Kirchen-Jubiläum

„Die alte Dame“ wird 100: Kindheit unterm Kirchturm

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Das Jubiläum der Auferstehungskirche wird am 10. Mai mit einem Gottesdienst gefeiert

Das Jubiläum der Auferstehungskirche wird am 10. Mai mit einem Gottesdienst gefeiert

Foto: Artus

Die Auferstehungskirche in Barmbek feiert ein besonderes Jubiläum. Eine Festschrift erzählt von den Kindern, die im Pastorat lebten

Weißt du noch, der Apfelbaum?“, fragt Sigrid Mumssen (71) ihre Schwester Sabine. Der Obstbaum stand im Garten des Pastorats der Auferstehungskirche im Tieloh in Barmbek-Nord. Das Pastorat war das Zuhause der beiden Töchter von Pastor Hans Mumssen. Gemeinsam mit ihren zwei Brüdern wuchsen sie in den 50er-Jahren dort auf. Damals wurden die Mumssen-Kinder von den Barmbeker Straßenkindern heiß beneidet: Der verwunschen wirkende Garten hinter dem schmiedeeisernen Tor war ein Sehnsuchtsort.

Die Auferstehungskirche wird am 16. Mai 2020 hundert Jahre alt. Viele Pastorenkinder sind in dieser langen Zeit im oder am Pastorat groß geworden. Einige von ihnen haben ihre Geschichten für die Festschrift der Gemeinde erzählt. Denn Pastorenkinder sind etwas Besonderes, ob sie wollen oder nicht. Durch die Rolle der Eltern werden an sie andere Maßstäbe angelegt als an andere Kinder.

Der erste chinesische Pastor in Deutschland

Natürlich habe er als der Sohn des Pastors unter Beobachtung gestanden, erzählt der Grünen-Politiker Martin Bill (37), Sohn des Pastors Reinhold Bill. „Ich sollte höflich grüßen und keinen Blödsinn machen.“ Lisa Tsang (60), älteste Tochter von Alvin Tsang, dem ersten chinesischen Pastor in Deutschland, war in ihrer Schule am Anfang zusammen mit einem türkischen Jungen das einzige ausländische Kind. „Wohnst du unter dem Altar?“ Fragen wie diese gehörten damals für sie zu ihrem Schulalltag. „Die anderen Kinder dachten wohl, bei uns gehe es sehr, sehr fromm zu.“

Die Mumssen-Schwestern träumten von der verbotenen Freiheit hinterm Tor zur Straße. Davon hielt der strenge Vater, Pastor Hans Mumssen, wenig. Er mochte das Leben auf dem Präsentierteller gar nicht: Deshalb musste die Familie die Sommer auf der Terrasse verborgen hinter großen Sonnenschirmen verbringen. Doch eine Kindheit unterm Kirchturm eröffnet auch Möglichkeiten, die anderen verwehrt bleiben.

Für Generationen von Pastorenkindern an der Auferstehungskirche waren Kirche und Gemeindehaus, Garten und Pastorat in den letzten 100 Jahren Abenteuerspielplatz und Zuhause zugleich. „Ich habe hier das Denken gelernt“, sagt Martin Bill und wusste schon damals sehr wohl zu schätzen, dass er sein Training im geliebten Kunstradfahren kurzerhand in den großen Gemeindesaal verlegen konnte, wenn das Training in der Turnhalle ausfiel.

Der verwunschene Garten war Rückzugsort

Für die Mumssen-Kinder war der Garten ein großes Glück. „Es gab eine Sandkiste und ein Karussell“, erinnert sich Sabine (61). Beides ist längst verschwunden – wie der Apfelbaum. Doch den schönen verwunschenen Garten gibt es nach wie vor. „Manches Fest wurde hier gefeiert“, erzählt Stefan Thum. Sein Vater war von 1954 bis 1977 Kirchenoberinspektor. „Für mich war es ganz normal, dass mein Vater zur Arbeit in die Kirche ging“, erinnert sich der 53-Jährige.

Der Kirchenbeamte Werner Thum war aus vielen Gründen eine feste Größe in der Gemeinde. Dass er auf den Basaren jahrzehntelang die legendäre Weinbar führte, war einer der Gründe dafür. Die Bar hat Stefan Thum vor einigen Jahren übernommen: „Seither bin ich der Wirt der Auferstehungskirche“, sagt der Lehrer lachend.

Die Kirche ist eine echte Barmbekerin, eng mit dem Stadtteil verbunden

Die Kirche, von Bischöfin Kirsten Fehrs respektvoll „die alte Dame“ genannt, ist eine echte Barmbekerin. Bodenständig, geradlinig und ihrem Quartier verbunden. In den 100 Jahren hat sie viel erlebt. Geplant wurde sie von einem Freigeist, dem Architekten Camillo Günther, noch im romantischen Stil der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Sein Tribut an die Moderne, die Verwendung von Beton, rettete sie im Zweiten Weltkrieg: Während Barmbek rundum in Trümmern lag, hielt die Kirche stand, ein Zeichen der Hoffnung.

Das konnten die Barmbeker gut gebrauchen. Viele Hamburger teilten das Schicksal der Familie von Gerhard Wilke. 1933 wurde er Pastor an der Auferstehungskirche. Dass der liberal denkende Vater mit versteckten Andeutungen gegen Partei und Krieg predigte, sei ihm wohl zum Verhängnis geworden, glaubt seine Tochter Uta Schroeder: „So einer gehörte an die Front.“

1941 wurde er eingezogen, 1943 als verschollen gemeldet. Die Mutter versank in eine schwere Depression, die sie zeitlebens begleitete. Der Verlust des Vaters, die nicht verarbeitete Trauer wirkte in Uta Schroeders Leben lange nach. 1989 gründete die Sozialpädagogin Charon, eine Beratungsstelle für schwer kranke, sterbende und trauernde Menschen.

„Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen – es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen“, sagt die 84-Jährige. In den Pastoraten werden Weichen fürs Leben der Kinder gestellt – je nach Umständen, Zeitgeist und Möglichkeiten.

Lisa Tsang, heute Pastorin an der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi, hat als Teenie die politischen und theologischen Diskussionen mit ihrem Vater genossen. „Mein Vater war sehr informiert. Wir konnten uns prima in der Sache streiten, aber immer mit großem gegenseitigen Respekt.“

Politik, Atomkraft und Feminismus waren Themen beim Abendbrot

Lebhaft ging es auch zu bei Familie Bill am Abendbrottisch. Pastor Reinhold Bill war wie seine Frau Johanna ein Kind der 68er-Bewegung. „Wir haben zu Hause über Atomkraft, die Frauenbewegung und den Frieden diskutiert“, erzählt Martin Bill. Oft sei jemand an der Tür gewesen, „manchmal auch Bettler. Denen habe ich dann ein Butterbrot gemacht. So habe ich alle gesellschaftlichen Gruppen kennengelernt.“ Das prägt: Seit 2001 ist Martin Bill Parteimitglied der Grünen und mittlerweile verkehrspolitischer Sprecher und stellvertretender Landesvorsitzender.

Dass Pastor Bill in einer Mitternachtsmesse zu Heiligabend Dias aus Brokdorf zeigte, imponierte Stefan Thum als Teenager sehr. Seine Mutter fand das weniger gut, ihr war das alles viel zu politisch. Doch die Bills und die Thums waren Nachbarn und so wurde der Streit auch bald wieder begraben. Die Pastoren und ihre Familien waren Stefan Thum schon früh vertraut, erzählt er. Das Leben am Tieloh ist auch heute noch ein bisschen wie auf dem Dorf. Martin Bill war mal einer seiner Schüler, „der war ganz pfiffig“, sagt der Lehrer und grinst. Aber dass die Töchter von Pastor Mumssen ihn als Baby baden durften, daran hat Stefan Thum beim besten Willen keine Erinnerung mehr.

Am 10. Mai ist die Auferstehungskirche, Tieloh 22, von 15 bis 20 Uhr geöffnet. Die Festschrift gibt es für 10 Euro in der Kirche oder bei der Buchhandlung Hoffmann, Fuhlsbüttler Str. 106.