Hilfe für Blinde

Beratung , wenn die Augen schwächer werden

Der sehbehinderte Hans Appel zeigt ein spezielles Smartphone für Blinde

Der sehbehinderte Hans Appel zeigt ein spezielles Smartphone für Blinde

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Viele Menschen leiden im Alter an einer Makuladegeneration. Für sie ist der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg eine wichtige Anlaufstelle

Mit sicheren Schritten geht Hans Appel im Versammlungsraum des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg e. V. (BSVH) auf seinen Stuhl zu und klappt dann seinen Langstock zusammen. „Der Stock ist mein Kampfgeschirr“, sagt er, „er ist das wichtigste Hilfsmittel. Damit werde ich erkannt und man geht mir auch in großen Menschenmengen aus dem Weg.“

Der 77-Jährige ist blind geworden durch eine altersbedingte Makuladegeneration, eine Augenerkrankung, an der zunehmend mehr Menschen in Deutschland leiden. Im BSVH werden seit dem vergangenen Jahr deshalb außer Blinden und Sehbehinderten auch Augenerkrankte als Mitglieder aufgenommen, die laut ärztlicher Diagnose voraussichtlich immer schlechter sehen werden.

Kerngedanke war immer die Selbsthilfe

Auch um diese große Gruppe der Menschen mit Sehproblemen zu erreichen, veranstaltet der Verein zum „Tag der Sehbehinderten“ am 6. Juni unter der Schirmherrschaft von Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) ein großes Straßenfest. Im Haus des BSVH, dem Louis-Braille-Center in Barmbek-Süd, gibt es Führungen, die Besucher können Angebote des Vereins kennenlernen sowie Sportarten für Sehbehinderte ausprobieren.

„Kerngedanke der Gründer des Vereins im Jahr 1909 war die Selbsthilfe“, sagt Heiko Kunert, Geschäftsführer des BSVH, „und die ist weiterhin am wichtigsten.“ Aus der kleinen Gruppe von damals wurden 20 Mitarbeiter, 70 Ehrenamtliche, die im Verein tätig sind, und 25 Mitarbeiter in einem gemeinnützigen Hotel in Timmendorfer Strand. Inzwischen hat der BSVH 1200 ordentliche Mitglieder.

Ein spezielles Smartphone hilft bei der Kommunikation

Hans Appel ist seit sechs Jahren Mitglied im Verein und fühlt sich dort „zu Hause“. Jedes Jahr fährt er für eine Woche in das Vereinshotel und tauscht sich dort mit andere Betroffenen aus. In Hamburg hilft er BSVH-Mitgliedern bei der Nutzung ihres iPhones. „Blinde und Sehbehinderte wollen genauso wie alle kommunizieren“, sagt Appel, „nur Fotografieren ist natürlich kein Thema mehr.“ Das iPhone ist speziell mit Funktionen ausgestattet, die Blinden nützen. Das Gerät kann beschreiben, was auf dem Smartphone passiert, E-Mails vorlesen, Befehle ausführen, zum Beispiel jemanden anrufen.

Die Lupe ist ein digitales Vergrößerungsglas. „Ich betreue die Anfänger, richte für sie alles individuell ein“, sagt Appel, „jeder kann den Umgang damit lernen. Meine älteste ,Schülerin‘ ist 93 Jahre alt.“ Zunächst seien die meisten zwar oft mutlos, aber dann freuten sie sich umso mehr über die schnellen Erfolge mit den Sprachfunktionen und Apps.

Heiko Kunert empfiehlt jedem Betroffenen, sich frühzeitig mit den Folgen einer Sehbehinderung auseinanderzusetzen, sagt aber, dass „zu viele Erkrankte nicht zur Beratung kommen. Oft sind es erst mal Angehörige, die sich an uns wenden. Das ist verständlich, weil die Patienten zunächst traumatisiert sind, wenn sie vom Arzt hören: ,Sie können bald weniger sehen.‘“

Ohne Information und Training jedoch werde das Leben für Sehbehinderte zunehmend belastender. „Die Leute geben sich dann auf, vereinsamen zu Hause, weil sie sich nicht mehr trauen rauszugehen“, sagt der 43-Jährige.

Rechtzeitige Beratung helfe auch den Familien und Ehepartnern, die mit der alltäglichen Verantwortung für den Erkrankten schnell überfordert sein können. Aus eigener Erfahrung weiß Heiko Kunert, der als Grundschüler erblindete: „Mit der Zeit gewinnt man wieder Zuversicht und überwindet das Gefühl ,Ich bin allein mit dem Problem.‘“

Der Verein hilft, sich im Alltag besser zurechtzufinden

Wenn jemand einen Sehverlust erleidet und sein Leben neu aufbauen muss, gibt es bisher keine Reha-Maßnahme wie bei anderen Erkrankungen. So etwas müsse unbedingt entwickelt werden, fordert der BSVH. Der Einstieg in die neue Lebenssituation kann mithilfe des Vereins leichter gelingen. Der „Kompakt-Kurs für Neu-Betroffene“ des BSVH beispielsweise ist für den Anfang gedacht – auch für Berufstätige, die lernen müssen, wie sie mit ihrer Seheinschränkung weiterarbeiten können.

Innerhalb von zehn Wochen vermitteln eine Senioren- und eine Sozialberaterin Kenntnisse und sprechen mit den Teilnehmern über Hilfsmittel und Anträge dafür, rechtliche Fragen oder psychische Belastungen. Außer Beratung oder dem Üben mit dem Stock gibt es beim BSVH Resilienzkurse, Ausflüge für Senioren, eine Schachgruppe, einen Runden Tisch für Angehörige, wohnortnahe Stammtische in vielen Stadtteilen, eine Theatergruppe und Gymnastik, Yoga oder Tischball.

Der BSVH setzt sich für barrierefreie Websites ein

Beratung, klassisches Vereinsleben und Interessenvertretung sind die drei Säulen des BSVH. Ebenso wie für seine Mitglieder ist der Verein für die gesellschaftliche Teilhabe von Blinden- und Sehbehinderten im Dauereinsatz – so wurden die Infobroschüre für die Bürgerschaftswahl im Radiostudio des Louis-Braille-Centers eingelesen und Wahlschablonen vorbereitet. Der BSVH ist Prüfstelle für barrierefreie Websites und setzt sich dafür ein, im öffentlichen Raum Erschwernisse zu beseitigen, indem zum Beispiel Markierungen in kontrastreichen Farben an Stufen angebracht oder Lautsprecheransagen und Ampelanlagen verbessert werden.

Im Umgang mit Sehenden gibt es ebenfalls noch Raum für Fortschritt. „Die größte Barriere ist die Unsicherheit der Leute“, sagt Heiko Kunert, „wir wollen einfach genauso behandelt werden wie andere auch.“ Der studierte Politikwissenschaftler mit einer Weiterbildung zum PR-Berater erlebt es noch immer, dass nicht er angesprochen wird, sondern seine Begleitperson. „Der Friseur fragt meine Frau: ,Wie sollen seine Haare geschnitten werden?‘ oder der Arzt: ,Welche Beschwerden hat er denn?‘.“ Kunert wünscht sich: „Sprecht mit uns! Und fragt einfach, ob Hilfe nötig ist.“

Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e. V., Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26, Info: www.bsvh.org, E-Mail: info@bsvh.org, Tel. 209 40 40