Familienberatung

Adoption: „Kinder müssen wissen, woher sie kommen“

Für viele Paare in Deutschland geht der Wunsch nach einer Familie mithilfe einer Adoption in Erfüllung.

Für viele Paare in Deutschland geht der Wunsch nach einer Familie mithilfe einer Adoption in Erfüllung.

Ein neuer Gesetzentwurf sieht einen offeneren Umgang mit Adoptionen vor. Der Verein „Freunde der Kinder“ begleitet Eltern dabei.

Hamburg. Die kleine Marie kam als stilles, zurückhaltendes Kind zu Ute und Markus Scholler (Namen der Familie geändert). Elf Monate war sie alt und ihrer psychisch sehr labilen Mutter weggenommen worden, wie schon die Geschwister vor ihr. Die Schollers, die jahrelang versucht hatten, eigene Kinder zu bekommen, mussten nicht lange auf ein Adoptivkind warten.

Sie wollten nicht wie die meisten anderen ein Baby, sondern gern ein älteres Kind. Sie sahen Marie das erste Mal im Kinderheim, 14 Tage später zog sie bei dem Hamburger Paar ein. Schon sehr früh haben die Schollers ihrer Tochter erzählt, dass sie adoptiert wurde.

„Wir haben uns Bilderbücher von schwangeren Frauen angeschaut und dann habe ich gesagt, dass sie im Bauch einer anderen Frau gewesen sei“, erzählt Ute Scholler. Sie wollte ihrem Kind einen späteren Schock ersparen.

Geheimnis möglichst lange bewahrt

„Als ich hier 1992 anfing, fiel es Adoptiveltern schwer, ihren Kindern von den leiblichen Eltern zu erzählen, und erwachsene Adoptierte berichteten, spät oder negativ über die leiblichen Eltern erfahren zu haben“, sagt Kay-Uwe Fock, der Psychologe beim Verein „Freunde der Kinder“ ist. Es ist die einzige vermittlungsunabhängige Beratungsstelle für Eltern mit Pflege- und Adoptivkindern in Hamburg.

Er rät den Adoptiveltern dazu, ihrem Kind schon auf dem Wickeltisch von seiner Herkunft zu erzählen. „Die Lebensgeschichte des Adoptivkindes ist Teil der Familienentwicklung. Die Anerkennung der leiblichen Eltern hilft dem Kind, selbstbewusst mit seiner Geschichte umzugehen und eine stabile Identität zu entwickeln“, sagt Fock.

Mit 16 Jahren Recht auf Akteneinsicht

In diese Richtung stößt auch der gerade vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf zu einem neuen Adoptionshilfe-Gesetz. Es soll einen Rechtsanspruch auf eine Begleitung der Eltern auch nach der Adoption geben. Damit sollen die Herkunftsfamilien und die Adoptionsfamilien künftig besser von den rund 400 Vermittlungsstellen unterstützt, ein offener Umgang mit der Adoption gefördert werden.

„Kinder müssen wissen, woher sie kommen“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Sie habe in den Gesprächen mit Adoptierten gelernt, dass diejenigen, „die nicht mit einem Geheimnis groß geworden sind“, im Erwachsenenalter besser mit der Adoption umgehen können. Mit 16 hat das Kind ohnehin ein Recht auf Akteneinsicht, das setzt allerdings voraus, dass die Adoptiveltern ihm von seiner Herkunft erzählt haben und es beim Jugendamt Unterlagen dazu gibt.

„Wir unterstützen die Familien auch, wenn ein Kind unbedingt seine leiblichen Eltern kennenlernen will. Manche Kinder beschäftigen sich sehr damit. Meist reicht dann eine Begegnung, um das Kind zu entlasten“, sagt Fock.

Marie traf ihre leiblichen Geschwister

Die Schollers hatten zunächst kein Bedürfnis, Kontakt mit den leiblichen Eltern und Geschwistern aufzunehmen. Doch die Adoptiveltern von Maries Geschwistern machten sie ausfindig. Das Mädchen war 14 Jahre alt, als es seine zwei Brüder und eine Schwester traf. Die Mutter war schon verstorben, doch der Vater lebt noch. Einige der Kinder hatten psychische Probleme – wie auch Marie später, die dennoch einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung machte.

„Das Jugendamt hat uns zwar von den Problemen der Mutter erzählt, aber ich dachte, mit viel Liebe und guter Erziehung bekommen wir das schon hin. Ich war blauäugig“, sagt Ute Scholler. Denn Liebe allein reicht nicht, wie auch der Psychologe bestätigt. Die Kinder brauchen oft sehr klare Strukturen, fühlen sich schnell überfordert. „Es wird kein unbelastetes Kind vermittelt, sie tragen alle ein Päckchen mit sich rum, haben oft schon Stress im Bauch ihrer leiblichen Mutter, Vernachlässigung und elterliche Unzuverlässigkeit erlebt“, sagt Fock.

50 Prozent weniger Kinder adoptiert als vor 20 Jahren

Jährlich gibt es rund 4000 Adoptionen in Deutschland. 2018 waren es laut Bundesfamilienministerium genau 3733 Adoptionen, 176 davon aus dem Ausland. Insgesamt ist die Zahl der Adoptionen jedoch gesunken – vor zehn Jahren wurden durchschnittlich 4500 Kinder jährlich adoptiert, vor fast 30 Jahren lag die Zahl bei 8700.

Ein Grund für den Rückgang ist die Reproduktions­medizin, die in dieser Zeit große Fortschritte gemacht hat – immer mehr Kinder entstehen durch künstliche Befruchtung. Zudem hat die Zahl der unerwünschten Schwangerschaften abgenommen und gleich­zeitig ist die Akzeptanz für alleinstehende Mütter in der Gesellschaft gestiegen.

Schwierigste Phase ist meistens die Pubertät

In die Beratungsstelle „Freunde der Kinder“ kommen die Eltern meist dann, wenn die Schwierigkeiten anfangen. Das ist oft in der ersten Übergangsphase, wenn Kinder zur Kita oder in die Schule kommen, und vor allem, wenn die Pubertät beginnt. „Rund 50 Prozent der Beratungen betreffen Pubertätsprobleme“, sagt Kay-Uwe Fock, dessen Verein neben Einzelgesprächen, Adoptiv-Bewerberseminaren, Selbsthilfegruppen auch Workshops zum Thema Pubertät und Biografiearbeit anbietet.

Auch bei Schollers gab es in der Kita erstmals Schwierigkeiten mit Marie. Nach einer Eingewöhnungsphase wollte sie plötzlich nicht mehr hin. „Sie sagte nicht warum, sondern blieb sechs Wochen bei uns, dann ging es wieder“, erinnert sich Ute Scholler. Marie habe zudem nie gut mit Kritik umgehen können, ihr Selbstwertgefühl sei immer schwach gewesen. „Kleinigkeiten brachten sie zum Ausflippen. Das wurde in der Pubertät schlimmer. Sie beleidigte uns und auch ihre Freunde lautstark auf schlimmste Weise, völlig unangemessen“, so ihre Mutter.

Eltern lernen mit Angst der Kinder umzugehen

Für den Psychologen Fock ist das eine häufige Reaktion von Adoptivkindern. „Die Kinder haben die frühe Trennung von den leiblichen Eltern erlebt. Diese Verlusterfahrung und der damit verbundene Stress macht sie stressempfindlich, sie fühlen sich in einem Konflikt oft ohnmächtig.

Jeder Streit wird wie ein Kampf um Leben und Tod erlebt.“ In der Beratungsstelle lernen Eltern, mit der Angst ihrer Kinder umzugehen. „Es ist gut, wenn Eltern schon zu uns kommen, bevor die Probleme anfangen und sich mit anderen austauschen. Das hilft, um ihre Kinder besser zu verstehen“, sagt Fock.

„Freunde der Kinder“, Fuhlsbüttler Str. 769, Tel. 59 49 00, www.freunde-der-kinder.de