Appell

In Zeiten von Corona: Liebe Senioren, nehmt unsere Hilfe an!

Es ist für alle besser, wenn Ältere zu Hause bleiben und durch Jüngere versorgt werden

Es ist für alle besser, wenn Ältere zu Hause bleiben und durch Jüngere versorgt werden

Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Nachkriegsgeneration ist es nicht gewöhnt, Unterstützung von außen anzunehmen. Doch die Jüngeren sorgen sich.

Hamburg. In dieser Woche habe ich mit meiner Mutter geschimpft, sehr laut, über das Telefon. Das hatte ich zuletzt als Jugendliche getan. Aber ich habe mich so darüber aufgeregt, dass sie nach draußen gegangen war, um Tulpen zu kaufen. „Sind Tulpen wichtig? Kapierst du nicht, dass du zur Hochrisikogruppe gehörst? Du musst zu Hause bleiben!“, herrschte ich sie an, nachdem ich zuvor schon meinen 83 Jahre alten Vater kritisiert hatte, dass er meine Mutter hatte gehen lassen.

Meine Mutter reagierte so wie vermutlich jeder nach einer solchen Ansprache: verletzt und abweisend. Sie ist 80 Jahre alt, gesund, voller Vitalität und konnte nicht verstehen, dass die Corona-Pandemie genau sie etwas angeht. „Ich brauche diese Blumen für meine Seele“, sagte sie und legte auf. Es ist schwer für mich, die Sorge um meine Eltern in den Griff zu bekommen, solange ich mir nicht sicher bin, dass sie tatsächlich auch in ihrem Haus bleiben. Ich wohne 700 Kilometer entfernt und habe mit meinem Bruder gesprochen. Er wohnt um die Ecke, er wird für sie einkaufen. Meine Eltern haben Glück im Unglück, Kinder und Enkel sorgen für sie und kümmern sich, und sie haben einander, sie sind zu zweit.

Im Supermarkt sind überwiegend alte Menschen

Als ich einkaufen gehe, fällt mir auf, dass im Supermarkt überwiegend alte Menschen sind. Viele Frauen, alleine. Eine sehr alte Frau, die in ihren Rollator ein paar Sachen gepackt hat, spreche ich an. Sie sei 90 Jahre alt, sagt sie stolz. Ich sage: „Es wäre besser, wenn Sie zu Hause wären. Dort ist es für Sie sicherer.“ Sie antwortet, dass sie doch Lebensmittel brauche. Spontan beschließe ich, für sie künftig einzukaufen, sage ihr das, gebe ihr meine Telefonnummer und notiere ihre. Ich bin im Homeoffice, sie wohnt um die Ecke, für mich ist es kein Problem, ihr Lebensmittel vorbeizubringen. Einen Moment überlege ich, ob das jetzt übergriffig ist.

Da bekomme ich mit, dass die Fleischfachverkäuferin auch eine alte Dame anspricht. „Sie sollten nicht hier sein“, sagt sie. Die Frau antwortet resolut: „Ich bin immun gegen das Virus, das trifft mich nicht.“ Innerlich werde ich schon wieder ärgerlich, die Verkäuferin hingegen reagiert verständnisvoll und erzählt von ihren Eltern, die genauso dächten, aber dass es jetzt wichtig sei, umzudenken.

Mechanismus der Verdrängung

Ein Mann mischt sich ein und sagt: „Ich bin 81 Jahre alt, ich stehe auch auf der Abschussliste“, und erntet damit ein paar Lacher. Den Witz finde ich in dem Moment auch nicht schlecht, doch dann denke ich an die Worte einer Psychologin in einer der letzten Talkshows. Sie sprach von dem Mechanismus der Verdrängung, dass das Gehirn nicht akzeptieren möchte, was gerade passiert.

Zu Hause warten mein Mann und mein Sohn auf mich, ich habe meine Lieben um mich geschart, ich habe persönliche Ansprache, Netflix, Facebook, Internetzugang und jede Menge Freunde, die ich anrufen kann. Wen hat wohl die 90-Jährige? Sie habe kein Handy, hat sie erzählt, auch kein Internet, so gut kann sie ja auch nicht mehr sehen.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Hände waschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Unsere Generation kennt keine Unsicherheit

Mein wunderbarer Nachbar arbeitet im Garten, er ist auch in den Achtzigern. Mein Mann unterhält sich mit ihm über die breite Hecke hinweg. Wir fragen ihn, ob wir etwas für ihn tun können. Doch er hat schon vorgesorgt. „Ich bin vorsichtig, habt keine Angst, das ist ein schlechter Begleiter. Aber ich kenne es auch, dass wir nichts zu essen hatten“, sagt er. Unweigerlich kommen wir auf den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit zu sprechen. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat gesagt: „Wir haben Krieg“, doch es fühlt sich anders an, die Bombe ist nicht sichtbar oder fühlbar, sie lauert irgendwo.

Was da ist, ist die Unsicherheit, nicht mehr auf alle Fragen der Kinder Antworten zu wissen, die Kontrolle über das eigene Leben ein Stück weit abgeben zu müssen. Es ist ein Ausnahmezustand, der gerade erst beginnt. Mein Schwager ruft häufig an. Er hat Existenzängste, alles, was er sich aufgebaut hat, wankt. Unsere Generation kennt kaum Unsicherheit im Leben, wir erlebten bisher nur Wohlstand, Frieden und dass fast alles möglich ist, wenn man genügend Geld hat. Mein Nachbar sagt, dass diese Situation vielleicht auch etwas Gutes hat: dass Menschen bescheidener werden, zum Nachdenken kommen, zu sich selbst, der eilige Geist zum Ruhen verdammt ist. In mir ist jedoch noch nichts ruhig.

Die Alten sind die Stütze der Gesellschaft

Mehrere Spaziergänger gehen auf der Straße an unserem Grundstück vorbei. Eine Frau bleibt stehen, ich kenne sie flüchtig, wir haben uns ein paar Mal in der S-Bahn unterhalten, weil sie regelmäßig zum Sport in Richtung Innenstadt fährt. Sie ist vermutlich Ende 70, schlank, schick gekleidet und gepflegt. Mit einem Blick auf ihre Einkaufstüte sage ich: „Bleiben Sie doch zu Hause, ich bin im Homeoffice, darf ich für Sie die nächsten Wochen einkaufen?“ Sie schaut mich irritiert an, sagt, das finde sie ganz zauberhaft, aber sie komme gut alleine zurecht.

Sie ist es nicht gewöhnt, Hilfe von außen anzunehmen, denke ich, wie auch viele ältere Menschen, die ich durch meiner Arbeit im Ressort „Von Mensch zu Mensch“ kenne. Es ist diese Generation, die zu Recht stolz auf das ist, was sie aufgebaut und geleistet hat, die so selbstständig und aktiv ist. Unter ihnen sind viele Ehrenamtliche, die Engel der bedürftigen Kinder und Familien und dadurch eine Stütze der Gesellschaft. Und plötzlich sollen sie selbst Hilfe annehmen?

Ein Mensch kann drei Nachbarn mit Lebensmitteln versorgen

Mein Mann und ich gehen vorsichtig vor, er ist Arzt und erklärt der Frau, dass sie wegen ihres Alters leider zur Hochrisikogruppe gehöre und warum es deswegen so wichtig sei, dass sie in der Wohnung bleibe. „Wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt“, hat auch Kanzlerin Angela Merkel gesagt. Die Frau gibt sich einen Ruck. „Also gut, dann freue ich mich über das Angebot und nehme es gern an.“ Wir tauschen Telefonnummern. Ihr fällt ein, dass ihre Cousine auch gefährdet ist. „Sie hat es mit der Lunge, kann ich ihr Ihre Nummer geben?“, fragt sie. Gerne stimme ich zu, es ist ja alles um die Ecke.

Ein infizierter Mensch kann drei Menschen anstecken, das ist das der negative Rechenbeispiel. Aber ein Mensch kann auch drei Nachbarn mit Lebensmitteln versorgen, das ist dann das positive Rechenbeispiel. Mit meiner Mutter habe ich mich natürlich wieder versöhnt, sie hat im Nachhinein verstanden, dass ich mir Sorgen mache und deswegen so panisch reagierte. Ja, wir Kinder, Enkel, wir Nachbarn und Mitmenschen machen uns Sorgen – um die, die wirklich gesundheitlich gefährdet sind. Bitte verzeiht, wenn wir deswegen auch mal überreagieren – und bitte, nehmt unsere Hilfe an. Es ist auch unsere Chance, eurer Generation etwas zurückzugeben.