Biografiearbeit

Erinnerungen, die zu Biografien werden

Inken Kahlstorff (r.) hat die Biografie von Ingrid Kraus aufgeschrieben.

Inken Kahlstorff (r.) hat die Biografie von Ingrid Kraus aufgeschrieben.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Ehrenamtliche Interviewerinnen besuchen Senioren in Pflegeeinrichtungen und schreiben ihre Lebensgeschichte auf

Dass Ingrid Kraus (Name geändert) einmal die eigenen „Memoiren“ in Form einer fast 50-seitigen Broschüre in Händen halten würde, hätte sich die 86-Jährige nie träumen lassen. „Ich war eine schöne Frau“, sagt die Bewohnerin der Einrichtung Pflegen & Wohnen Lutherpark mit Blick auf das Coverfoto, das sie als 20-Jährige zeigt. „Und ich hatte ein interessantes Leben. Als ich von diesem Projekt gehört habe, wollte ich unbedingt daran teilnehmen.

Dabei habe ich zuallererst an meine Kinder gedacht: Sie wissen nicht viel über meine Kindheit, die mich erst zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.“ Zwei Monate lang besuchte die Literaturwissenschaftlerin Inken Kahlstorff (47) im Rahmen des Biografiearbeit-Projekts „Erzähl mir deine Geschichte – ich schreibe sie auf“ ehrenamtlich einmal wöchentlich die alte Dame in ihrer Nachbarschaft, um ihre Lebenserinnerungen aufzuzeichnen.

Das Buchprojekt schafft eine große Nähe

Die beiden sprachen über Ingrid Kraus’ glückliche Kindheit im westpreußischen Marienwerder, die Flucht bei Kriegsende und den Neubeginn der Familie in Düsseldorf. Lebhaft erinnerte sich Ingrid Kraus daran, wie sie ihren späteren Ehemann beim Tanzen kennenlernte und schließlich drei Kinder ihr Glück vollkommen machten. Besonders nahe ging der Seniorin, vom frühen Verlust des Vaters zu Kriegszeiten und dem Tod des Ehemannes zu berichten.

„Beim Erzählen hatte ich alle Erlebnisse genau vor Augen. Und alle Gefühle waren wieder da“, sagt Ingrid Kraus. „Manchmal war ich traurig. Aber ich habe mich auch daran erinnert, wie viel Liebe ich in meinem Leben bekommen habe. Das hat mich stark gemacht.“ Inken Kahlstorff schrieb nach ihren Besuchen die Tonaufnahmen ab und gab den Erinnerungen Struktur, ohne den Originalton zu verändern. Dann las sie Ingrid Kraus die erste Fassung ihrer Lebensgeschichte vor und nahm Korrekturwünsche in den Text auf. Das aufwendige Projekt, das große Nähe zwischen beiden Frauen geschaffen hat, erfüllt auch die Ehrenamtliche mit Freude.

Organisiert wird die Initiative vom Kirchenkreis Hamburg-West

„Ich habe von Frau Kraus ganz viel erfahren und gelernt. Wann sonst widmet man sich so ganz dem Zuhören und erfährt am Stück so viel Privates über einen Menschen?“, sagt Inken Kahlstorff. „Ich habe alle Gefühle mitgetragen und wir haben viel zusammen gelacht und manchmal auch geweint. Ich hatte bei der Begrüßung immer ganz kalte Hände vom Fahrradfahren und es wurde zum Ritual, dass mir Frau Kraus erst einmal die Hände gewärmt hat. Gegangen bin ich jedes Mal mit warmen Händen und einem warmen Herzen.“

Ins Leben gerufen wurde das Projekt „Erzähl mir deine Geschichte“ 2014 von der Fachstelle ÄlterWerden des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein. Sechs Interviewerinnen im Alter zwischen Ende dreißig und Mitte siebzig sind mittlerweile in Senioreneinrichtungen verschiedener Träger im Einsatz, um die Lebensgeschichten hochbetagter Menschen vor dem Vergessen zu bewahren. 17 Biografien liegen bereits in gedruckter Form vor, einige weitere sind in Arbeit.

Allein der Interviewte entscheidet, wer die Biografien bekommt

„Das Projekt hat sich zu einem attraktiven Modell für ehrenamtliche Besuchsarbeit entwickelt“, sagt Diakonin Ute Zeißler, die den Themenbereich „Biografiearbeit“ koordiniert und die zweimonatlichen Gruppentreffen der Interviewerinnen leitet. „Die Ehrenamtlichen gehen eine zeitlich befristete Beziehung zu den Senioren ein, in der sie wirklich in die Tiefe gehen können. Vielen Bewohnern in Pflegeeinrichtungen fehlt so ein Gegenüber, mit dem sie über ihr Leben sprechen und Vergangenes sortieren können. Wir verstehen es als ein Stück Seelsorge, den hochbetagten Menschen auf diesem Weg Wertschätzung für ihre Lebensleistung entgegenzubringen.“

Getragen wird das Projekt von Vertraulichkeit. Allein der Interviewte entscheidet, wem am Ende die gedruckte Lebensgeschichte zum Lesen ausgehändigt wird. Einige Senioren haben das Angebot genutzt, eine Lesung aus ihren Erinnerungen für die Mitbewohner in ihrer Einrichtung zu veranstalten. Psychologin Marianne Woelk (74) ist beim Projekt seit der ersten Stunde dabei und hat insgesamt elf rund 30-seitige Biografien von Bewohnern einer AWO-Einrichtung verfasst.

Es kann helfen, die eigene Geschichte besser zu verstehen

Fünfmal hat sie dort in einer Runde von zwei Dutzend Senioren aus fertigen Biografien vorgelesen und dazu Bilder aus dem Leben des Porträtierten präsentiert. „Es ist eine sehr bewegende Erfahrung mitzuerleben, wie aufmerksam neben den Zuhörern auch die Betroffenen ihrer eigenen Geschichte lauschen“, erzählt sie. „Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Bericht eines fast 80-Jährigen, der von seinem Vater in der Kindheit mit viel Prügel gepeinigt wurde. Der Zuspruch seiner Mitbewohner tat ihm gut und er zog am Ende stolz die Bilanz, dass sein Vater ihn nicht habe brechen können. Er sei immer gerade durchs Leben gegangen.“

Auch wenn der Interviewte die Themen für die Gespräche vorgibt und die Interviewerinnen Erinnerungslücken akzeptieren und nur vorsichtig lenkend oder vertiefend eingreifen, fördert die Biografiearbeit immer wieder kostbare Selbsterkenntnis zutage: Wer sein Leben lang gern gesungen hat oder in Krisensituationen Trost im Gebet fand, kann sich diese Kraftquellen im Alter neu erschließen.

Neue Erkenntnisse für die Interviewerinnen

Manchmal entstehe beim Reden auch ein Gefühl für die innere Strategie, mit der ein Mensch gut durch sein Leben gekommen sei, sagt Marianne Woelk. „Durch die intensiven Gespräche habe ich auch selbst schon hilfreiche Erkenntnisse für mein eigenes Älterwerden gewinnen können. Seither pflege ich Freundschaften noch ein Stück bewusster und achte jetzt noch mehr auf kleine Dinge und Erlebnisse, die schön sind und mein Herz erfreuen.“

Auch Marian Kopp, Direktor in der Einrichtung Pflegen & Wohnen Lutherpark, betont den Nutzen des Projekts für seine Bewohner. „Unsere Senioren haben als Kinder den Krieg erlebt und haben die Erinnerungen daran meist ihr Leben lang unterdrückt“, sagt er. „Wenn die Dämme im Alter durchlässiger werden, brauchen sie Aufmerksamkeit und einen geschützten Raum, um über ihre Erlebnisse sprechen zu können.“ Bewohnerin Ingrid Kraus hat entschieden, dass neben ihren Kindern und Enkeln auch zwei vertraute Mitarbeiterinnen des Hauses ihre Biografie ausleihen und lesen dürfen. „Sie waren platt, was ich alles erlebt habe“, sagt sie und lächelt. „Jetzt begreifen sie, wie ich zu der Kämpfernatur geworden bin, als die sie mich heute erleben.“

Informationen zum Projekt bei Ute Zeißler, E-Mail: ute.zeissler@kirchenkreis-hhsh.de Weitere Infos unter: www.seniorenwerk-hhsh.de/s/biografiearbeit/erzahl-mir-deine-geschichte-ich-schreibe-sie-auf/