Kolumne

Kinder, die im Ausland deutsche Tugenden schätzen

Sabine Tesche

Sabine Tesche

Foto: Andreas Laible / HA

Mein Sohn wird in Australien plötzlich zum Frühaufsteher und Organisationstalent. Manchmal geschehen eben Wunder

Wir alle haben die Erfahrung gemacht, wie sehr wir unser Heimatland wertschätzen, wenn wir einmal eine Zeit lang außerhalb leben. Dass allerdings mein unordentlicher, bisher ziemlich unorganisierter Sohn sich in Australien auf deutsche Tugenden beruft, hat mich doch sehr erstaunt. Seit zwei Monaten arbeitet mein Ältester als Müllmann in Sydney. Er steht jeden Morgen (sogar am Neujahrstag!) um 5 Uhr auf und läuft eine halbe Stunde zum Arbeitsplatz, wo er mit einem Kollegen durch die Straßen der Großstadt fährt und Mülltonnen einsammelt und auskippt.

Doch gerade am Anfang hat ihn die seiner Meinung nach ineffektive Arbeitsweise des Müllbetriebs aufgeregt. „Wir fahren hier stundenlang durch die Gegend, um einzelne Mülltonnen aufzuspüren, die noch nicht geleert worden sind. Das macht überhaupt keinen Sinn“, schimpfte er. Es bringt ihm aber dennoch überdurchschnittlich viel Geld.

Und er hat sein Organisationstalent entdeckt. Bis er wiederkommt, hat er bereits alle weiteren Flüge, Busse und Hostels in drei verschiedenen Ländern gebucht und in einer Excel-Tabelle aufgelistet. Was so ein Auslandsjahr doch für Wunder bewirkt.