Ein Topmanager leitet das CaFée mit Herz auf St. Pauli

Cafée mit Herz-Geschäftsführer Jan Marquardt Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

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Jan Marquardt kündigte seinen Job, weil er sich sozial in Hamburg engagieren wollte. Zuvor war er Europa-Chef einer großen US-Firma

Nach 33 Jahren, in denen er ständig rund um den Globus geflogen war, einer 60-Stunden-Woche, die ihn zunehmend erschöpfte, machte Jan Marquardt einen Schlussstrich unter seinen Job als hoch bezahlter Europa-Chef einer US-Firma. „Ich fragte mich, ob das weiterhin mein Leben sein sollte, ich wollte keine Energie und Kraft mehr für diesen Job investieren, sondern der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagt der sympathische Geschäftsführer des CaFée mit Herz e.V.. Seit September 2019 ist er Chef des „sozialen Hafens“ an der Seewartenstraße auf St. Pauli. Dort werden täglich bis zu 350 Gäste, vor allem Obdachlose, kostenlos mit Speisen, Getränken und Kleidung versorgt. Ehrenamtliche Helfer unterstützen bei Behördengängen, stehen für Gespräche zur Verfügung.

Auslöser für die komplette Umorientierung in den sozialen Bereich, war für den 58-Jährigen ein Praktikum bei der Bahnhofsmission in Elmshorn vor vier Jahren. „Ich war nach der Woche auch erschöpft, aber es fühlte sich gut an“, sagt der dreifache Vater, der auch schon drei Enkelkinder hat. Er fing an darüber nachzudenken, wie er seine letzten Berufsjahre verbringen sollte, und kündigte seine Arbeit 2017.

In seinem Sabbatjahr arbeitete er in der Seemannsmission

Zunächst wollte Marquardt nur ein Sabbatjahr machen und arbeitete ehrenamtlich im Duckdalben im Hamburger Hafen, betreute in der Seemannsmission internationale Seeleute. „Das war so eine ganz andere Welt, für viele diese Seemänner ist das wie ein Zuhause. Ich habe da gelernt, empathisch zuzuhören, nicht gleich mit 100 Ratschlägen zu kommen. “ Berührungsängste hatte der Manager nie – „ich habe auch schon vorher genauso locker mit Menschen im Blaumann wie mit Schlipsträgern sprechen können“.

Als im Duckdalben ein Sozialbetreuer länger krank wurde, sprang Jan Marquardt für ihn kurzfristig ein, arbeitete wieder 40 Stunden – und genoss sie aus vollen Zügen. Danach waren seine Weichen gestellt, für ihn gab es kein Zurück mehr in die alte Arbeitswelt.

Heute verdient er 20 Prozent seiner früheren Bezüge

Als im Mai vergangenen Jahres dann ein Geschäftsführer für das CaFée mit Herz gesucht wurde, bewarb er sich. Der Vorstand des Vereins suchte einen Mann mit Lebenserfahrung, Betriebswirtschaftskenntnissen und Führungserfahrung. Das Gehaltsangebot entsprach rund 20 Prozent seiner früheren Bezüge.

„Das war mir egal, auf das Geld kam es nicht an. Ich habe gut verdient, mein Haus ist abbezahlt, die Kinder aus dem Haus“, sagt Marquardt lachend. Nun ist er für fünf Mitarbeiter und rund 50 Ehrenamtliche zuständig, bezeichnet sich „als Mädchen für alles“, weil er zwischendurch auch mal beim Zwiebel schälen und Erbsen pulen hilft.

Er mag die Vielfalt der Arbeit, mit Menschen zu arbeiten, „etwas zu bewegen und Obdachlosen durch Beratung, eine Perspektive zu geben. Wenn hier einer verdreckt reinkommt, sich duscht, neue Kleidung bekommt und dann mit Würde rausgeht, geht mir das Herz auf“, sagt Marquardt.

Das CaFée mit Herz ist auf Spenden angewiesen und benötigt immer gut erhaltene Kleidung, die in der Seewartenstraße 10 abgegeben werden kann. Infos. www.cafeemitherz.de