucht und welche Bedürfnisse sie haben.

Spenden für den Verein sind willkommen

Unterstützung nicht nur von den „tollen Ehrenamtlichen, Coaches und Mentoren“ sei für den Bildungsträger Bin e. V. unabdingbar, sagt Fakhria Menzel. Denn nicht alle Migranten bekommen einen Bildungsgutschein – etwa die Hälfte der bei dem gemeinnützigen Verein Ratsuchenden hat gar keinen Anspruch auf staatliche Hilfe.

Deshalb sind auch Spenden immer hochwillkommen. Ob Sprachförderung, Vorbereitung von Anerkennungsverfahren, berufliche Qualifizierung oder Bildung zu Themen wie Umwelt und Gesundheit, Bin e. V. gibt praktische Lebenshilfe für den Alltag. „Die Migranten alleine schaffen die Integration nicht“, sagt Fakhria Menzel, „hier dürfen sie sich zu Hause fühlen und sich entfalten.“

Kontakt: Tel. 040/ 53 54 90 03, E-Mail: info@bin-ev.hamburg. Weiter Infos unter www.bin-ev.hamburg